Dokumentarfilme

Er beschrieb den Kindesmissbrauch selbst. Die Polizei wartete sieben Monate

Eine Sektexpertin infiltrierte den Kreis eines selbsternannten Propheten und lieferte der Polizei eine Tonaufnahme — doch die Behörden zögerten monatelang. Vertrau mir: Der falsche Prophet zeigt, wie institutionelles Versagen in geschlossenen religiösen Gemeinschaften funktioniert.
Veronica Loop

Samuel Rappylee Bateman, ein ehemaliges Mitglied der FLDS-Sekte — der Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints, einem polygamen Ableger des Mormonentums — rief sich 2019 zum Nachfolger des inhaftierten Sektenführers Warren Jeffs aus. In der Grenzgemeinde Short Creek an der Grenze zwischen Arizona und Utah, dem traditionellen Stammland der FLDS, baute er sich innerhalb weniger Monate eine Gefolgschaft auf. Er nahm mehr als zwanzig „spirituelle Ehefrauen“, mindestens zehn davon minderjährig. Die jüngsten Opfer waren neun Jahre alt. Mehrere Gemeindemitglieder und die Sektexpertin Christine Marie erstatteten wiederholt Anzeige bei den örtlichen Behörden. Im November 2021 lieferte Marie der Polizei eine verdeckte Aufnahme, in der Bateman selbst die sexuellen Missbrauchsrituale beschrieb, die er als göttlichen Auftrag darstellte. Die örtliche Polizei wartete sieben Monate, bevor sie das FBI einschaltete.

Dieses institutionelle Zögern ist das Kernthema der vierteiligen Netflix-Dokumentarserie Vertrau mir: Der falsche Prophet, die am 8. April 2026 weltweit erscheint. Regie führt Rachel Dretzin, die bereits 2022 mit Keep Sweet: Bete und gehorche eine der meistgesehenen Dokumentarserien in der Geschichte von Netflix gedreht hatte.

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Ein historisch verankertes Behördenversagen

Das Verhalten der örtlichen Polizei lässt sich nicht allein mit Fahrlässigkeit erklären. Es hat eine konkrete historische Ursache. 1953 ordnete der Gouverneur von Arizona eine Großrazzia auf die Polygamistengemeinschaft in Short Creek an: 164 Kinder wurden von ihren Familien getrennt, die Medienberichterstattung war vernichtend für die Behörden, der Gouverneur verlor die nächste Wahl. Diese politische Niederlage prägte die Behördenkultur beider US-Bundesstaaten für Jahrzehnte: Eingriffe in diese spezifische Gemeinschaft galten als politisch zu kostspielig. Was sich daraus entwickelte, war kein formales Gesetz, sondern eine institutionelle Gewohnheit — ein ungeschriebener Schwellenwert, der in Short Creek deutlich höher lag als anderswo.

Bateman nutzte diesen Schutz, den er nicht selbst geschaffen hatte, sondern geerbt hatte. Die FLDS-Theologie hatte die Gemeinde seit Generationen auf prophetischen Gehorsam konditioniert: Der Wille des Propheten galt als Wille Gottes; Widerstand gleichbedeutend mit spiritueller Verdammnis. Männer, die Bateman ihre minderjährigen Töchter als Ehefrauen übergaben, handelten nicht trotz ihrer religiösen Überzeugungen, sondern aufgrund davon. Das kriminologische Konzept des coercive control — der koerziven Kontrolle — beschreibt genau dieses Muster: Opfer werden nicht nur missbraucht, sondern architektonisch in das Missbrauchssystem integriert, sodass die Grenze zwischen Opfer und Mitläufer systematisch verwischt wird.

Christine Marie, eine Spezialistin für Sektendynamiken, war bereits vor Batemans Aufstieg in Short Creek tätig. Sie hatte das Vertrauen der Gemeinschaft aufgebaut, half Mitgliedern beim Ausstieg aus der FLDS und kannte die innere Struktur dieser für Außenstehende undurchdringlichen Welt. Als Bateman 2019 begann, Mädchen als Ehefrauen zu nehmen, informierte sie die örtliche Polizei mindestens sechs Mal. Die Antwort war stets dieselbe: keine ausreichende Beweisgrundlage. Im November 2021, während einer heimlichen Aufnahme in einem Auto, beschrieb Bateman ihr gegenüber detailliert die sogenannten „Sühnezeremonien“ — Gruppenakte mit Erwachsenen und Minderjährigen, die er als göttliches Gebot darstellte. Christine Marie übergab die Aufnahme sofort der Polizei. Sieben Monate vergingen.

Die Verhaftung: Ein Zufallsfund auf dem Highway

Batemans Verhaftung war kein Ergebnis von Maries Ermittlungsarbeit. Sie war das Produkt eines Zufalls. Im August 2022 fiel einem Polizisten der Arizona Highway Patrol auf einer Bundesautobahn auf, dass aus der Ritze eines geschlossenen Anhängers kleine Finger herausragten. Im Inneren des unbelüfteten Anhängers — ohne sanitäre Ausstattung außer einem Eimer — fanden die Beamten drei Mädchen im Alter von elf bis vierzehn Jahren. Bateman kam auf Kaution frei. Im September durchsuchte das FBI seine Wohnhäuser in Colorado City und befreite neun Kinder, die unter staatliche Obhut gestellt wurden.

Von der Untersuchungshaft aus koordinierte Bateman über verschlüsselte Messaging-Apps die Entführung dieser Kinder aus ihren Pflegefamilien. Acht der Mädchen wurden Wochen später in Spokane im Bundesstaat Washington von Ermittlern aufgefunden. Die logistische Planung einer länderübergreifenden Kindesentführung aus einer Gefängniszelle heraus — bis Bateman seinen Anhängern befahl, die digitalen Beweise zu löschen — verdeutlicht, welche operative Kontrolle er auch nach seiner Inhaftierung über seine Gefolgschaft behielt. Elf seiner erwachsenen Anhänger wurden ebenfalls verurteilt. Im Dezember 2024 verurteilte die Bundesrichterin Susan M. Brnovich Bateman zu fünfzig Jahren Haft, gefolgt von lebenslanger Bewährungsaufsicht. „Das Ausmaß des Schadens, den Sie verursacht haben, ist schlicht unermesslich“, erklärte sie bei der Urteilsverkündung.

Vertrau mir im Kontext des investigativen Dokumentarfilms

Rachel Dretzin setzt mit dieser Serie ihre analytische Arbeit über die FLDS fort — jedoch mit einem entscheidenden methodischen Unterschied zu Keep Sweet: Bete und gehorche. Während die frühere Serie auf retrospektiven Zeugenaussagen beruhte, verfügt Vertrau mir über Echtzeitdokumente: die verdeckten Aufnahmen von Christine Marie und ihrem Mann, dem Kameramann Tolga Katas. Diese Bilder sind kein Beweis im nachträglichen Sinne — sie sind zeitgleich mit den Ereignissen entstanden, in einer geschlossenen Gemeinschaft, in die kein externer Journalist hätte eindringen können.

Deutschland hat seine eigene Auseinandersetzung mit institutionellem Versagen im Bereich religiöser Machtstrukturen. Die Aufarbeitung des Missbrauchs durch die katholische Kirche — vom Bistum Aachen bis zu den Regensburger Domspatzen — hat gezeigt, wie tiefgreifend Glaubenssysteme staatliche Eingriffe verzögern können, wenn die politischen Kosten des Handelns als zu hoch eingeschätzt werden. Der Fall Bateman ist das amerikanische Pendant zu diesem Muster: nicht eine Ausnahme, sondern eine Fallstudie in der Funktionslogik institutioneller Passivität gegenüber religiös camoufliertem Missbrauch.

Was das Urteil nicht lösen kann

2023 wurde bekannt, dass FLDS-Mitglieder sich in North Dakota neu zu organisieren begonnen hatten und dass Helaman Jeffs, der Sohn von Warren Jeffs, als neue Autoritätsfigur innerhalb der Sekte aufgetaucht war. Die Struktur, die Bateman möglich gemacht hatte, existiert weiter. Das Urteil gegen ihn hat einen Täter aus dem Verkehr gezogen; die institutionellen Bedingungen, die ihn über Jahre geschützt hatten — der informelle Eingriffsvorbehalt in geschlossenen religiösen Gemeinschaften, geprägt durch die politische Erinnerung an 1953 — sind dadurch nicht aufgehoben worden. Diese Frage lässt sich nicht durch ein Strafmaß beantworten.

Vertrau mir: Der falsche Prophet, eine vierteilige Netflix-Dokumentarserie von Rachel Dretzin, ist ab dem 8. April 2026 weltweit verfügbar. Jede Episode hat eine Laufzeit von etwa 45 Minuten.

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