Kino

53 Sonntage: Wenn der alternde Vater zum Vorwand wird für alles, was nie gesagt wurde

Drei Geschwister, ein Vater der sich verändert, und Jahrzehnte ungeklärter Rechnungen am selben Tisch
Martha Lucas

Es gibt eine Familienversammlung, die niemand einberuft und die dennoch irgendwann stattfinden muss. Die offizielle Tagesordnung klingt sachlich, fast beruhigend in ihrer vorgetäuschten Klarheit: Was machen wir mit Papa? Aber die eigentliche Versammlung hat eine andere Tagesordnung. Sie wartet seit Jahren — in jedem abgebrochenen Telefonat, in jedem verkürzten Besuch, in jeder Weihnachtsfeier, bei der man sich stillschweigend darauf geeinigt hat, bestimmte Dinge nicht anzusprechen. Der katalanische Regisseur Cesc Gay hat sein gesamtes filmisches Werk diesem Moment gewidmet: dem Augenblick, in dem das Ungesagte keine Wahl mehr hat als gesagt zu werden.

In 53 Sonntage (53 domingos) hat ein sechsundachtzigjähriger Vater begonnen, sich seltsam zu verhalten. Seine drei erwachsenen Kinder treffen sich, um über seine Zukunft zu entscheiden: Pflegeheim oder Leben bei einem von ihnen? Die Versammlung beginnt mit der Korrektheit, die eine Familie aufbringen kann, die sich schon lange nicht mehr wirklich gesehen hat. Dann sagt jemand das falsche Wort. Oder das richtige — was in einer Familie oft dasselbe ist.

Die Besonderheit von Gays Kino liegt in einer Erkenntnis, die sowohl dramatisch als auch komisch ist: Der Streit über den Vater handelt nie wirklich vom Vater. Der Vater ist der Anlass, die Eintrittskarte zu allem, was diese drei Erwachsenen über Jahrzehnte angehäuft haben. In der deutschen Erzähltradition — von Fassbinders Familiendramen über die Gegenwartsstücke von Marius von Mayenburg bis zur Literatur der Gegenwartsväter und -töchter — ist die Familie kein bloß privater Ort, sondern ein Seismograf gesellschaftlicher Verwerfungen. Gay arbeitet in einem anderen, leichteren Ton, aber er kennt diese strukturelle Wahrheit: was in einer Familienversammlung aufbricht, ist nie zufällig. Es hat eine Geschichte. Es hat eine Schuld. Und es hat eine Geometrie, die sich über die Zeit geformt hat, lange bevor irgendjemand sich entschieden hat, das Thema anzusprechen.

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Das Familienensemble, das Gay konstruiert, ist mit einer Präzision gebaut, die dem deutschen Publikum sofort vertraut sein wird. Die zwei Brüder, gespielt von Javier Cámara und Javier Gutiérrez, und die Schwester, Carmen Machi, sowie die Frau eines der Brüder, Alexandra Jiménez, besetzen Rollen, die jede Familie kennt, auch wenn sie sie anders benennt. Da ist der Bruder, der Karriere gemacht hat und seinen beruflichen Erfolg mit moralischer Autorität über alles andere verwechselt. Da ist der, der mehr getragen hat, ohne es je verlangt zu haben, und der das nie ausgesprochen hat. Da ist die Schwester, die die Wahrheit sagt, weil sie keinen überzeugenden Grund mehr findet, es nicht zu tun. Und da ist die Schwägerin, die von außen schaut und genau weiß, wo jede Wunde sitzt — aber am Ende doch die falsche berührt.

Javier Cámara, Gays langjähriger Weggefährte und bereits in Truman und Sentimental die zentrale Figur seines filmischen Universums, bringt in seine Rolle jene seltene Qualität, die sein bestes Schaffen definiert: einen Mann von echter Intelligenz und Empfindungsfähigkeit, der nicht verhindern kann, dass beides zur Zumutung für die anderen wird. Carmen Machi, deren Können von präziser Körperkomödie bis zu stiller Verzweiflung reicht, spielt die Schwester mit der Gelassenheit einer Frau, die schon lange aufgehört hat, die Wahrheit zu zensieren — und die noch immer überrascht ist, welchen Schaden sie damit anrichten kann. Javier Gutiérrez übernimmt die technisch anspruchsvollste Rolle des Quartetts: den Bruder, der nicht weiß, dass er das Problem ist. Gay hat selbst zugegeben, dass dieser Charakter am schwierigsten zu kalibrieren war — ihn wirklich komisch zu machen statt bloß ärgerlich. Was Gutiérrez mit dieser stillen, sich selbst nie hinterfragenden Gewissheit tut, gehört zum Präzisesten, was das spanische Gegenwartskino zu bieten hat. Alexandra Jiménez als Schwägerin verkörpert die Figur, die Gays Ensemblefilme immer brauchen: die Außenstehende, die lange genug dabei ist, um alles zu wissen, aber nicht zugehörig genug, um rechtzeitig einzugreifen.

Der Ton, in dem Gay arbeitet, hat keine saubere deutsche Entsprechung, wird aber sofort erkannt. Es ist nicht die schwarze Komödie im Fassbinder-Sinne, nicht das bürgerliche Trauerspiel, nicht die Klamotte. Es ist etwas Genaueres: die Komödie der emotionalen Ausweichbewegung. Gays Figuren sind komisch genau deshalb, weil sie zur Aufrichtigkeit unfähig sind, und das Lachen, das sie auslösen, ist das Lachen der Wiedererkennung — jenes leicht beschämte Lachen, das entsteht, wenn man sich selbst bei einer Handlung ertappt, die man kennt und von der man weiß, dass sie falsch ist. Der Witz im denkbar ungünstigsten Moment ist kein Zeichen fehlender Sensibilität. Er ist die einzige Sprache, die zur Verfügung steht, wenn die eigentliche Sprache zu gefährlich geworden ist.

Die Kameraarbeit von Andreu Rebés, gedreht mit einer Arri Alexa 35 und Leica-Summilux-Optiken, erzeugt Bilder von einer spezifischen Wärme: Gesichter, die präzise ausgeleuchtet sind, ohne beschönigt zu werden, Innenräume, die atmen, ohne malerisch zu wirken, das Licht eines Sonntagsnachmittags in einer Madrider Wohnung, das ebenso gut das Licht eines Sonntags in Hamburg, Leipzig oder Wien sein könnte. Das Visuelle dient dem Emotionalen mit der Nüchternheit eines Handwerks, das sich selbst nicht in den Vordergrund drängt. Gay nutzt die Kamera nicht, um den Theaterraum des Originals zu öffnen, sondern um tiefer in ihn einzudringen — um den Gesichtern näher zu kommen in dem Moment, in dem sie sagen, was sie besser verschwiegen hätten. Der Film wurde in dreißig Tagen gedreht, hauptsächlich im Netflix-Produktionszentrum in Tres Cantos bei Madrid sowie an verschiedenen Außenlocations in der Stadt.

53 Sonntage gehört zu einer Tradition, die in Deutschland eine strukturelle Verwandtschaft findet: dem Kammerspiel als Seziertisch. Von Schnitzlers Reigen über Kroetz bis zu den zeitgenössischen Familiendramen eines Roland Schimmelpfennig weiß das deutschsprachige Theater, dass die Familie der Ort ist, an dem die zivilisatorischen Verkleidungen am dünnsten sind. Gay arbeitet leichter, humorvoller, mediterraner — aber er kennt dieselbe Wahrheit. Was seine Filme von den düsteren Vertretern dieses Genres unterscheidet, ist der Ausgang: seine Familien zerstören sich nicht. Sie überleben, was gesagt wurde. Das Gesagte lässt sich nicht ungeschehen machen, aber es macht auch die vierzig Jahre gemeinsamer Geschichte nicht ungeschehen. Und in dieser Gleichzeitigkeit — Verletzung und Fortbestand, Wahrheit und Weitermachen — liegt das, was Gays Kino seinen Vorgängern voraushat.

53 Sundays
53 Sundays – Courtesy of Netflix

Die Filmfassung basiert auf Gays Theaterstück 53 diumenges, das 2020 am Teatre Romea in Barcelona uraufgeführt wurde. Produziert von Imposible Films, dem Barceloneser Produktionsunternehmen, das alle Filme Gays begleitet hat, mit Marta Esteban und Laia Bosch als ausführenden Produzentinnen, läuft 53 Sonntage seit dem 27. März 2026 weltweit auf Netflix.

Was Gay mit diesem Film sagt — wie mit allem, was er seit zwanzig Jahren macht — ist folgendes: Liebe in einer Familie sieht nie so aus, wie man sich vorstellt, dass Liebe aussehen sollte. Sie sieht aus wie ein Streit über ein Pflegeheim. Sie sieht aus wie ein Vorwurf, der zu laut formuliert wurde. Sie sieht aus wie ein Witz, den jemand im schlechtesten Moment macht, weil er nicht anders kann. Und manchmal sieht sie aus wie drei Geschwister, die am Ende des Abends noch immer im selben Raum sitzen, obwohl nichts sie dazu zwingt — was vielleicht die ehrlichste Definition von Familie ist, die das Kino geben kann.

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