Kunst

Volume Gallery eröffnet monumentalen neuen Standort in Chicago: Wenn Design-Innovation das Alte zertrümmern muss

Die Eröffnungsausstellung „The Heresy of Legacy“ hinterfragt den Wert von Traditionen und setzt neue Maßstäbe für die Kunstszene im Trendviertel West Town.
Lisbeth Thalberg

Chicagos Kunstszene erlebt einen bedeutenden Wendepunkt: Die renommierte Volume Gallery bezieht ihr neues, beeindruckendes Domizil im industriellen Herzen von West Town. Mit der Verdreifachung ihrer Ausstellungsfläche setzt die Galerie nicht nur ein physisches Zeichen, sondern stellt auch eine provokante Frage zur Zukunft der Kultur: Muss man das Vergangene erst zerstören, um Platz für echte Innovation zu schaffen? In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Design, Kunst und Handwerk zunehmend verschwimmen, markiert dieser Umzug den Beginn einer Ära, die den Dialog zwischen geschichtlicher Ehrfurcht und radikaler Rebellion ins Zentrum rückt. Das neue Kapitel der Galerie beginnt mit einer Untersuchung darüber, wie die „Ketzerei“ von heute zum Kanon von morgen wird.

Das Paradoxon des Erbes: Zerstörung als kreativer Akt

Die intellektuelle Grundlage für diesen Neuanfang lieferte der verstorbene Architekt Stanley Tigerman. Er betrachtete die Weitergabe des „kreativen Staffelstabs“ als einen fast schon gewaltsamen Akt. Sein Rat an die nachfolgende Generation war drastisch: Man solle den Stab nehmen und damit symbolisch auf den Vorgänger „einstechen“, der ihn überreicht hat. Diese Metapher verdeutlicht, dass kultureller Fortschritt oft mehr verlangt als die bloße Würdigung der Geschichte. Es geht um den aktiven Abbruch bestehender Strukturen, um Raum für Neues zu schaffen. Diese Spannung zwischen der Last der Tradition und der Notwendigkeit des Bruchs bildet den Kern der aktuellen Neuausrichtung.

Sarah Rosalena
Terrapine, 2024
Pine needles, waxed thread, and stoneware
18.5h x 14w x 14d inches
47h x 35.6w x 35.6d cm
Sarah Rosalena artwork photographed for Blum Gallery by Evan Walsh

Ein neues industrielles Zentrum für wegweisendes Design

Das neue Gebäude in der 1700 West Hubbard Street bietet auf einer Fläche von rund 325 Quadratmetern Raum für Installationen in bisher ungekannter Dimension. Mit Terrazzoböden und markanten, doppelt so hohen Decken unterstreicht die Architektur, dass das physische Erleben von Design auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar bleibt. Die Volume Gallery gliedert sich damit in ein wachsendes Netzwerk zeitgenössischer Kunsträume ein, die das Viertel revitalisieren und das kulturelle Epizentrum der Stadt zunehmend in weitläufige, industrielle Umgebungen verschieben.

The Heresy of Legacy: Ein Dialog der Generationen

Zur feierlichen Eröffnung präsentieren die Gründer Claire Warner und Sam Vinz die Gruppenausstellung „The Heresy of Legacy“. Die Schau untersucht den zyklischen Charakter der Kultur: Wie Akte der Revolte über die Zeit zu Traditionen erstarren, nur um schließlich von einer neuen Welle von Ikonoklasten herausgefordert zu werden. Dabei zeigt die kuratorische Auswahl, dass Innovation nicht isoliert entsteht, sondern gerade durch die Reibung mit dem bestehenden Kanon.

In den neuen Räumlichkeiten treten Ikonen der Postmoderne wie Robert Venturi, Denise Scott Brown und Stanley Tigerman in einen direkten Dialog mit zeitgenössischen Positionen, darunter Künstlerinnen wie Selva Aparicio und Sarah Rosalena. Dieser Ansatz verdeutlicht eine Philosophie, in der das kreative Erbe gleichzeitig als Geschenk und als Werkzeug der Veränderung wahrgenommen wird. Die Einbeziehung unterschiedlicher Generationen suggeriert, dass das Ringen um neue Materialien und Formen ein kontinuierlicher, nicht linearer Prozess ist.

Blick in die Zukunft der Materialforschung

Auch über die Eröffnung hinaus bleibt das Programm der Galerie der Grenzüberschreitung verschrieben. Geplante Einzelausstellungen werden sich intensiv mit Künstlern auseinandersetzen, die Materialgeschichten herausfordern. Dazu gehören die präzisen Skalenexperimente von Jonathan Muecke sowie die Arbeiten von Joe Feddersen, der indigene Bildsprache mit zeitgenössischen visuellen Ausdrucksformen verbindet. Die Galerie festigt damit ihre Mission, eine Plattform für experimentelle Methoden zu bieten und die Karrieren ihrer Künstler nachhaltig und ambitioniert zu fördern.

Die physische Erweiterung der Institution spielt eine entscheidende Rolle im kulturellen Ökosystem. Durch das Bekenntnis zu einem größeren, permanenten Standort in Chicago unterstreicht die Volume Gallery, dass die unmittelbare Begegnung mit Kunst und Design essenziell bleibt. „The Heresy of Legacy“ dient dabei als passender Prolog für diese neue Ära und erinnert das Publikum daran, dass Kunstgeschichte kein statisches Archiv ist, sondern ein ewiger Zyklus aus Erschaffen, Einreißen und Neuerfinden.

Der reguläre Betrieb am neuen Standort in West Town beginnt im Februar 2026.

Lia Cook
New Master Draperies: Leonardo I, 1990
Dyes and acrylics on linen and rayon
32h x 26w inches
81.3h x 66w cm
Lia Cook
New Master Draperies: Leonardo I, 1990
Dyes and acrylics on linen and rayon
32h x 26w inches
81.3h x 66w cm

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