Kunst

Wie Brassaï die moderne Stadt nach Einbruch der Dunkelheit sichtbar machte

Brassaïs Fotografien des nächtlichen Paris zeigen, wie Sichtbarkeit, Begehren und Macht das urbane Leben prägen, sobald es dunkel wird. Heute gelesen, stellen sie die Frage, was Städte zu zeigen bereit sind – und was sie lieber verborgen halten.
Lisbeth Thalberg

Fast ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung prägen Brassaïs Fotografien des nächtlichen Paris noch immer das Selbstverständnis der modernen Stadt. Ihre erneute Präsentation ist heute relevant, weil sie anhaltende Fragen nach Sichtbarkeit und Privatsphäre im urbanen Leben aufwerfen. Lange bevor Dauerbeleuchtung und digitale Bilder die Dunkelheit verdrängten, zeigte Brassaï die Nacht als einen Raum, in dem Identitäten verschwimmen, soziale Regeln sich lockern und die Stadt offenbart, was das Tageslicht in Schach hält.

Eine Ausstellung, die in diesem Winter in der Howard Greenberg Gallery eröffnet, vereint zwei miteinander verflochtene Werkgruppen: die Bilder aus Brassaïs wegweisendem Fotobuch Paris bei Nacht von 1933 und eine weniger bekannte Serie von Fotografien, die lange der Öffentlichkeit vorenthalten wurden und später unter dem Titel Das geheime Paris bekannt wurden. Zusammen betrachtet, zeigen sie nicht nur die Spannweite von Brassaïs Blick, sondern auch die sozialen Grenzen, die einst bestimmten, was gezeigt werden durfte.

Als Paris bei Nacht erstmals erschien, bot es etwas bislang Ungekanntes. Straßen glänzten im Regen, Liebespaare verweilten in Hauseingängen, Cafés leuchteten vor tiefem Schatten. Paris erschien nicht als postkartenhafte Ansammlung von Monumenten, sondern als lebendiger Organismus nach Einbruch der Dunkelheit. Diese Bilder trugen entscheidend dazu bei, die Nachtfotografie als ernsthafte künstlerische Ausdrucksform zu etablieren – fähig, Stimmung, Mehrdeutigkeit und Moderne einzufangen, ohne auf die Klarheit des Tageslichts angewiesen zu sein.

Neben diesen heute kanonischen Aufnahmen existierten jedoch Fotografien, die damals als nicht veröffentlichungsfähig galten. Brassaïs Kamera drang auch in Bordelle, illegale Bars und intime Innenräume vor, in denen sich das inoffizielle Leben der Stadt entfaltete. Diese Bilder, jahrzehntelang unterdrückt und erst Mitte der 1970er Jahre publiziert, legen ein paralleles Paris offen, geprägt von Geheimhaltung und Überschreitung. Ihr verspätetes Erscheinen sagt ebenso viel über sich wandelnde moralische Klimata aus wie über die Fotografien selbst.

Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Grob Gallery in Genf präsentiert wird, lässt diese beiden Sichtweisen nebeneinander bestehen. Die Wirkung ist nicht sensationell, sondern klärend. Brassaïs Paris war stets doppeldeutig: poetisch und schroff, zärtlich und gleichgültig. Straßenlaternen und Spiegel, Nebel und Steinmauern werden zu Instrumenten, um sich in einer Stadt zu bewegen, in der öffentliches Schauspiel und private Verletzlichkeit ständig ineinandergreifen.

Brassaï kam in den 1920er Jahren als Journalist nach Paris und streifte nachts durch die Stadt, nachdem er seine Tagesaufträge erledigt hatte. Seine Arbeitsweise war langsam und bedacht, geprägt von langen Belichtungszeiten und geduldiger Beobachtung. Zeitweise begleitet vom Schriftsteller Henry Miller, erwarb er sich den Ruf eines Eingeweihten in die verborgenen Rhythmen der Stadt. Der Romancier nannte ihn berühmt „das Auge von Paris“ – eine Formulierung, die sowohl seine Nähe zur Stadt als auch seine Rolle als Zeuge einfing.

Sein Werk entstand nicht im luftleeren Raum. Brassaï wurde stark vom ungarischen Fotografen André Kertész beeinflusst, dessen lyrischer Zugang zu alltäglichen Szenen dazu beitrug, die Straße als Ort künstlerischer Auseinandersetzung zu legitimieren. Was Brassaï hinzufügte, war die Dunkelheit selbst – nicht als Abwesenheit, sondern als Substanz. Die Nacht wurde zu einem Raum, in dem soziale Hierarchien verschwammen und neue Formen von Sichtbarkeit entstanden.

Die erneute Aufmerksamkeit für Brassaïs Werk fällt mit einer Neuauflage von Paris bei Nacht bei Flammarion sowie einer großen Museumsausstellung im Stockholmer Moderna Museet zusammen. Gemeinsam deuten diese Projekte auf ein anhaltendes Interesse an der Fotografie des frühen 20. Jahrhunderts als Linse für gegenwärtige Fragen hin: Wer kontrolliert Bilder, wessen Leben wird gesehen, und wie erinnern sich Städte an sich selbst?

In der erneuten Betrachtung von Brassaïs Paris feiert die Ausstellung mehr als nur einen Meisterfotografen. Sie erinnert daran, dass Städte Archive gelebter Erfahrung sind, geschichtet aus Geschichten, die nur unter bestimmten Bedingungen an die Oberfläche treten. Die Nacht war bei Brassaï nicht bloß eine Tageszeit, sondern eine Art, Geschichte zu sehen – fragmentarisch, intim und unaufgelöst.

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