Musik

Warum Paul McCartneys Neuerfindung nach den Beatles die moderne Musik bis heute prägt

Eine neue Dokumentation blickt auf die unsicheren Jahre nach The Beatles zurück und zeigt, wie Paul McCartney seine kreative Identität neu aufbaute und die Vorstellung von Langlebigkeit in der Popmusik neu definierte.
Alice Lange

Als Paul McCartney sich von The Beatles löste, verließ er nicht nur eine Band, sondern eine kulturelle Kraft, die eine ganze Epoche geprägt hatte. Man on the Run, eine neue Dokumentation von Morgan Neville, richtet den Blick auf das folgende Jahrzehnt und untersucht, wie McCartney mit Unsicherheit umging, neues Selbstvertrauen gewann und eine musikalische Identität formte, die bis heute Vorstellungen von Kreativität, Widerstandskraft und künstlerischem Vermächtnis beeinflusst.

Nach der Veröffentlichung seines ersten Soloalbums im Jahr 1970 erlebte McCartney eine Phase persönlicher und beruflicher Orientierungslosigkeit. Die Erwartungen der Öffentlichkeit waren enorm, und der kulturelle Schatten der Beatles war allgegenwärtig. Der Film zeichnet nach, wie McCartney diesen Übergang bewältigte, Wings gemeinsam mit Linda McCartney und einer wechselnden Gruppe von Musikern gründete und sich durch Experimentierfreude, Ausdauer und Zusammenarbeit schrittweise neues Vertrauen erarbeitete.

Auf der Grundlage umfangreichen Archivmaterials und der Fotografien von Linda McCartney entwirft Man on the Run das Porträt eines Künstlers, der lernt, ohne die kollektive Identität zu arbeiten, die ihn zuvor definiert hatte. Interviews mit Paul, seiner Familie, ehemaligen Bandkollegen und anderen Musikern verorten diese Phase nicht als Rückzug von der Ambition, sondern als bewussten Prozess des Wiederaufbaus. Die frühen Schwierigkeiten von Wings und ihr späterer Erfolg zeigen, wie Kontinuität und Vertrauen zu zentralen Elementen von McCartneys kreativer Philosophie wurden.

Die Dokumentation beleuchtet auch, wie sich Wings zu einem der kommerziell erfolgreichsten Acts des Jahrzehnts entwickelte und damit die Annahme infrage stellt, McCartneys Jahre nach den Beatles seien von Kompromissen geprägt gewesen. Alben wie Band on the Run, Venus and Mars und Wings at the Speed of Sound werden als Meilensteine einer längeren Erzählung über künstlerische Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit eingeordnet.

Nevilles Ansatz vermeidet Nostalgie zugunsten der Reflexion. Statt ausschließlich Erfolge zu feiern, verweilt der Film bei Unsicherheit, Verletzlichkeit und der stillen Disziplin, die notwendig ist, um eine Karriere über ihr bekanntestes Kapitel hinaus aufrechtzuerhalten. Dadurch wird McCartneys Schaffen in den 1970er Jahren als Phase kultureller Neujustierung neu bewertet, nicht bloß als Fußnote seines früheren Erfolgs.

Während das Interesse an der Wings-Ära durch jüngste Wiederveröffentlichungen, Publikationen und Archivveröffentlichungen weiter wächst, positioniert Man on the Run dieses Jahrzehnt als zentral für das Verständnis von McCartneys Vermächtnis. Der Film legt nahe, dass letztlich nicht das Ergebnis der Neuerfindung entscheidend ist, sondern der Prozess selbst, der künstlerische Langlebigkeit definiert.

Paul McCartney: Man on the Run
Paul McCartney: Man on the Run

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