Fernsehen

Anthracite: Ein beklemmendes Alpenrätsel mit holprigem Erzähltempo

Alice Lange
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Die Eröffnungsszene von Anthracite verweilt auf den schneebedeckten Gipfeln von Lévionna, einem französischen Alpendorf, in dem Geheimnisse wie Fäulnis unter einer makellosen Oberfläche schwelen. Ein wirkungsvoller Einstieg: ein Ort, der abgelegen genug scheint, um Leichen zu verstecken, und alt genug, um sie tief zu begraben. Die sechsteilige Netflix-Mysteryserie von Fanny Robert und Maxime Berthemy erzählt von den Nachwirkungen des Schreckensregimes einer Sekte – dreißig Jahre nach deren angeblicher Auflösung. Der Stoff hat viel Potenzial: Der Journalist Solal Heilman (Jean-Marc Barr) verschwindet und zieht damit seine internetaffine Tochter Ida (Noémie Schmidt) zurück in die Stadt, die ihren Vater verschluckt hat.

Was hier überzeugt, ist die Atmosphäre. Regisseur Julius Berg setzt auf die beklemmende Schönheit der Alpen, wo jede schattige Gasse und jede knarrende Hütte Geheimnisse zu flüstern scheint. Die Serie profitiert von einer starken Besetzung, angeführt vom charismatischen Hatik als Ex-Häftling Jaro Gatsi. Hatik, vor allem als Rapper bekannt, verleiht der Rolle eine unerwartete Gravitas und gibt Jaro eine Erdung, durch die sein Weg zur Wiedergutmachung verdient statt aufgesetzt wirkt. Schmidt wiederum trifft Idas unermüdliche Neugier genau und verbindet Verletzlichkeit mit ausgeprägtem Spürsinn. Ihr Spiel ist das emotionale Zentrum der Serie – schade, dass das Drehbuch ihr nicht immer genug an die Hand gibt.

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Pluspunkte sammelt die Serie auch mit ihrem ökologischen Bewusstsein: Als erste „öko-sensible“ Netflix-Produktion berücksichtigt sie den CO₂-Ausgleich – ein Detail, das angenehm zeitgemäß wirkt. Es ist ein kleiner, aber bedeutsamer Verweis auf aktuelle Anliegen, auch wenn die Handlung dieses Thema abseits oberflächlicher Andeutungen nicht wirklich aufgreift.

Doch Anthracite bleibt hinter den eigenen Möglichkeiten zurück. Das zentrale Rätsel um die fiktive Sekte Arcacia fügt sich nie zu einer wirklich packenden Geschichte zusammen. Statt Schicht für Schicht eine in sich stimmige Verschwörung freizulegen, springt die Handlung zwischen mehreren Erzählsträngen hin und her: Idas Ermittlungen, Jaros Weg zur Wiedergutmachung und Giovanna Delucas (Camille Lou) Polizeialltag – und keiner davon verbindet sich überzeugend mit den anderen. Das Erzähltempo ist holprig; die Folgen jonglieren mit zu vielen Handlungsfäden, ohne sie ausreichend einzulösen. Selbst die Inspiration aus dem wahren Leben, der Orden des Sonnentempels, bleibt ungenutzt und dient eher als vage Kulisse denn als treibende Kraft.

Auch der Tonfall schwankt. Eben noch ist die Serie ein düsteres Drama über generationenübergreifende Traumata, im nächsten Moment ein kauziges Kleinstadt-Krimirätsel mit unbeholfenem Humor, der verpufft. Die Serie kann sich nicht festlegen, und so findet die Erzählung nie wirklich zu sich. Selbst die durchweg überzeugenden Einzelleistungen leiden unter dieser Unentschlossenheit. Hatik etwa wechselt als Jaro zwischen brütender Intensität und aufgesetzter Leichtigkeit, als wäre unklar, ob er die Hauptfigur eines Neo-Noirs oder einer Buddy-Cop-Komödie spielt.

Visuell gelingt Berg vieles: lange Einstellungen der verschneiten Landschaft, enge Nahaufnahmen während der Verhöre. Doch diese Momente wirken eher wie einzelne Glanzlichter als Teile einer geschlossenen Gesamtvision. Lob verdient dagegen das Sounddesign: Die unheimliche Stille der Alpen, durchbrochen von plötzlichen, verstörenden Geräuschen – einer zugeschlagenen Tür, einer geflüsterten Drohung –, erzeugt eine beklemmende Spannung, die nachhallt.

Auch in Sachen Genre fehlt der Serie die Originalität. Sie bedient sich großzügig bei bekannten Mustern – man denke an Twin Peaks trifft auf True Detective –, entwickelt aber keine eigene unverwechselbare Identität. Das zentrale Rätsel wirkt abgeleitet, und die Wendungen entfalten, wenn sie schließlich kommen, nicht die Wirkung wirklich subversiven Erzählens. Selbst die Vorgeschichte der Sekte, lose von realen Ereignissen inspiriert, wird so zaghaft behandelt, dass kaum echter Nervenkitzel aufkommt.

Das heißt nicht, dass Anthracite keine Stärken hätte. Die Nebenbesetzung liefert durchweg starke Leistungen. Camille Lou verleiht Giovanna Deluca eine zurückhaltende Intensität als Polizistin, die sowohl beruflich als auch privat mit Dämonen ringt. Nicolas Godart bringt als ihr Bruder Romeo mit seiner Darstellung eines Mannes, der mit seiner Identität und der Liebe hadert, eine zusätzliche Ebene ein. Das Zusammenspiel des Ensembles zählt zu den wenigen Qualitäten der Serie und macht selbst ihre schwächsten Momente sehenswert.

Die Serie versucht außerdem, Geheimhaltung und die langfristigen Folgen von Traumata zu erkunden – Themen, die aktuell und relevant sind. Doch häufig bleiben sie an der Oberfläche und wirken der Handlung angeheftet, statt organisch in sie einzufließen. Die Auseinandersetzung mit der Mentalität von Sekten ist beispielsweise interessant, bleibt letztlich aber oberflächlich und ohne die nötige Tiefe, um wirklich etwas zu bewirken.

Anthracite möchte zugleich tiefgründig, beklemmend und originell sein – doch indem die Serie zu vielen Ideen hinterherjagt, wirkt sie am Ende wie ein Flickenteppich aus halbfertigen Rätseln. Das ist schade, denn mit einem strafferen Drehbuch und einer klareren Vision hätte daraus etwas Besonderes werden können.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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