Dokumentarfilme

BTS: The Return – sieben Männer, ein Haus in Los Angeles und die Frage, die keine Industrie beantworten kann

Nach vier Jahren Schweigen kehrt BTS mit dem ehrlichsten Dokument seiner Geschichte zurück – und stellt fest, dass Triumph die eigentliche Frage nicht beantwortet
Alice Lange

Deutschland hat eine eigene Art, mit dem Phänomen BTS umzugehen – und sie unterscheidet sich grundlegend von der angelsächsischen Rezeption. Während die britische und amerikanische Musikpresse das Aufkommen der Gruppe lange als Kuriosität behandelte, bevor sie kapitulierte, entwickelte das deutschsprachige Feuilleton früh ein analytisches Interesse an der Frage, was der globale Erfolg eines südkoreanischen Popkollektivs über die Strukturen der westlichen Kulturindustrie aussagt. Diese Perspektive – weniger Fan-Enthusiasmus als kulturkritische Neugier – ist genau die, die BTS: The Return verdient und die das Werk von Regisseur Bao Nguyen konsequent einlöst.

Das Dokument beginnt nicht mit Triumph. Es beginnt mit einer Frage. Sieben Männer sitzen in einem Aufnahmestudio in Los Angeles, einige Wochen nach ihrer Entlassung aus dem südkoreanischen Pflichtwehrdienst, und RM – Sprecher, Texter, philosophische Stimme des Kollektivs – fragt in die Runde, was sie eigentlich besonders macht. Was BTS zu BTS macht. Die Frage ist nicht rhetorisch. Sie hängt im Raum. Das Studio antwortet nicht.

Bao Nguyen, dessen Filmographie The Greatest Night in Pop und den Kriegsjournalismus-Dokumentarfilm The Stringer umfasst, bringt diesem Material eine redaktionelle Disziplin entgegen, die weder Hagiographie noch konstruierten Konflikt duldet. Seine Kamera hält Einstellungen aus, lässt Stille zwischen den Mitgliedern andauern, filmt kreative Angst als strukturelle Bedingung, nicht als dramatisches Hindernis, das der Schnitt auflösen wird. Das Ergebnis ist ein Film, der sich eher wie ein Dokument anfühlt als wie ein Produkt – und der damit in der langen deutschen Tradition des essayistischen Kinos mehr Verwandtschaft zeigt als mit dem Backstage-Content, den HYBE über Jahre hinweg produziert hat.

Die deutsche Beziehung zur Frage kultureller Authentizität im Pop ist historisch aufgeladen. Von der Debatte um die Amerikanisierung der Nachkriegskultur über den Krautrock als bewusste Absetzungsbewegung vom angelsächsischen Rockformat bis zur Hamburger Schule, die in den neunziger Jahren darauf bestand, auf Deutsch zu singen, als das kommerziell unklug erschien – das deutschsprachige Publikum trägt eine spezifische Sensibilität für die Frage, was es bedeutet, in der eigenen Sprache zu bestehen, wenn der Markt eine andere verlangt. BTS: The Return stellt genau diese Frage, und stellt sie mit einer Konsequenz, die das Werk über das Genre des Musikdokumentarfilms hinaushebt.

Der Pflichtwehrdienst erscheint in der ersten Minute des Films: RM sagt, er habe beim Militär gelernt, sich anzustrengen. Der Schnitt folgt sofort – Bilder des Haarschneidens nach Vorschrift, der Uniformen, der Einrückung in die Kaserne. Der Übergang ist absichtlich abrupt. Die Lücke zwischen diesem Bild und dem gemeinsamen Haus in Los Angeles – wo die Gruppe im Sommer 2025 zusammenzog, um an ARIRANG zu arbeiten, ihrem fünften Studioalbum und ersten Gesamtwerk seit fast vier Jahren – wird nicht geschlossen. Sie wird sichtbar gelassen.

Suga, Jahrgang 1993, spielt im Dokumentarfilm in einer Ecke des Studios Gitarre, konzentriert und methodisch. Er besteht darauf, dass der Track Normal mehr Koreanisch und weniger Englisch enthalten soll. Es ist eine Entscheidung, die in direktem Kontrast zu Dynamite steht – dem vollständig englischsprachigen Single, der 2020 auf Platz eins der Billboard Hot 100 debütierte und damit als erster südkoreanischer Act überhaupt. Jener Moment war ein Meilenstein, erkauft in der Sprache des Marktes. Was hier entsteht, ist etwas anderes: die Behauptung, dass diese Sprache nicht mehr benötigt wird, um in diesem Markt zu existieren. Für ein deutschsprachiges Publikum, das die Debatte um die Legitimität des Deutschpop aus eigener kulturhistorischer Erfahrung kennt, hat diese Geste ein spezifisches Gewicht.

Die entscheidende Sequenz des Films gehört weder einer Aufführung noch einem Moment der Katharsis unter den Mitgliedern. Sie gehört einer historischen Mitteilung. Boyoung Lee, geschäftsführende Kreativdirektorin von Big Hit Music, teilt der Gruppe mit, dass im Jahr 1896 koreanische Studenten auf ihrer Reise in die Vereinigten Staaten auf die Musikproduzentin und Ethnomusikolgin Alice C. Fletcher trafen und gemeinsam mit ihr den ersten koreanischsprachigen Titel aufnahmen, der je auf amerikanischem Boden dokumentiert wurde. Dieser Titel war Arirang, die Volksballade mit Wurzeln im 15. Jahrhundert, die dem Album seinen Namen gibt. Die Wirkung auf die Gruppe ist unmittelbar und sichtbar. Was bis dahin ein Arbeitstitel war, wird zu einem zivilisatorischen Argument: BTS exportiert koreanische Kultur nicht nach Westen. Es vervollständigt einen Kreislauf, der vor hundertdreißig Jahren geöffnet wurde.

Arirang war in seinem historischen Kontext auch ein Widerstandslied. Bei der Uraufführung des gleichnamigen koreanischen Stummfilms 1926 gegen den Willen der japanischen Kolonialzensur aufgeführt, wurde es zum Symbol nationaler Identität im Moment des größten äußeren Drucks. Die Wahl des Albumtitels ist keine Nostalgie. Sie ist eine politische Positionierung. Und der Film macht das sichtbar, ohne es zu erklären – in der besten Tradition des essayistischen Dokumentarfilms, der dem Publikum zutraut, die Schlüsse selbst zu ziehen.

Die Klangarchitektur des Albums – produziert mit Diplo als Executive Producer, gemeinsam mit Pdogg, Mike WiLL Made-It, Kevin Parker von Tame Impala, El Guincho und Flume – wird im Dokumentarfilm nicht als Akkumulation glanzvoller Kollaborationen dargestellt, sondern als kontinuierlicher Suchprozess. Die Gruppe zweifelt, ob Swim – ruhig, zurückhaltend, absichtlich wenig spektakulär – als Leadsingle funktionieren kann. Jimin erklärt beim Abendessen, dass sie zu lange weg gewesen seien, um die Pause weiter zu verlängern. Jin, der nach dem Ende seiner Solotournee 2025 am Tag darauf zur Gruppe nach Los Angeles stieß, verpasste einen Teil der frühen Sessions. V nähert sich einem sichtlich angespannten Jin und legt ihm die Hand auf die Schulter. Die Kamera bleibt. Die Einstellung hält.

Was der Dokumentarfilm mit Stille macht, ist sein größtes kinematographisches Verdienst. Es gibt Pausen in den Gesprächen zwischen den Mitgliedern – Augenblicke, in denen die Kamera die Einstellung hält, ohne zu schneiden –, die mehr über die Kosten von vier Jahren Trennung sagen als jede artikulierte Aussage. Die sogenannte Sieben-Jahre-Fluch-Theorie – jenes Phänomen, durch das die meisten K-Pop-Gruppen auseinanderbrechen oder Mitglieder verlieren, wenn die ursprünglichen Verträge auslaufen – wird von RM im Film beim Namen genannt, nicht als Branchenanekdote, sondern als die strukturelle Bedrohung, gegen die das Kollektiv seit Jahren baut. Die Tatsache, dass alle sieben in diesem Raum sind, ist selbst das stärkste Argument des Films.

Nguyens visuelle Sprache ist bewusst gedämpft und introvertiert. Die Farbpalette ist warm und innenorientiert – das Haus, das Studio, der Esstisch. Die Kamera sucht nicht das ikonische Bild. Die Aufnahmen des Konzerts auf dem Gwanghwamun-Platz in Seoul, wo die Gruppe am 21. März 2026 vor einer Stadt auftrat, die sich für sie stillstellte, kommen am Ende des Dokumentarfilms als logische Konsequenz all dessen, was vorausging – nicht als im Voraus eingelöstes Versprechen. Die Menge ist nicht der Ausgangspunkt der Erzählung. Sie ist ihr verdienter Schluss.

BTS: The Return ist seit dem 27. März 2026 auf Netflix verfügbar, eine Woche nach der Veröffentlichung von ARIRANG am 20. März. Der Dokumentarfilm wurde von Bao Nguyen inszeniert und gemeinsam von This Machine und HYBE produziert. Die Pressekonferenz fand am 20. März in Seoul statt, in Anwesenheit des Regisseurs sowie der Produzentinnen Jane Cha Cutler und Namjo Kim.

Was BTS: The Return hinterlässt, ist nicht die Befriedigung eines aufgelösten Narrativs, sondern etwas Unbequemeres und Dauerhafteres: das Bewusstsein, dass in der eigenen Sprache zu bestehen, aus der eigenen Kultur heraus zu schaffen, ohne Erlaubnis zu fragen, selbst dann ein schöpferischer Akt ist, wenn der Markt eine andere Grammatik bevorzugt. Arirang überquerte 1896 einen Ozean in den Stimmen koreanischer Studenten, die nicht wussten, dass sie die erste Zeile einer Geschichte schrieben, deren meistgehörtes Kapitel hundertdreißig Jahre später erscheinen würde. Dieser Dokumentarfilm ist der Beweis, dass dieses Kapitel noch nicht abgeschlossen ist.

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