Dokumentarfilme

Wie Eddie Vedder ein Konzert in ein Rennen gegen eine seltene Krankheit verwandelte

Die neue Dokumentation Matter of Time begleitet den Pearl-Jam-Frontmann über die Musik hinaus – hinein in einen weltweiten Kampf gegen eine verheerende Krankheit, die kaum jemand beim Namen kennt
Alice Lange

Matter of Time stellt eine ebenso unerwartete wie kraftvolle Frage: Was passiert, wenn ein Rockmusiker beschließt, sich einer seltenen genetischen Krankheit mit Wissenschaft, finanziellen Mitteln und Musik zu stellen? Der Film zeichnet Eddie Vedders zutiefst persönliches Engagement im Kampf gegen die Epidermolysis bullosa nach – eine Erkrankung, die die Haut so fragil macht, dass sie bereits bei der kleinsten Berührung reißen kann – und zeigt, warum diese lange übersehene Krankheit nun an einem Wendepunkt steht.

Im Kern erzählt Matter of Time von der Begegnung zwischen Musik, Wissenschaft und Hoffnung. Das emotionale Zentrum des Films bilden zwei eindringliche Solo-Konzerte von Vedder im Benaroya Hall in Seattle. Die intimen Akustikauftritte waren vollständig der Forschung zur Epidermolysis bullosa gewidmet und brachten mehr als fünf Millionen Dollar ein. Diese Konzerte liefern nicht nur den musikalischen Rahmen, sondern auch das emotionale Rückgrat der Dokumentation. Dazwischen kommen Familien zu Wort, die mit der Krankheit leben, ebenso wie Forschende, die an vorderster Front nach einer Heilung suchen. Der Film gibt einen nahen, oft schmerzhaften Einblick in das Leben sogenannter „Schmetterlingskinder“, wie junge Patientinnen und Patienten wegen ihrer empfindlichen Haut genannt werden. Trotz der schonungslosen Darstellung von Verbänden, offenen Wunden und täglichen Herausforderungen verfällt der Ton nie in Hoffnungslosigkeit. Stattdessen findet der Film eine Balance zwischen Härte und Zuversicht, indem er Widerstandskraft zeigt und neue Therapieansätze beleuchtet. Mit Szenen aus den Laboren, darunter entscheidende wissenschaftliche Durchbrüche, unterstreicht die Dokumentation ihre zentrale Botschaft: Selbst die schwersten Krankheiten könnten letztlich nur eine Frage der Zeit sein.

Regie führte der kanadische Filmemacher Matt Finlin, der für gesellschaftlich engagierte Stoffe bekannt ist. Matter of Time war von Beginn an mehr als eine reine Konzertchronik. Finlin fand seinen Zugang zum Thema, nachdem er ein Kind mit Epidermolysis bullosa kennengelernt hatte – eine Begegnung, die ihm, wie er sagt, das eigene Leben neu vor Augen führte. Trotz Schmerzen, die mit permanenten Verbrennungen vergleichbar sind, erlebte er einen lebensfrohen, humorvollen Jungen. Diese Erfahrung brachte ihn mit Eddie Vedder und der Organisation EB Research Partnership zusammen, die Vedder gemeinsam mit seiner Frau Jill gegründet hat. Mit Unterstützung der Vitalogy Foundation von Pearl Jam und Finlins Produktionsfirma Door Knocker Media entstand ein Film, der nicht nur berühren, sondern auch zum Handeln bewegen soll. Die starke Resonanz bei ersten Vorführungen und mehrere Auszeichnungen bestätigten die Wirkung des Projekts. Die Originalmusik von Kevin Drew von Broken Social Scene verleiht dem Film zusätzliche emotionale Tiefe und begleitet die realen Heldinnen und Helden auf der Leinwand mit einem hoffnungsvollen Klangteppich.

Eddie Vedder ist der Einstieg in die Geschichte, aber nie ihr alleiniger Mittelpunkt. Fans von Pearl Jam kommen zwar mit seltenen Soloauftritten und einem sehr persönlichen Blick auf den sonst zurückhaltenden Musiker auf ihre Kosten, doch ebenso wichtig ist die Gemeinschaft um ihn herum. Ärztinnen und Ärzte in ihren Laboren, Eltern, deren Kinder bereits von einer Umarmung Blasen bekommen können, und junge Patientinnen und Patienten mit erstaunlichem Mut stehen im Fokus. Vedder erscheint nicht als gefeierter Rockstar, sondern als engagierter Fürsprecher, der zuhört und anderen Raum gibt. Jill Vedder spielt ebenfalls eine zentrale Rolle und macht das jahrzehntelange Engagement des Paares sichtbar. Der Film vermittelt klar: Es geht um Hoffnung, Widerstandskraft und die Kraft einer Gemeinschaft, die weit über die Bühne hinausreicht.

Durchgehend prägen Entschlossenheit und Innovation den Film. Er zeigt, wie aus einem kleinen Netzwerk betroffener Familien – mit Unterstützung der Vedders – eine weltweit führende Organisation entstand, die mit einem unternehmerischen Ansatz Forschung finanziert. Wissenschaftliche Zusammenhänge werden verständlich erklärt, ohne den Fokus von den Menschen abzulenken. Kleine und große Fortschritte, etwa erfolgreiche klinische Studien oder Wunden, die schneller heilen als zuvor, werden mit stiller Freude gezeigt. Rückschläge und Verluste führen nicht zum Aufgeben, sondern zu noch größerem Einsatz. Eine besonders bewegende Sequenz stellt Konzertaufnahmen einem Gedenken an eine junge Frau gegenüber, die der Krankheit erlegen ist, und macht deutlich, was auf dem Spiel steht. Selbst diese Trauer wird von Entschlossenheit begleitet: Aus einer einst kaum bekannten Krankheit soll diejenige werden, für die man eine Heilung findet.

Mit seinem Start auf Netflix trifft Matter of Time den Nerv eines Publikums, das zunehmend nach echten Geschichten über Durchhaltevermögen und positiven Wandel sucht. Die weltweite Veröffentlichung verleiht einer bislang randständigen Thematik – einer seltenen Krankheit, von der rund eine halbe Million Menschen betroffen sind – eine enorme Reichweite. Der Film reiht sich ein in eine wachsende Zahl von Dokumentationen, die Prominenz und Storytelling nutzen, um konkrete Veränderungen anzustoßen. Als Mischung aus Konzertfilm, medizinischer Dokumentation und inspirierendem Porträt hebt er sich durch seinen klaren aktivistischen Anspruch hervor und zeigt die verbindende Kraft der Musik.

Im größeren kulturellen Kontext steht Matter of Time für gemeinschaftlich getragenen Wandel in einer vernetzten Welt. Der Film macht sichtbar, wie Patientinnen und Patienten, Künstler, Forschende und Förderer zusammenarbeiten können, und stellt ein modernes Modell der Philanthropie vor, das auf messbare Ergebnisse setzt. Die erzielten Fortschritte deuten an, dass dieses Modell auch für andere seltene Krankheiten wegweisend sein könnte. Indem der Film die Geschichte einer Gemeinschaft erzählt, öffnet er den Blick für eine Kettenreaktion des Hoffens und Handelns.

In den letzten Momenten kehrt Matter of Time zu Eddie Vedder auf der Bühne zurück, Gitarre in der Hand, sichtbar bewegt von den Menschen in den ersten Reihen, denen sein Einsatz gilt. In diesem Bild verschwindet die Distanz zwischen Rocklegende und verletzlichen Patientinnen und Patienten. Es bleiben Menschen, vereint durch Hoffnung. Der Film erinnert daran, dass Unterhaltung mehr sein kann als Ablenkung – sie kann ein Auslöser für Veränderung sein. Und wie Matter of Time eindringlich zeigt, sind selbst die härtesten medizinischen Kämpfe nicht unmöglich. Sie brauchen Zeit.

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