Filmkritiken

First Class (2024): Prime-Video-Liebeskomödie schickt Aschenputtel ins Auktionshaus

Alice Lange
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Im zweiten Spielfilm von Carlson Young fliegt eine Praktikantin aus der New Yorker Kunstwelt auf einem Platz nach London, den sie nie bezahlt hat, lässt sich von einem Fremden für die Chefin halten und verkleidet das älteste Märchen des Genres als Kunstauktion. Offen bleibt, wie lange eine so kleine Lüge einen ganzen Film tragen kann.

Ana Santos ist Praktikantin in einem New Yorker Auktionshaus, nah genug an den großen Gemälden, um ihre Preise zu kennen, und weit genug von der Macht entfernt, dass sich niemand ihren Namen merkt. Sie wohnt bei ihrer Schwester Vivian, deren Verlobter Ronnie ihr immer wieder nahelegt, endlich auszuziehen. Dann entdeckt sie während einer Auktion einen Tippfehler, warnt ihre Chefin, bevor daraus ein teurer Fehler wird, und bekommt dafür einen Platz auf einer Dienstreise nach London, als Assistentin der Assistentin. First Class (im Original Upgraded), die romantische Komödie von Regisseurin Carlson Young mit Camila Mendes als Ana, beginnt mit dieser kleinen Beförderung und schenkt ihr dann aus Versehen eine viel größere.

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Das Versehen passiert am Flughafen. Die Chefin heißt Claire, und ihre beiden etablierten Assistentinnen, Suzette und Renee, versuchen, die Neue zu sabotieren. Eine Mitarbeiterin am Check-in-Schalter sieht, wie die beiden Ana behandeln, und bucht sie in die erste Klasse um. Vor dem Einsteigen schüttet Ana einem Mann ein Getränk über: William, jung, britisch und reich, gespielt von Archie Renaux. Ohne es ganz zu wollen, lässt sie ihn glauben, sie sei die künstlerische Leiterin des New Yorker Büros ihrer Firma. William tut, was Männer seines Standes in solchen Geschichten tun: Er stellt sie seiner Mutter Catherine vor, einer in Großbritannien prominenten Frau, deren private Kunstsammlung genau die Art Besitz ist, von deren Verkauf Anas Arbeitgeber lebt.

Von da an funktioniert das Drehbuch von Christine Lenig, Justin Matthews und Luke Roberts über Eskalation. Ana fährt zu Catherine, um den im Auto vergessenen Laptop zu holen, und landet mitten in einer Party, wo sie einen berühmten Maler kennenlernt und die Geschichte von der Direktorin weiterspinnt. Über die Kontakte von Williams Familie besorgt sie Claire Last-Minute-Karten für eine Aufführung von Ein Sommernachtstraum, ein Gefallen, der genau dann kommt, als Claire mit Gerard, dem Chef des Pariser Büros, um dieselbe Stelle konkurriert. Sie trägt ein Designerkleid, das sie Claire ungefragt abgenommen hat. Und am Ende einer langen Nacht lässt sie sich von William vor Claires Hotel absetzen statt vor ihrem eigenen, denn ihres ist das Hotel, das einer Assistentin der Assistentin zusteht.

First Class - Prime Video
First Class – Prime Video

Aschenputtel mit Auktionskatalog

Der Film versteht sich ausdrücklich als moderne Neuerzählung von Aschenputtel, und die Teile passen mühelos. Die Stiefschwestern sind zwei altgediente Assistentinnen, der Ball ist eine Londoner Party, die gute Fee ist eine Airline-Angestellte mit Gewissen, und der gläserne Schuh ist zur Bordkarte für einen Sitz geworden, den Ana nie bezahlt hat. Was First Class diesem Gerüst hinzufügt, ist der Schauplatz. Der Kunstmarkt mit seinen Auktionen, Einlieferungen und Privatsammlungen gibt der Lüge ein Preisschild: Der Mann, in den Ana sich verliebt, ist zugleich der Sohn einer Kundin, die ihr Arbeitgeber unbedingt gewinnen will, und so wird jedes Date zum möglichen Interessenkonflikt.

Die Konstruktion hat ältere Verwandte. Ein Herz und eine Krone mit Audrey Hepburn baute seine Romanze auf einer Prinzessin auf, die sich einen Tag lang in Rom als gewöhnliche Frau ausgibt. First Class dreht den Trick um: Eine gewöhnliche Frau gibt sich ein paar Wochen lang in London als wichtige Person aus. Die Büro-Hälfte gehört zu einer jüngeren Tradition, der jungen Frau, die in einer glamourösen Branche unter einer gefürchteten Chefin ihr Handwerk lernt. Diese Formel trägt Komödien seit zwei Jahrzehnten, weil sie Karriere- und Liebesgeschichte im selben Terminkalender kollidieren lässt.

Eine Regisseurin von der dunklen Seite

Carlson Young kam über die Schauspielerei zur Regie. Sie spielte Brooke Maddox in den ersten beiden Staffeln der MTV-Serie Scream und machte später aus ihrem eigenen Kurzfilm The Blazing World ihren ersten Spielfilm, eine düstere Fantasy-Geschichte, die beim Sundance Film Festival Premiere feierte. First Class ist ihr zweiter Spielfilm und ein deutlicher Registerwechsel, von der psychologischen Fabel zur hellen Studiokomödie mit Märchenskelett. Es ist eine US-Produktion, gedreht im Vereinigten Königreich, die Prime Video am 9. Februar 2024 veröffentlichte, fünf Tage vor dem Valentinstag.

Camila Mendes spielte sieben Staffeln lang Veronica Lodge in Riverdale und führte die Netflix-Komödie Do Revenge an; hier bekommt sie eine klassische romantische Hauptrolle, in der die ganze Handlung davon abhängt, dass das Publikum ihrer Figur die Lüge verzeiht. Archie Renaux ist vor allem als Malyen Oretsev aus der Netflix-Fantasyserie Shadow and Bone – Legenden der Grisha bekannt und übernimmt hier die Rolle, die das Genre seit jeher dem Erben vorbehält: den Mann, dessen Geld das Hindernis und dessen Vertrauen der Preis ist.

Die Nebenrollen wiegen schwerer als die Lebensläufe der Hauptdarsteller. Marisa Tomei, die für Mein Vetter Winnie einen Oscar gewann und in den jüngsten Spider-Man-Filmen Tante May spielte, ist Claire, die Chefin, um deren Anerkennung Ana ringt und deren Kleider sie sich leiht. Lena Olin, Oscar-nominiert für Feinde – Die Geschichte einer Liebe, spielt Catherine, Williams Mutter und die Sammlerin im Zentrum des Geschäfts. Thomas Kretschmann, bekannt aus Der Pianist, und Grégory Montel aus der französischen Serie Call My Agent! vervollständigen ein Ensemble, das mit europäischen Gesichtern sein London verkauft.

Musik, Geld und der Februar-Termin

Die Filmmusik stammt von Isom Innis von Foster the People, mehrere Songs steuerte Rudy Mancuso bei, das Soundtrack-Album erschien im April 2024. Wirtschaftlich gehört der Film zu einem Programmplatz, den Amazon gezielt besetzt: romantische Komödien mit mittlerem Budget, direkt fürs Streaming produziert und auf das Wochenendpublikum statt auf die Kinokasse ausgerichtet. Im selben Jahr startete Prime Video auch The Idea of You und Space Cadet, was First Class eher in eine Katalogstrategie einordnet als in eine Einzelwette.

Achtung, ab hier Spoiler zum letzten Akt. Eine Geschichte, die auf einer Lüge aufbaut, muss entscheiden, was diese Lüge kostet, und First Class präsentiert die Rechnung an einem einzigen Nachmittag: Catherine zieht ihre Sammlung aus der anstehenden Auktion zurück, William taucht unangemeldet in Anas Büro auf, verdächtigt sie, ihn benutzt zu haben, um an das Geschäft seiner Mutter zu kommen, und trennt sich von ihr, und Claire deckt den Schwindel auf und feuert sie. Der Weg zurück führt über ein Geständnis bei Catherine, die ihr eigenes Spiel mit der Auktion spielt, und über einen Verkauf, den Ana endlich unter ihrem echten Titel leiten darf.

First Class will nichts neu erfinden, und sein Ehrgeiz steckt in den Details der Übertragung: ein Auktionshaus, wo früher der Palast stand, ein Praktikantinnenjob, wo früher die Lumpen waren. Ob das reicht, hängt davon ab, was man von einer romantischen Komödie im Februar erwartet, eine Überraschung oder die Gewissheit, genau zu wissen, wohin die Bordkarte führt.

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