Kunst

Brittany Nelson macht ein Radioteleskop zur poetischen Reflexion über Sehnsucht, Erinnerung und die Faszination des Weltalls

Im Green Bank Observatory verwandelt die Künstlerin modernste Raumfahrttechnologie in ein emotionales Spiegelbild menschlicher Projektionen
Lisbeth Thalberg

Die neue Welle der Begeisterung für Raumfahrt und außerirdisches Leben prägt weltweit Schlagzeilen und soziale Medien. Inmitten dieses erneuten Interesses setzt die US-Künstlerin Brittany Nelson einen überraschenden Akzent: Sie rückt eines der leistungsfähigsten Radioteleskope der Welt ins Zentrum ihrer Arbeit und deutet es nicht als Triumph technologischer Macht, sondern als Projektionsfläche für menschliche Sehnsucht, Erinnerung und Identität. Ihr Projekt am Green Bank Observatory zeigt, dass die Suche nach Signalen aus dem All immer auch eine Suche nach uns selbst ist.

Mit dem wachsenden Engagement staatlicher Raumfahrtbehörden und privater Unternehmen hat sich die kulturelle Bedeutung des Blicks ins All spürbar verändert. Doch Nelson interessiert weniger die Idee von Eroberung oder Fortschritt. Sie betrachtet das gewaltige Instrument als emotional aufgeladenes Objekt. Das Radioteleskop, das ferne kosmische Impulse registriert, wird in ihrer Interpretation zu einem Resonanzraum für Hoffnung, Erwartung und das Bedürfnis nach Verbindung.

Ausgebildet als Fotografin, arbeitet Nelson mit historischen analogen Verfahren wie Mordançage, Bromöldruck und Tintype. Diese Techniken aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind geprägt von chemischen Prozessen, Zufällen und materiellen Spuren. In ihrer künstlerischen Praxis treffen sie auf aktuelle wissenschaftliche Forschung. So entsteht ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Die Dunkelkammer spiegelt das Observatorium, alte fotografische Alchemie begegnet moderner Astrophysik.

Im Green Bank Observatory erscheint das monumentale Radioteleskop – konstruiert, um schwächste Signale aus fernen Galaxien aufzufangen – auf Nelsons Fotografien zugleich imposant und verletzlich. Die filigranen Stahlkonstruktionen spannen sich in Silbergelatine-Abzügen über das Bildfeld, betonen Texturen, Schatten und Kontraste. Die riesige Schüssel, die ins Universum „lauscht“, wird zur symbolischen Oberfläche, auf die Betrachter unweigerlich eigene Geschichten projizieren.

Diese Spannung zwischen exakter Messung und imaginativer Deutung verdichtet sich in ihrer Videoarbeit Rebecca (2026). Gedreht vor Ort im Observatorium, greift der Film Stimmungen aus Daphne du Mauriers Roman Rebecca sowie aus der späteren Verfilmung durch Alfred Hitchcock auf. In diesen Erzählungen entfaltet Abwesenheit eine unheimliche Kraft, Erinnerung wird zur Architektur der Gegenwart. Nelson überträgt diese Atmosphäre in ein technologisches Umfeld, in dem Stille eine zentrale Rolle spielt.

Der Soundtrack integriert das hohe Surren der Flüssighelium-Pumpen des Teleskops, deren mechanischer Rhythmus beinahe an einen Herzschlag erinnert. Visuell wechselt der Film zwischen ruhigen, komponierten 35-mm-Aufnahmen und zunehmend unruhigen Handkamera-Sequenzen. Mitunter scheint die Kamera vor der gewaltigen Struktur zurückzuweichen, dann wieder nähert sie sich ihr mit fast körperlicher Intensität.

Die Erzählung bleibt reduziert, ist jedoch emotional aufgeladen. Nelson beschreibt das Teleskop als eine Art ehemaligen Geliebten – ein Objekt zwischen Faszination und Frustration. In dieser Lesart wird die Suche nach außerirdischem Kontakt zur Metapher einer gescheiterten Beziehung: Signale werden ausgesendet, Antworten erhofft, Stille ausgehalten. Die kosmische Dimension mindert die Intimität nicht, sondern verstärkt sie.

Damit reiht sich Nelson in eine künstlerische Tradition ein, die wissenschaftliche Instrumente als kulturelle Symbole hinterfragt. Teleskope, Satelliten und Labortechnik stehen für Fortschritt und Rationalität, tragen jedoch ebenso Vorstellungen von Hoffnung, Angst und Transzendenz in sich. Indem sie an einem aktiven Forschungsstandort arbeitet, vermeidet Nelson eine romantisierende Verklärung der Wissenschaft und bewahrt dennoch deren emotionale Tiefe.

Zugleich reflektiert ihre Arbeit das Verhältnis der Fotografie zur Wahrheit. Seit ihrer Entstehung gilt sie als Medium des Beweises und der Dokumentation. Nelsons bewusste Einbeziehung chemischer Spuren, Tonwertverschiebungen und Unregelmäßigkeiten macht deutlich, dass jedes Bild konstruiert ist – geformt durch Materialität und subjektive Entscheidung.

In einer Zeit permanenter Kommunikation und gewaltiger Datenströme erhält die Vorstellung, ungehört zu bleiben, eine besondere Bedeutung. Das Radioteleskop von Green Bank sucht im All nach Mustern, die auf intelligentes Leben hindeuten. Nelson hingegen richtet ihre Aufmerksamkeit auf das Instrument selbst und liest es als Ausdruck menschlicher Sehnsucht. So wird deutlich: Die Geschichte der Wissenschaft ist untrennbar mit der Geschichte unseres Begehrens verbunden.

Die Ausstellung ist vom 15. Januar bis zum 29. März 2026 in Cambridge, Massachusetts, zu sehen.

Bratanny Neslon. Candle (still frame from Rebecca)
Candle (still frame from Rebecca), 2026

Gelatin silver print
28 x 45 in (unframed)
30 x 47 in (framed)

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