Kunst

David Hockney und die Zeit in der zeitgenössischen Malerei

Wie Aufmerksamkeit, Dauer und Erinnerung das Malen heute neu definieren
Lisbeth Thalberg

In einer Gegenwart, die von flüchtigen Bildern und permanenter Beschleunigung geprägt ist, laden die jüngsten Gemälde von David Hockney zum Innehalten ein. Sein aktuelles Werk stellt die Frage, wie Kunst Zeit bewahren kann – nicht als Widerstand gegen Veränderung, sondern als Möglichkeit, mit ihr zu leben. Zwischen Landschaften, Stillleben und Porträts behauptet Hockney die Malerei als ein Medium, das Kontinuität, Wiederholung und den leisen Verlauf der Tage sichtbar machen kann, ein Ansatz von besonderer Relevanz für die heutige visuelle Kultur.

In einem Moment, in dem Bilder nahezu so schnell verschwinden, wie sie entstehen, fragen diese Arbeiten danach, was es bedeutet, lange genug bei einer Szene zu verweilen, damit Zeit ihre Spuren hinterlässt. Hockneys Antwort ist weder nostalgisch noch defensiv. Sie versteht Malerei als Praxis der konzentrierten Aufmerksamkeit, als Raum, in dem Wandel nicht eingefroren, sondern in seiner langsamen Bewegung erfahrbar wird.

Die Ausstellung fällt in eine Phase, in der Langsamkeit zunehmend umstritten ist. Während Bilder immer schneller zirkulieren, suchen kulturelle Institutionen nach neuen Vorstellungen von Dauer und Beständigkeit. Hockney setzt dem keine Rückwärtsgewandtheit entgegen, sondern ein Plädoyer für Kontinuität: Malerei bleibt, trotz ihrer langen Geschichte, ein wirksames Mittel, um Veränderung zu denken.

A Year in Normandie entfaltet sich als monumentaler Fries über den Zyklus von Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das Motiv wirkt bewusst schlicht – Bäume, Wege, Himmel, Licht –, doch seine Bedeutung liegt in der Zeit, die ihm eingeschrieben ist. Die einzelnen Tafeln sind keine Naturdarstellungen im klassischen Sinn, sondern Spuren anhaltender Beobachtung. Zeit wird hier nicht verdichtet, sondern ausgedehnt, wiederholt und fortgeführt, und erinnert daran, dass Wandel meist schrittweise geschieht.

In der direkten Begegnung, fernab von Reproduktionen, verändert sich die Wahrnehmung des Werks. Seine Größe verlangt körperliche Bewegung; die Betrachtenden gehen entlang des Frieses und vollziehen so den dargestellten Zeitverlauf nach. Diese physische Erfahrung wirkt besonders prägnant in einer Epoche, in der Bildschirme Erlebnisse auf kurze, schnell konsumierbare Momente reduzieren.

Ergänzt wird der Fries durch neue Gemälde kleinerer Formate: Stillleben und Porträts aus Hockneys unmittelbarem Umfeld. Trotz ihrer Intimität sind sie ebenso bewusst gestaltet. Die frontale Anlage der Komposition und das wiederkehrende Karomuster der Tischdecke fungieren als visuelle Struktur und verweisen zugleich auf häusliche Routinen. Gleichzeitig wird die Bildfläche betont und daran erinnert, dass Darstellung immer ein Aushandeln zwischen Tiefe und Oberfläche ist.

Hockney hat oft betont, dass jede figurative Malerei allein durch ihre Existenz auf einer flachen Fläche bereits abstrakt sei. In diesen Arbeiten wird diese Überzeugung sichtbar. Gegenstände und Gesichter bleiben erkennbar, doch Farbe, Muster und räumliche Verdichtung verhindern jede naturalistische Illusion. Die Bilder bewegen sich zwischen Nähe und Distanz, zwischen Vertrautheit und formaler Zurückhaltung.

Besonders die Porträts eröffnen ein anderes Zeitverständnis als der monumentale Fries. Sie dokumentieren keine Dauer, sondern Präsenz. Die Dargestellten gehören zu Hockneys Alltag und erscheinen ohne erzählerische oder psychologische Inszenierung. Ihre Ruhe verleiht den Bildern eine stille Schwere und signalisiert Aufmerksamkeit statt Selbstdarstellung. In einer Ära permanenter Sichtbarkeit widersetzen sich diese Porträts dem Spektakel.

Auch der institutionelle Rahmen ist von Bedeutung. Die Präsentation in der Serpentine North markiert Hockneys erste große Zusammenarbeit mit der Institution. Während die Serpentine häufig mit Experiment und Gegenwart assoziiert wird, bringt Hockneys Werk hier ein starkes Moment der Kontinuität ein und unterstreicht die Relevanz langer künstlerischer Lebenswege. In einem kulturellen Klima, das Neuheit bevorzugt, ist dies ein bewusstes Gegengewicht.

Im Außenraum setzt ein großformatiges, gedrucktes Wandbild aus der Normandie-Serie die Ausstellung fort. Das Motiv eines Baumhauses, verbunden mit Spiel, Beobachtung und Rückzug, verweist auf Hockneys langjähriges Interesse an digitalen Werkzeugen. Der Druck ersetzt die Malerei jedoch nicht, sondern erweitert sie um eine weitere Denkweise über das Bild.

Hockneys Karriere ist von unermüdlicher Neugier geprägt, von frühen Untersuchungen der Wahrnehmung bis hin zu fotografischen und digitalen Experimenten. Was all diese Phasen verbindet, ist kein einheitlicher Stil, sondern die konstante Aufmerksamkeit für das Sehen selbst und dafür, wie sich Sehen im Laufe der Zeit verändert. Das aktuelle Werk markiert keinen Neubeginn, sondern schärft eine Haltung, die sein Schaffen seit Langem bestimmt.

Indem Hockney die Fähigkeit der Malerei betont, Zeit aufzunehmen, stellt er sie der kulturellen Amnesie entgegen. Seine Arbeiten fordern weder die Überlegenheit des Mediums ein noch ziehen sie sich in Traditionen zurück. Sie machen vielmehr deutlich, dass Malerei gerade deshalb relevant bleibt, weil sie sich der Geschwindigkeit verweigert. In einer von Unmittelbarkeit geprägten Bildkultur wird diese Haltung zu einem zeitgemäßen Statement.

Was nach dem Ausstellungsbesuch bleibt, ist weniger ein einzelnes Bild als ein Rhythmus. Die Erfahrung, dass Zeit sichtbar werden kann, wenn man ihr geduldig Aufmerksamkeit schenkt. In Hockneys Händen wird Malerei weniger zur Behauptung als zu einer Praxis – zu einer Art, lange genug bei der Welt zu verweilen, damit sie sich offenbaren kann.

David Hockney, A Year in Normandie (detail), 2020-2021. Composite iPad painting © David Hockney
David Hockney, A Year in Normandie (detail), 2020-2021. Composite iPad painting © David Hockney

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