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Thrash auf Netflix: Tommy Wirkola dreht den ernsthaftesten Haifischfilm seit Crawl — und das Ergebnis überzeugt

Der norwegische Regisseur verweigert den ironischen Abstand und macht aus Haien in einer überschwemmten Stadt echtes Kino.
Martha O'Hara

Tommy Wirkola, der norwegische Regisseur der Kult-Zombiefilm-Reihe Dead Snow und des Weihnachts-Actionthrillers Violent Night, bringt mit Thrash einen Haifisch-Katastrophenfilm auf Netflix, der eine einfache, aber im Genre selten konsequent umgesetzte Entscheidung trifft: Er nimmt seine Prämisse vollständig ernst. Ein Hurrikan der Kategorie 5 verwüstet eine Küstenstadt. Die Sturmflut bringt Haie in die überfluteten Straßen, Häuser und Fahrzeuge. Kein Augenzwinkern, keine Selbstironie, kein Abstand zur eigenen Absurdität. Das Film weiß, was es ist — und zieht alle Konsequenzen daraus.

Produzent Adam McKay hat die wissenschaftliche Grundlage des Szenarios betont: Meeresbiologen stellen seit Jahren fest, dass der Klimawandel das Verhalten und die Verbreitungsgebiete von Haien verändert. Wenn Sturmfluten Küstenregionen überschwemmen, gehen Haie dorthin, wohin das Wasser geht. Das ist keine Science-Fiction. Es ist eine zuspitzende Extrapolation eines real diskutierten Phänomens, und Wirkola nutzt diese Plausibilität als dramaturgische Grundlage. Thrash ist kein Film über unmögliche Kreaturen. Es ist ein Film über reale Raubtiere in einer unmöglichen Situation.

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Handwerkliche Entscheidungen, die den Unterschied machen

Die unmittelbare Vergleichsgröße ist Crawl (2019), Alexandre Ajas Alligator-Survival-Thriller, der das moderne Creature-Feature-Subgenre durch konsequente Ernsthaftigkeit neu definiert hat. Crawl funktionierte aus zwei Gründen: Die Bedrohung blieb über die gesamte Laufzeit tödlich glaubwürdig, und die Hauptdarstellerin spielte die Situation ohne jede Distanz. Wirkola skaliert diese Vorlage von einem einzelnen überfluteten Anwesen auf eine ganze Küstenstadt — was neue Möglichkeiten eröffnet, aber auch neue Risiken birgt.

Die entscheidende handwerkliche Entscheidung betrifft den Einsatz praktischer Effekte. Nach Berichten aus der Produktion hat Wirkola auf praktisches Gore gesetzt, anstatt sich ausschließlich auf digitale Konsequenzen zu verlassen. Dieser Ansatz hat einen spezifischen Grund: Wenn Blut, Einschläge und physische Reaktionen auf Hai-Angriffe real sind, akzeptiert das Gehirn des Zuschauers die computergenerierten Kreaturen als glaubwürdig präsent. Es ist die Lektion, die Jaws in das Genre einprogrammiert hat und die Franchise-Produktionen wie The Meg wieder verlernt haben. Das R-Rating — vergeben für bluthaltige Gewaltdarstellungen und verstörende Bilder — bestätigt, dass Wirkola diese Entscheidung konsequent durchgehalten hat.

Das Ensemble und seine dramaturgische Funktion

Thrash verzichtet auf eine einzelne Hauptfigur zugunsten einer Ensemblestruktur mit mehreren gleichzeitig isolierten Überlebenden: ein Meeresforscher, der versucht, eingeschlossene Stadtbewohner zu erreichen; drei Pflegekinder, die ihr Haus verteidigen; eine junge Frau mit Agoraphobie, deren spezifische psychologische Bedingung in eine Katastrophe gerät, die das Außen in Todeszone verwandelt hat. Dieses Schnittmuster zwischen verschiedenen Locations erzeugt einen Rhythmus aus Spannungsaufbau und Entlastung, ohne auf tonale Abwechslung angewiesen zu sein.

Das zentrale Szenario gehört Phoebe Dynevor — international bekannt durch Bridgerton und den Netflix-Thriller Fair Play — als Lisa Fields: hochschwanger im neunten Monat, in einem versunkenen Auto eingeschlossen, mit steigendem Wasserstand und einem Hai, der das Fahrzeug umkreist. Dieses Szenario neutralisiert das gesamte Standardrepertoire des Survival-Films: Laufen ist unmöglich, Tauchen verboten, Klettern riskant. Zwei Leben stehen gleichzeitig auf dem Spiel. Dynevor hat in Interviews klar gemacht, was sie in diese Rolle eingebracht hat; ihre Aussage im Trailer — sie werde nicht zulassen, dass ihr Sohn stirbt, bevor er seinen ersten Atemzug getan hat — wird ohne Ironie gespielt, mit genau der Schwere, die der Film verlangt.

Djimon Hounsou spielt den Meeresforscher Dale Edwards mit einer ökonomischen Ruhe, die im Genrefilm weitaus beunruhigender wirkt als Panik. Seine Schlüsselzeile im Trailer — „Haie auf freiem Fuß im Kategorie-5-Sturm. Wir bewegen uns“ — klingt nach einem Mann, der die Lage bereits verarbeitet hat und jetzt ausführt. Whitney Peak spielt Dales Nichte Dakota, deren Agoraphobie den konventionellen Achsen des Thrillerkinos eine weitere Ebene hinzufügt: Die Bedrohung von außen überlagert die Bedrohung von innen.

Thrash Netflix
Thrash. (L-R) Alyla Browne as Dee, Dante Ubaldi as Will and Stacy Clausen as Ron in Thrash. Cr. Netflix © 2026.

Einordnung im Genre

Im Subgenre-Kontext steht Thrash in direkter Auseinandersetzung mit mehreren Referenzpunkten. Deep Blue Sea (1999) etablierte die Grundregeln des Ensemble-Hai-Films mit mehreren gleichzeitig überfluteten Schauplätzen und einem R-Rating, das reale Konsequenzen erlaubte. Sharknado (2013) verwandelte die Kombination Hai-plus-Naturkatastrophe anschließend so nachhaltig in Selbstparodie, dass jeder ernsthafte Film in diesem Subgenre seither gegen diese Assoziation ankämpfen muss. Wirkola positioniert Thrash explizit auf der Seite von Crawl und nicht von Sharknado — eine Entscheidung, die der Trailer durch seine explizite Gewaltdarstellung von Anfang an unterstreicht.

Der Film wurde überwiegend in den Docklands Studios in Melbourne gedreht, mit Außenaufnahmen am Mornington Pier und in Canterbury. Die kontrollierten Wasserumgebungen, die dieses Setting impliziert, geben Wirkola präzise Kontrolle über Wasserstände, Angriffswinkel und räumliche Konfigurationen — die technische Grundlage, auf der das Genre steht oder fällt.

Thrash wird am 10. April 2026 weltweit auf Netflix gestartet. Der Film wurde von Adam McKay und Kevin Messick über HyperObject Industries gemeinsam mit Wirkola produziert, der auch das Drehbuch schrieb. Das Projekt hatte einen komplizierten Weg: zunächst bei Sony als Beneath the Storm entwickelt, dann in Shiver umbenannt und schließlich aus dem Sony-Kinokalender gestrichen, bevor Netflix die Rechte erwarb. Solche Produktionsverläufe hinterlassen oft Spuren in der Identität eines Films. Bei Thrash ist davon nichts zu spüren.

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