Fernsehen

Bandi auf Netflix zeigt, was mit einer Familie passiert, wenn der Staat seine Versprechen nicht hält

Liv Altman

Elf Geschwister in Martinique, sieben bis dreiundzwanzig Jahre alt, stehen nach dem Tod ihrer Mutter vor einer Frage, die keine staatliche Institution für sie beantwortet: Wie bleibt eine Familie zusammen, wenn das einzige funktionierende Sicherheitsnetz, das sie je hatten, plötzlich fehlt? Die Netflix-Serie Bandi — Unter Geschwistern, geschaffen von Éric Rochant und Capucine Rochant, setzt genau an diesem Punkt an. Sie erzählt keine Geschichte über Drogenhandel. Sie erzählt eine Geschichte darüber, was passiert, wenn die Familie der einzige Sozialstaat ist, den bestimmte Kinder je wirklich erlebt haben.

Martinique ist französisches Überseegebiet. Seine Bewohner sind vollwertige französische Staatsbürger mit EU-Pass. Gleichzeitig ist die Jugendarbeitslosigkeit auf der Insel eine der höchsten in allen französisch verwalteten Gebieten. Der formale Arbeitsmarkt bietet jungen Menschen ohne Qualifikationen kaum Perspektiven. Der Drogenhandel füllt diesen Raum — nicht als moralisches Versagen von Einzelnen, sondern als wirtschaftliche Infrastruktur dort, wo die offizielle Wirtschaft fehlt. Diesen Zusammenhang verhandelt Bandi mit einer Präzision, die dem Genre selten gelingt.

Die drei Antworten einer Familie unter Druck

Die Geschwister Lafleur verkörpern drei mögliche Reaktionen auf dieselbe Notlage. Kingsley ist der Pragmatiker: Er hat bereits vor dem Tod der Mutter in der Schattenwirtschaft gearbeitet, ohne Illusionen über Alternativen. Ambre ist die Hüterin der mütterlichen Werte — diejenige, die die moralische Grenze hält, weil jemand es tun muss. Und dann ist da Kylian.

Kylian ist die beunruhigendste Figur der Serie. Nach außen ist er der Musterschüler, der stille Sohn, den die Familie als Beweis präsentiert, dass ein anderer Weg möglich ist. Tatsächlich führt er eine strukturiertere und gefährlichere Drogenoperation als sein Bruder. Das ist keine dramatische Ironie um der Wirkung willen. Es ist eine soziologische These: In einem Umfeld, in dem legale Bildungsabschlüsse und Parallelwirtschaft nicht entgegengesetzte Wege darstellen, sondern zwei parallele Antworten auf dieselbe Perspektivlosigkeit, ist die disziplinierteste Person im Raum nicht zwangsläufig diejenige, die sich anders entschieden hat. Sie ist diejenige, die verstanden hat, dass es keine echte Wahl gab.

Serienproduktion als politische Entscheidung

Éric Rochant hat Bandi als eine Art französisches Top Boy konzipiert — eine Sozialstudie über Drogenhandel mit jungen Darstellern in einem Milieu, das im französischen Fernsehen bisher kaum Raum hatte. Das Casting-Verfahren dauerte ein Jahr, über viertausend Profile wurden gesichtet. Fünfundsiebzig der zweiundachtzig identifizierten Rollen wurden mit martinikanischen Talenten besetzt. Die Serie wurde ausschließlich auf der Insel gedreht, sechzig Prozent der Technik-Crew stammten aus dem französischen Karibikraum.

Entscheidend ist auch, dass die martinikanischen Autoren Khris Burton und Jimmy Laporal-Trésor nicht nur am Drehbuch beteiligt waren, sondern auch Regie führten. Rochant hat außerdem eine Drehbuchschule in Martinique aufgebaut — kostenlos für Teilnehmende, die aus einem Bewerbungsverfahren ausgewählt wurden und an den Entwicklungssitzungen teilnahmen. Diese strukturelle Entscheidung geht über symbolische Repräsentation hinaus: Sie setzt voraus, dass eine Geschichte über eine Gemeinschaft auch die Erzählmittel dieser Gemeinschaft einschließen sollte. Wie weit dieses Vorhaben gelingt, ist eine Frage, die die kritische Öffentlichkeit in Martinique bereits stellt.

Das Schweigen, das die Serie trägt

Was in Bandi nicht ausgesprochen wird, ist präzise gewählt. Der Drogenhandel wird debattiert, laut, konfliktreich, innerhalb der Familie. Was nicht gesagt wird, ist die Schuld, die der französische Staat gegenüber diesen elf Kindern trägt. Das Benennen dieser Schuld würde nichts am Unmittelbaren ändern — die Miete ist fällig, die Jüngeren müssen versorgt werden. Daher findet die moralische Auseinandersetzung vollständig im Register der Familienloyalität statt, nie im Register des politischen Anspruchs. Das ist die genaueste Beobachtung der Serie: Sie zeigt eine Familie, die über Ethik diskutiert, in einer Situation, in der die Ethik nicht das Erste war, das ihr entzogen wurde.

Die Serie lässt sich strukturell mit Werken wie dem deutschen Jugendfilm Systemsprenger vergleichen, der ebenfalls eine Gesellschaft zeigt, deren Institutionen das Kind formal begleiten, aber praktisch nicht halten können. Beide Arbeiten stellen dieselbe unangenehme Frage: Wer trägt die Verantwortung für die Entscheidungen, die Menschen ohne funktionierende Alternative treffen?

Die Frage, die Bandi nicht beantworten kann — weil kein Familiendrama das kann, nur die sozialen Verhältnisse, die es hervorgebracht haben —, ist, ob das Band zwischen diesen elf Geschwistern stark genug ist, um die Spaltung in ihrer Reaktion auf dieselbe Krise zu überstehen. Oder ob diese Spaltung die eigentliche Krise ist, und der Tod der Mutter nur ihr Auslöser war.

Bandi — Unter Geschwistern ist seit dem 9. April 2026 auf Netflix verfügbar, in acht Episoden. Die Serie wurde von Éric Rochant und Capucine Rochant entwickelt, unter der Regie von Jimmy Laporal-Trésor und Mathilde Vallet, und von Maui Entertainment für Netflix produziert. Es handelt sich um die erste Netflix-Originalproduktion, die vollständig auf Martinique gedreht wurde.

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