Fernsehen

End of the Line: Eine raue, aber unausgewogene Fahrt durch absurde Komik

Alice Lange
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Die Kamera bleibt auf Ivans Gesicht, während er seinen illegal betriebenen Bus durch ein Labyrinth aus Straßen lenkt. Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn, während er mit unbewegter Miene in ein unsichtbares Mikrofon erzählt, dass seine Frau ihn verlassen hat. Diese Eröffnungsszene aus End of the Line, Rodrigo Sant’annas Comedyserie aus dem Jahr 2024, gibt den Ton für eine Show vor, die vom Aufeinanderprallen alltäglicher Verzweiflung und absurden Humors lebt. Mit ihrem Format vor Live-Publikum und Sant’annas mitreißender Darstellung des Ivan findet die Serie in der dicht besetzten Comedylandschaft ihre eigene Nische – allerdings nicht ohne Fehltritte.

End of the Line begleitet Ivan, einen Busfahrer ohne Zulassung, der sich mit dem Ende seiner Ehe herumschlägt, den Behörden aus dem Weg geht und versucht, über die Runden zu kommen. Die Prämisse ist simpel, doch Sant’annas Regie setzt gezielt auf die Reaktionen des Live-Publikums und erzeugt so eine Unmittelbarkeit, die nur wenige Drehbuchkomödien erreichen. Das Sounddesign ist präzise: Das Lachen im Saal setzt Ivans Missgeschichten wie ein rhythmischer Herzschlag Akzente. In einer besonders gelungenen Szene versucht Ivan unterwegs, seinen Bus zu reparieren. Das Fahrzeug stottert und bleibt schließlich vor den Fahrgästen stehen – seine hektischen Improvisationsversuche ernten tosenden Applaus und lassen die Szene regelrecht vibrieren.

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Ihre größte Stärke entfaltet End of the Line in der Hauptrolle. Sant’annas Ivan ist ein liebenswerter Jedermann, gleichermaßen zynisch wie hoffnungsvoll. Sätze wie „Ich bin kein Busfahrer, ich bin ein öffentlicher Diener mit Rädern“ sitzen dank seines perfekten komödiantischen Timings. Dazu trägt auch bei, wie mühelos er zwischen stoischer Gereiztheit und echter Herzlichkeit wechselt. Die Serie gewinnt außerdem durch ihren emotional geerdeten Kern: Ivans Probleme mit der Scheidung und seine finanzielle Unsicherheit verleihen dem Humor Gewicht. Seine Eskapaden wirken dadurch verdient und nicht aufgesetzt.

Das Format vor Live-Publikum ist allerdings nicht immer eine Stärke. Es verstärkt zwar die komischen Momente, schwächt bisweilen aber das Drama. In einer Szene gesteht Ivan unter Tränen, welche Ängste ihn als Vater umtreiben. Die Wirkung leidet, weil das Lachen im Saal die Verletzlichkeit in Sant’annas Spiel übertönt. Auch das Tempo lässt stellenweise nach: Manche Folgen ziehen einen einzelnen Gag oder eine Situation unnötig in die Länge, besonders in den Nebenhandlungen um Ivans Kollegen im Busdepot. Diese Abschnitte sind mitunter amüsant, wirken aber unausgereift und eher wie Füllmaterial als wie eine sinnvolle Erkundung der Figuren.

Auch beim Ton fehlt der Serie die nötige Konsequenz. Eben streitet Ivan noch mit seiner Ex-Frau über den Kindesunterhalt, im nächsten Moment jagt er auf der Autobahn einem entlaufenen Huhn hinterher. Für sich genommen sind beide Situationen komisch, doch nebeneinandergestellt lässt diese Kombination die Erzählung zerfasert wirken. Zudem setzt das Drehbuch zu stark auf groben Humor, besonders bei der Darstellung von Autoritätspersonen wie den städtischen Kontrolleuren, die Ivan ständig schikanieren. Diese Figuren bleiben eindimensional; ihnen fehlt die Tiefe, die ihre Konflikte mit Ivan reizvoller machen würde.

Trotzdem hat End of the Line ihre Glanzmomente. Eine Folge gegen Ende der Serie, in der Ivan eine Gruppe älterer Fahrgäste spontan auf eine Sightseeing-Tour mitnimmt, ist ein echtes Highlight. Hier verbindet die Serie eine einfühlsame Geschichte mit pointierten komischen Momenten. Die Reaktionen des Live-Publikums wirken dabei natürlich und verstärken die emotionale Wirkung, statt sie zu untergraben.

Auch durch ihre Originalität hebt sich die Serie innerhalb des Comedygenres ab. Während viele Sitcoms auf formelhafte Handlungen und eingespieltes Lachen setzen, sorgt das Liveformat von End of the Line für eine raue, unberechenbare Energie, die sie unverwechselbar macht. Sant’anna lässt sich bewusst auf die Unvorhersehbarkeit der Improvisation ein – etwa wenn er spontan auf unerwartete Reaktionen aus dem Publikum eingeht. Das verleiht der Serie eine erfrischende Authentizität in einer Zeit, in der Komödien oft übermäßig glattpoliert wirken.

Für wen ist End of the Line geeignet? Fans improvisationsreicher Comedy kommen hier auf ihre Kosten, besonders wenn sie Formate wie Whose Line Is It Anyway? oder The Eric Andre Show mögen. Die Serie spricht auch Zuschauer an, die Außenseiter als Hauptfiguren und schwarzen Humor schätzen. Wer hingegen eine straff erzählte Handlung oder tief ausgearbeitete Figurenbögen erwartet, könnte sich an der mäandernden Struktur der Show stören.

Unterm Strich ist End of the Line eine durchwachsene Angelegenheit: witzig und fehlerhaft, mit einzelnen Glanzlichtern, die von einer unausgewogenen Umsetzung überschattet werden.

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