Fernsehen

Under Pressure: Der unbequeme Blick auf die Wahrheit der Niederlage

Alice Lange
Fügen Sie uns bei Google hinzu

Das Bild wird schwarz, der Jubel der Menge weicht betretenem Schweigen. Alex Morgan sitzt allein auf der Bank, den Helm in den Händen, ihr Gesicht ist ausdruckslos. So beginnt Under Pressure: The U.S. Women’s World Cup Team – nicht mit einem Sieg, nicht mit einem Triumph, sondern mit einer Niederlage. Die Schöpferin Rebecca Gitlitz trifft damit eine mutige Entscheidung: Sie verabschiedet sich vom konventionellen Spannungsbogen einer Sportdokumentation, der auf Erlösung und den Triumph der Außenseiterinnen hinausläuft. Stattdessen zeigt sie etwas Seltenes: einen schonungslosen Blick auf das Scheitern.

Gitlitz’ vierteilige Dokuserie begleitet die US-amerikanische Frauen-Nationalmannschaft bei ihrer Weltmeisterschaftskampagne und gewährt beispiellose Einblicke in das Innenleben eines der traditionsreichsten Teams des Fußballs. Die Serie startet bei Netflix und knüpft an die bisherigen Erfolge und Rückschläge der Mannschaft an. Was Under Pressure besonders macht, ist die Bereitschaft, bei der schmerzhaften Niederlage zu verweilen, statt schnell auf Erlösung zuzusteuern.

YouTube Video

Das handwerkliche Können der Serie ist bemerkenswert. Gitlitz und ihr Team fangen intime Momente ein, die in ihrer schonungslosen Direktheit fast voyeuristisch wirken: die brechende Stimme eines Trainers, der seine Spielerinnen anfleht, das Gesicht einer Stürmerin, von Tränen gezeichnet, nachdem sie einen Elfmeter verschossen hat. Das Sounddesign verschärft die Spannung: das Echo eines leeren Stadions nach einer herzzerreißenden Niederlage, das gedämpfte Flüstern in der Kabine vor einem Spiel, in dem viel auf dem Spiel steht. So entsteht ein immersives Erlebnis, das über die üblichen Sportdokumentationen hinausgeht.

Ihre Eigenständigkeit verdankt die Serie vor allem der Weigerung, Erwartungen zu erfüllen. Während sich die meisten Dokumentationen über Spitzensportlerinnen und -sportler auf körperliche Stärke oder taktisches Genie konzentrieren, richtet Under Pressure den Blick auf die psychischen Belastungen des Wettbewerbs. Das zeigt sich etwa im Interview mit Lindsey Horan nach dem Spiel: Ihre Stimme zittert, als sie zugibt: „Wir haben uns selbst keine Chance gegeben.“ Die Kamera bleibt länger auf diesen ungeschützten Momenten, als es angenehm ist, und zwingt das Publikum, sich der harten Realität des Scheiterns zu stellen.

Die Spielerinnen selbst sorgen für ein gemischtes Bild. Ihre ungefilterten Reaktionen – ob sie ein Tor bejubeln oder sich nach einer Niederlage gegenseitig trösten – wiegen schwerer als jeder noch so ausgefeilte Monolog. Carli Lloyds bewegender Abschied wird nur kurz abgehandelt; damit vergibt die Serie die Chance, den psychischen Druck eines Karriereendes inmitten einer Niederlage genauer zu beleuchten. Megan Rapinoes Abwesenheit ist allgegenwärtig und deutet auf ungelöste Spannungen innerhalb des Teams hin, denen die Serie jedoch nur am Rande nachgeht.

Schwächen zeigt die Dokuserie bei Tempo und Aufbau. Gitlitz packt jede Folge voll mit Spielaufnahmen und sich wiederholenden Trainingsmontagen, was den Erzählfluss immer wieder abrupt ins Stocken bringt. Aufstrebende Talente wie Alyssa Thompson und erfahrene Spielerinnen wie Abby Wambach lassen einen spannenden Generationenkonflikt erahnen, doch diese Ansätze werden nie wirklich weiterverfolgt. Auch fällt es der Serie schwer, den gemeinsamen Weg des Teams mit den individuellen Geschichten der Spielerinnen auszubalancieren; dadurch wirken manche Passagen zusammenhanglos.

Inhaltlich lotet Under Pressure das Spannungsfeld zwischen Identität, Leistungsdruck und öffentlicher Erwartung aus. Die Serie zeigt, wie die Spielerinnen mit ihrer Rolle als Sportlerinnen und kulturelle Ikonen umgehen – ein besonders relevantes Thema angesichts des langjährigen Einsatzes des Teams für Gleichberechtigung im Sport. Diese tieferen Themen geraten jedoch häufig hinter dem unablässigen Fokus auf das Turnier selbst in den Hintergrund.

Auch innerhalb ihres Genres nimmt Under Pressure eine besondere Position zwischen klassischer Sportdokumentation und Reality-TV ein. Zwar teilt die Serie mit Letzterem den uninszenierten Blick hinter die Kulissen, doch fehlt ihr die dramatische Spannung, die erzählerisch angelegte Reality-Formate gewöhnlich antreibt. Deshalb dürfte sie eingefleischte Fußballfans und Dokumentarfilmbegeisterte eher ansprechen als ein gelegentliches Publikum, das vor allem Unterhaltung sucht.

Letztlich gelingt Under Pressure ein ernüchternder Gegenentwurf zum Mythos amerikanischer Fußballdominanz. Die Dokumentation scheut sich nicht, ihre Protagonistinnen scheitern zu lassen, und hebt sich damit wohltuend von herkömmlichen Sportformaten ab. Besonders bewegend ist die Darstellung der Verletzlichkeit der Spielerinnen – eine Eigenschaft, die in den großen Sportmedien nur selten gezeigt wird.

Gitlitz’ Regie ist zugleich die größte Stärke und die Achillesferse der Serie. Ihre Fähigkeit, rohe, ungefilterte Momente einzufangen, ist außergewöhnlich; die wiederholten Spielaufnahmen und der mangelnde erzählerische Zusammenhalt schmälern jedoch die Gesamtwirkung. Der Dokuserie hätte ein gezielterer Ansatz gutgetan: Statt jeden Aspekt der Kampagne abzudecken, hätte sie sich auf die Schlüsselmomente konzentrieren können, die den Weg des Teams auf den Punkt bringen.

Die Auftritte der Spielerinnen zeugen von der Authentizität der Serie. Ihre ungeschützten Reaktionen und ihre emotionale Verletzlichkeit machen das Zuschauen fesselnd, auch wenn manche Erzählstränge unerforscht bleiben. Besonders auffällig ist Megan Rapinoes Abwesenheit; sie wirft Fragen zur internen Dynamik des Teams auf, denen die Serie nur kurz nachgeht.

Im Vergleich zu anderen Sportdokumentationen wie The Last Dance sticht Under Pressure hervor. Während solche Serien häufig einzelne Heldinnen und Helden oder historische Momente in den Mittelpunkt stellen, bietet Gitlitz’ Dokuserie einen nuancierteren, nach innen gerichteten Blick auf das gemeinsame Erleben des Wettbewerbs. Damit ist sie eine wertvolle Ergänzung des Genres, auch wenn Tempo und Aufbau Wünsche offenlassen.

Am ehesten dürfte Under Pressure eingefleischte Fußballfans und Dokumentarfilmbegeisterte ansprechen. Gelegentliche Zuschauerinnen und Zuschauer könnten den fehlenden Spannungsbogen und die wiederholten Spielaufnahmen weniger fesselnd finden.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

Schlagwörter: , , , , ,

Fügen Sie uns bei Google hinzu

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.