Fernsehen

Kacken an der Havel und die Scham eines geplatzten Durchbruchs

Ein gescheiterter Musiker kehrt in seine Heimat zurück und trifft auf die Versprechen, die er einst großspurig gegeben hat. Die Serie macht aus dem Traum vom Online-Erfolg eine leise, öffentliche Abrechnung.
Sara York

Noch bevor er aufsteht, prüft er die Zahlen. Streams, Follower, alte Videos, die einmal wie Beweise für eine sichere Zukunft wirkten. Die Geste ist routiniert und privat, ein Daumen im Halbdunkel, bevor der Tag beginnt. Dann liegt das Handy mit dem Display nach unten, und die Pizzeria muss geöffnet werden.

Diese Lücke zwischen digitalem Ehrgeiz und physischer Routine bildet das Zentrum von Kacken an der Havel. Fast zwei Jahrzehnte verbrachte der Protagonist in Berlin in der festen Überzeugung, kurz vor dem Durchbruch als Rapstar zu stehen. Stattdessen ist er 36, zurück in einem brandenburgischen Dorf, knetet Teig und weiß, dass hier niemand seine Ankündigungen von früher vergessen hat.

Die absurden Einfälle der Serie ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Doch unter der surrealen Oberfläche liegt etwas Vertrautes: die langsame Erkenntnis, dass Beharrlichkeit keine Anerkennung garantiert und dass das Versprechen digitaler Sichtbarkeit ein Verfallsdatum hat.

In einer der unangenehmsten Szenen kehrt er nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter heim und steht Menschen gegenüber, die seine Abschiedsrede noch genau im Kopf haben. Ehemalige Mitschüler begrüßen ihn nicht neugierig, sondern mit einer Bestandsaufnahme: Warst du nicht in Berlin? Solltest du nicht auf Tour gehen? Nun steht er hinter dem Pizzatresen, während ein alter Bekannter laut fragt, ob das „Album“ denn noch komme. Er lacht zu schnell. Das Mehl an seinen Händen verrät die Wirklichkeit.

Die Demütigung ist nicht theatralisch, sondern alltäglich. Er richtet seine Kappe, wenn der jüngere Stiefvater den Raum betritt. Er vermeidet Blickkontakt bei Dorftreffen. Er spricht von „Projekten“ statt von Schichten. Die Inszenierung läuft weiter, doch das Publikum ist ein anderes.

Gerade deshalb trifft die Serie einen Nerv. Viele kuratieren online Versionen ihrer selbst, die nicht zu dem Job passen, in den sie täglich einstempeln. Sie posten Studio-Selfies und rechnen parallel die Miete in einer Notiz-App durch. Sie aktualisieren Dashboards in der Mittagspause und hoffen auf einen Ausschlag, der nicht kommt. Und bei Familienbesuchen erklären sie ihre freiberuflichen Titel ausführlicher, als nötig wäre, nur um nicht über Rechnungen zu sprechen.

Die Spannung verschärft sich durch einen 13-jährigen Sohn, von dessen Existenz er nichts wusste. Der Junge gehört zu einer Generation, die vollständig in der Ökonomie der Kennzahlen aufgewachsen ist, plattformaffin und unbeeindruckt von Erzählungen über ein „Fast geschafft“. Wenn der Vater seine stagnierende Karriere als künstlerische Integrität verkauft, fragt der Teenager nüchtern nach Ergebnissen. Der Unterschied ist nicht ideologisch, sondern pragmatisch: Der eine jagte jahrelang einem Algorithmus hinterher, der andere weiß, wie selten er jemanden belohnt.

Kacken an der Havel zerlegt zudem den tröstlichen Mythos, Talent plus Zeit führe zwangsläufig zum Erfolg. Die 18 Jahre des Suchens erscheinen nicht als edles Leiden, sondern als schleichende Selbsttäuschung. Die Berliner Nächte im Studio wirken rückblickend wie archivierte Posts aus einem anderen Leben – abrufbar, aber ohne Dringlichkeit.

Die Heimat wird zum Raum der Rechenschaft. Anders als in der anonymen Großstadt, in der Neuerfindung möglich scheint, erinnert sich das Dorf. Es erinnert sich daran, wer er mit 18 war, was er mit 22 versprach und wie lange er fort war. In diesem Umfeld lässt sich die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht filtern.

Hier berührt die Serie einen größeren Stimmungswandel. Nach Jahren der Verherrlichung von Hustle-Kultur und Selbstvermarktung stellen sich viele eine leisere Frage: Was, wenn der große Durchbruch nie kommt? Nicht theoretisch, sondern praktisch. Was bedeutet es, mit 35 noch immer „aufzubauen“? Was, wenn das Nebenprojekt ein Nebenprojekt bleibt? Und wenn der Ort, den man hinter sich lassen wollte, der einzige ist, der noch den eigenen echten Namen kennt?

Einfache Erlösung bietet die Serie nicht. Der Protagonist muss entscheiden, ob er sein Leben weiter als Vorspiel zum Ruhm erzählt oder die Gewöhnlichkeit akzeptiert, die er einst fürchtete. Diese Entscheidung fällt nicht in großen Reden, sondern in kleinen Handlungen: zum Abendessen bleiben statt wütend zu gehen, dem Sohn bei den Hausaufgaben helfen statt ein weiteres Demo aufzunehmen, zugeben, dass der Job in der Pizzeria nicht nur vorübergehend ist.

Für viele wirkt das weniger wie Fiktion als wie ein Spiegel. Der Traum existiert vielleicht noch – auf einer Festplatte, in einer Playlist, in einem halbfertigen Text. Doch der Alltag verlangt etwas anderes. Und manchmal beginnt Neuerfindung nicht mit einem viralen Moment, sondern mit der Wahrheit am Familientisch darüber, was man heute tatsächlich macht.

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