Filmkritiken

The Parades: Eine unheimlich zärtliche Reise durch die Trauer

Molly Se-kyung
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Die erste Einstellung von The Parades verweilt auf Minako, gespielt von Masami Nagasawa. Ihr Blick wandert über einen verlassenen Strand, während die Wellen an die Küste schlagen – ein Bild, das den Ton dieses nachdenklichen japanischen Dramas setzt. Unter der Regie von Michihito Fujii und exklusiv auf Netflix zu sehen, erzählt der Film von Minako, einer alleinerziehenden Mutter und Journalistin, die bei einem Tsunami ums Leben kommt und sich plötzlich in einer Zwischenwelt des Jenseits wiederfindet. Ihre Suche nach ihrem vermissten Sohn bildet das emotionale Zentrum einer Geschichte, die sich mit bewusst ruhigem Tempo und stiller Intensität entfaltet.

Fujii führt mit Bedacht Regie und gibt der Atmosphäre den Vorrang vor der Dringlichkeit. Die blassen Blau- und Grautöne der Bildgestaltung spiegeln Minakos Gefühlslage wider, während das Sounddesign die unheimliche Stille dieser Geisterwelt verstärkt. Fujii verzichtet auf vertraute Muster des Geisterfilms und setzt stattdessen auf einen kontemplativen Ton, der die psychische Last des Verlusts in den Mittelpunkt rückt. Das zeigt sich in Szenen, in denen Minako durch verlassene Straßen streift oder allein auf einer Bank sitzt: Ihre Einsamkeit wird gerade dadurch spürbar, dass übernatürliche Schreckmomente ausbleiben.

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Die eindringlichste Szene entsteht, als Minako auf eine Gruppe rastloser Geister trifft. Sie kommen nicht zusammen, um die Lebenden heimzusuchen, sondern um einander dabei zu helfen, ihre Reue loszulassen. In diesem Moment verdichtet sich das zentrale Thema des Films: Trauer als gemeinsame Erfahrung, nicht als einsamer Kampf. Die Zusammenkünfte der Geister sind von poetischer Schlichtheit und verzichten auf Klischees wie gespenstische Erscheinungen oder plötzliches Erschrecken. Stattdessen richtet Fujii den Blick auf die stillen Augenblicke – Minako, die Erinnerungen mit anderen verlorenen Seelen teilt, oder das gemeinsame Seufzen der Gruppe, wenn sie sich ihrer Vergangenheit stellt.

Masami Nagasawa spielt zurückgenommen und zugleich eindringlich. Mit kleinen Gesten – einer geballten Faust, einer geflüsterten Bitte – vermittelt sie Minakos Verzweiflung und Liebe. Ihre nuancierte Darstellung fängt die Trauer einer Mutter ein, ohne ins Melodramatische abzugleiten. Kentaro Sakaguchi als Akira und Ryusei Yokohama als Shori überzeugen in starken Nebenrollen; beide tragen ungelöste Kümmernisse mit sich, die der Geschichte zusätzliche Tiefe verleihen. Nana Mori hingegen kommt als Nana kaum zur Geltung: Ihre Figur wirkt eher wie ein Mittel, um die Handlung voranzutreiben, als wie eine vollständig ausgearbeitete Persönlichkeit.

Das Erzähltempo ist bewusst langsam und könnte die Geduld mancher Zuschauer auf die Probe stellen. Der erste Akt zieht sich ein wenig, während Minako durch das Jenseits irrt. Der meditative Ton passt zwar zum Thema, grenzt stellenweise aber an Trägheit. Auch die Auflösung kommt etwas abrupt: Einige Handlungsstränge werden so rasch abgeschlossen, dass dies der ansonsten sorgfältig entwickelten Erzählweise des Films zuwiderläuft.

Trotz dieser Schwächen eröffnet The Parades eine ungewöhnliche Perspektive auf Trauer und das Leben nach dem Tod. Der Film ist eine bittersüße Meditation über Liebe, Verlust und die fortbestehenden Bande, die uns mit den Lebenden verbinden. Seine Stärke liegt in der emotionalen Aufrichtigkeit und den zurückhaltend eingesetzten Fantasyelementen. So wird er zu einer bewegenden Auseinandersetzung mit der Widerstandskraft des Menschen angesichts einer Tragödie.

The Parades ist nichts für Zuschauer, die ein temporeiches Geschehen oder den Nervenkitzel eines klassischen Geisterfilms suchen. Der Film richtet sich vielmehr an ein Publikum, das langsame Dramen mit starker emotionaler Wirkung schätzt. Die Themen Liebe und Verlust sind universell und machen ihn für ein breites Publikum zugänglich, auch wenn das nachdenkliche Erzähltempo seine Anziehungskraft einschränken könnte.

Besonders bemerkenswert ist, wie der Film Trauer erkundet. Minakos Weg durchs Jenseits ist nicht allein eine körperliche Reise, sondern auch eine emotionale Odyssee, die sie zwingt, sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit und den eigenen Reuegefühlen auseinanderzusetzen. Dieser nach innen gerichtete Blick unterscheidet The Parades von stärker actionorientierten oder visuell spektakulären Fantasyfilmen wie Madame Web (3.2), der sein Publikum mit Superheldenklischees und aufwendigen Effekten zu fesseln versucht.

Auch Vergleiche mit anderen jüngeren Netflix-Veröffentlichungen bieten sich an, etwa mit Maestro (5.6), einem biografischen Drama über das Leben eines renommierten Dirigenten. Während Maestro die Komplexität künstlerischer Genialität und persönlicher Beziehungen beleuchtet, setzt sich The Parades auf abstraktere und philosophischere Weise mit menschlichen Gefühlen auseinander. Beide Filme überzeugen in ihrem jeweiligen Genre, sprechen aber unterschiedliche Vorlieben an: Maestro richtet sich an ein Publikum, das historische Erzählungen und Charakterstudien schätzt, The Parades an Zuschauer, die sich für nachdenkliche Dramen mit einem Hauch Fantasy begeistern.

Einer der überzeugendsten Aspekte des Films ist die Darstellung des Jenseits als Ort gemeinsamer Heilung statt individueller Qual. Die Geister in The Parades sind keine bösartigen Wesen, sondern Weggefährten auf dem Weg zu Akzeptanz und Loslassen. Diese Perspektive verleiht der Erzählung zusätzliche Tiefe und macht aus ihr mehr als eine einfache Geistergeschichte: eine Meditation über das Menschsein.

Auch die Nebenrollen sind stark besetzt: Tetsushi Tanaka spielt Tanaka, Shinobu Terajima Kaori, Lily Franky Michael und Akari Takaishi Yasuko. Sie alle verleihen ihren Figuren zusätzliche Facetten. Ihre Darstellungen bereichern die Auseinandersetzung des Films mit Trauer und zeigen, wie unterschiedlich Menschen aus verschiedenen Lebenswelten mit Verlust umgehen. Die Begegnungen dieser Figuren mit Minako zählen zu den bewegendsten Momenten des Films und unterstreichen, wie universell ihre gemeinsamen Erfahrungen sind.

Auch die Bildsprache des Films sticht hervor. Mit langen, verweilenden Einstellungen und natürlichem Licht schafft Fujii eine realistische Atmosphäre, die die fantastischen Elemente der Geschichte erdet. Die Kameraarbeit ist zurückhaltend, aber wirkungsvoll; sie nutzt die Umgebung, um Minakos Gefühlslage widerzuspiegeln. So stehen die trostlosen Landschaften, die sie durchquert, für ihre innere Zerrissenheit, während vereinzelte Augenblicke der Schönheit – etwa ein sonnenbeschienenes Feld oder ein stiller Wald – Hoffnung und Trost aufscheinen lassen.

Ebenso bemerkenswert ist das Sounddesign, das mit subtilen akustischen Signalen die atmosphärische Spannung des Films verstärkt. Weil auf eine konventionelle Filmmusik verzichtet wird, rücken die natürlichen Geräusche der Umgebung in den Vordergrund: das Brechen der Wellen, der Wind, der durch die Bäume fährt. So taucht das Publikum in Minakos Welt ein, und ihre Reise wirkt greifbarer und unmittelbarer.

The Parades verlangt seinem Publikum Geduld und die Bereitschaft zur Selbstreflexion ab. Der Film ist kein Werk, das man nebenbei konsumiert; er fordert dazu auf, sich aktiv mit seinen Themen und Figuren auseinanderzusetzen. Wer bereit ist, Zeit und emotionale Energie zu investieren, wird mit einem tief bewegenden Filmerlebnis belohnt – einer eindringlichen Erkundung von Trauer und Liebe und davon, wie beständig menschliche Verbundenheit sein kann.

Unterm Strich ist The Parades ein nachdenkliches Drama mit großer emotionaler Wirkung, das durch Zurückhaltung und Feingefühl auffällt. Wer rasante Unterhaltung oder den Nervenkitzel eines klassischen Geisterfilms sucht, dürfte damit wenig anfangen können. Für Zuschauer, die introspektives Erzählen schätzen, bietet der Film jedoch ein ungewöhnliches und zutiefst bewegendes Erlebnis.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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