Dokumentarfilme

Eine Gorilla-Story erzählt von David Attenborough auf Netflix zeigt, warum Artenschutz fast nie funktioniert

Penelope H. Fritz

Ein junger Silverback namens Imfura tötete ein Neugeborenes innerhalb der Pablo-Gruppe. Die Kameras waren dabei. Die Gruppe verbannte ihn. Dieser Akt — ein innerhalb derselben Familie begangener und bestrafter Kindstod — war in der gesamten Geschichte der Berggorilla-Dokumentation noch nie gefilmt worden. Er ist der Moment, der Eine Gorilla-Story erzählt von David Attenborough von jedem vorherigen Naturdokumentarfilm unterscheidet: Was wie Wildtierbeobachtung aussieht, ist Bild für Bild die Aufzeichnung einer funktionierenden politischen Gesellschaft — mit Hierarchien, Regeln und Durchsetzungsmechanismen.

Die Pablo-Gruppe wird seit den 1960er-Jahren vom Dian Fossey Gorilla Fund lückenlos beobachtet — fast sechs Jahrzehnte ununterbrochener Feldforschung, die diese Familie zu einer der am intensivsten untersuchten der Zoologiegeschichte machen. Der Film erbt dieses Archiv und nutzt es auf ungewöhnliche Weise: Statt wissenschaftlicher Daten als Hintergrundmaterial behandelt er die Gruppe als dramatisches Ensemble. Gicurasi, 27 Jahre alt, ist der alternde Leitsilverback, dessen Autorität sichtbar schwindet. Ubwuzu, 19, ist der körperlich überlegene Herausforderer, der abwartet. Teta, das dominante Weibchen, hält die Nachfolge in der Hand — und sie weiß es. Und Imfura, das junge Männchen, das die internen Regeln der Gruppe brach, ist nicht mehr da.

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Das Archiv als Beweis

Der Film verankert die Gegenwart in einem präzisen Ursprungsmoment. 1978 begegnete David Attenborough während der Dreharbeiten zu Das Leben auf der Erde für die BBC einem Gorillababy namens Pablo im Volcanoes-Nationalpark in Ruanda. Die daraus entstandene Sequenz wurde zu einem der meistgesehenen Momente der britischen Fernsehgeschichte. Pablo wuchs zum dominanten Silverback heran. Seine Gruppe erreichte schließlich 65 Individuen — die größte jemals dokumentierte Berggorillagruppe. Dieser Dokumentarfilm ist keine nostalgische Rückkehr zu jener Begegnung. Er ist eine 50-jährige Bestandsaufnahme dessen, was geschah, nachdem die Kameras abzogen.

Was geschah, ist eine Geschichte von Zahlen, die eigentlich nicht möglich sein sollten. 1978 hatte die Wilderei die weltweite Berggorilla-Population auf etwa 250 Individuen reduziert. 2026 überleben mehr als 600. Sie sind die einzige Menschenaffenart, deren Population derzeit wächst. Diese Zahl ist entweder ein Triumph des Artenschutzes — oder eine Diagnose über alles andere: Die Bedingungen, die diese Erholung ermöglichten, existieren für keine andere bedrohte Primatenart gleichzeitig. Ein funktionierender Staat, ein Tourismusmodell, das zehn Prozent der Einnahmen direkt an lokale Gemeinschaften zurückgibt, und fast sechs Jahrzehnte ununterbrochener wissenschaftlicher Forschung — diese drei Faktoren trafen beim Berggorilla zusammen. Beim westlichen Flachlandgorilla, beim Schimpansen, beim Bonobo, beim Orang-Utan fehlt mindestens einer davon. Die Erholung des Berggorillas ist kein übertragbares Modell. Sie ist eine Ausnahme, die belegt, wie präzise die Regel andernorts versagt.

Der Zeuge und sein Zeugnis

Regisseur James Reed, Oscar-Preisträger für Mein Lehrer, der Krake, baute den Film um zwei parallele Zeitebenen. Attenborough, während der Produktion 99 Jahre alt, nahm 76 Minuten Erzählung in einer einzigen Nachmittagssitzung auf — direkt aus den Tagebüchern lesend, die er im Januar 1978 im Feld geschrieben hatte. Das Ergebnis ist keine Sentimentalität, sondern ein forensischer Vorgang: Derselbe Mann, der erstmals beschrieb, was es bedeutet, inmitten einer Berggorillafamilie zu sitzen, schildert nun, was es kostet, sie am Leben zu erhalten. Das Archiv und die 4K-Aufnahmen der Gegenwart antworten einander über fünfzig Jahre hinweg.

Kameramann Ben Cherry verwendete ein maßgefertigtes Hüfthöhen-Steadicam-Rig, um Aufnahmen auf Augenhöhe der Gorillas zu produzieren — eine technische Entscheidung, die zugleich eine redaktionelle ist. Die ruandische Regierung genehmigte nach 18 Monaten Verhaltensbeobachtung erstmals den vorsichtigen Drohneneinsatz in der Nähe der Tiere. Silverback Films produzierte in Zusammenarbeit mit Appian Way, der Produktionsfirma von Leonardo DiCaprio, mit dem Dian Fossey Gorilla Fund als wissenschaftlichem Berater über sechs Jahrzehnte Forschung. Mehr als 250 Drehtage im Volcanoes-Nationalpark.

A Gorilla Story: Told by David Attenborough
A Gorilla Story: Told by David Attenborough. Cr. John Sparks / Nature Picture Library

Die Frage, die der Film stellt und nicht beantwortet, ist diese: Kann Artenschutz das rückgängig machen, was Menschen genommen haben — oder trägt jede Erholung den Schatten dessen in sich, was beinahe verloren war? Die 600 heute lebenden Gorillas existieren, weil 1967 eine Forscherin namens Dian Fossey ein Lager an einem bestimmten Hang errichtete und die Welt sich langsam und unvollständig entschied, ihre Arbeit zu finanzieren. Diese Entscheidung war nicht unvermeidlich. Ob sie ein Modell war oder ein Zufall — das bleibt offen.

Eine Gorilla-Story erzählt von David Attenborough ist seit dem 17. April 2026 weltweit auf Netflix verfügbar. Laufzeit: 76 Minuten. Regie: James Reed, Ko-Regie: Callum Webster. Produziert von Alastair Fothergill. Ausführende Produzenten: Alastair Fothergill, Leonardo DiCaprio, Jennifer Davisson und Phillip Watson. Eine Produktion von Silverback Films in Zusammenarbeit mit Appian Way.

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