Kino

‚Dreams‘: Michel Franco seziert mit Jessica Chastain die Klassenfrage

Veronica Loop

Eine wohlhabende Kunstmäzenin in San Francisco finanziert die Laufbahn junger Tänzer, und einer von ihnen teilt ihr Bett. In Michel Francos Dreams ist diese Abmachung nie ganz eine Liebesgeschichte. Sie ist ein Geschäft, das beide hartnäckig für Liebe halten, und die Spannung des Films entsteht aus der Frage, wie lange sich dieser Irrtum halten lässt, bevor das Geld im Raum sich bemerkbar macht.

Jennifer ist die Förderin. Fernando ist der begabte mexikanische Tänzer, der ohne Papiere über die Grenze kommt, um in ihrer Nähe zu sein und, ebenso dringend, um auf einer Bühne zu stehen, die zählt. Franco lässt Begehren und Abhängigkeit in entgegengesetzte Richtungen weisen und stellt die einzige Frage, die ihn interessiert: Wenn diejenige mit dem Geld entscheidet, wie viel sie von dem behalten will, der keines hat, was bleibt dann von beiden?

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Jessica Chastain spielt Jennifer als Fassung mit einem feinen Riss, eine Frau, deren Großzügigkeit echt ist und deren Kontrolle noch echter. Die Besetzung ist zugleich eine Absichtserklärung: Chastain hat den Film über ihre Firma Freckle Films produziert und sichtlich eine Rolle ohne weiche Kanten gesucht. Ihr gegenüber spielt Isaac Hernández, im Leben Erster Solist und kein ausgebildeter Filmschauspieler, den Fernando. Die Wette lautet, dass der Körper eines echten Tänzers mehr Wahrheit trägt als die Nachahmung eines Schauspielers, und sie geht auf, sobald der Film aufhört zu reden und ihn tanzen lässt. Um die beiden herum spielt Rupert Friend Jennifers Bruder als den Reflex der Familie, sich zu schützen, während die Ballettwelt die perfekte Kulisse für Francos These liefert: eine Kunstform, die Transzendenz verkauft und doch vom Mäzenatentum lebt, in der die Laufbahn eines Tänzers ganz davon abhängen kann, welcher Geldgeber ihn für förderungswürdig hält.

Franco macht Filme, die sich weigern, den Zuschauer zu trösten. Die starre Kamera, die ausgesparte Reaktionseinstellung, die Gewalt, die ohne einen einzigen Takt Musik hereinbricht: Das ist seine Handschrift, und sie ist hier vollständig. Dreams ist sein zweiter Film mit Chastain nach Memory, und das Gespann ist zu einem verlässlichen Vehikel für seine kältesten Instinkte geworden. Der Film lief im Wettbewerb der Berlinale, wo er um den Goldenen Bären rang, bevor er in Sarajevo und Rom gezeigt wurde.

Die eigentliche Grenze in Dreams ist nicht nur jene, die Fernando zu Fuß überquert. Sie verläuft mitten durch die Beziehung. Franco behandelt Klasse als den Mechanismus, der entscheidet, wer träumen darf und wer dem Traum eines anderen lediglich nützt, und er lässt Jennifers gute Absichten das darunterliegende Machtgefälle nie reinwaschen. Migration ist hier keine Sache, für die man Partei ergreift, sondern ein Machtunterschied, den es zu untersuchen gilt, aus einer Distanz, die manche als Ehrlichkeit und andere als Achselzucken lesen werden. Genau hier wird der Film unbequem: Eine soziale Grenze lässt sich nicht überqueren wie eine geografische, und das gute Gewissen der Wohlhabenden löscht sie niemals aus.

Das ist das zentrale Risiko des Films, und er löst es nicht ganz auf. Was Dreams nie klärt, ist die Frage, ob seine Distanz ein Argument oder ein Alibi ist. Die Kritik hat sich beinahe in der Mitte geteilt: Das eine Lager lobte Chastains Mut und die Weigerung, die wohlhabenden, liberalen Figuren zu schonen; das andere fand ihn luftlos, eine inszenierte statt einer dramatisierten These. Einen Laien in der zweiten Hauptrolle zu besetzen schärft den Realismus und legt in den längeren Dialogszenen mitunter die Nähte frei. Der Film diagnostiziert die Grausamkeit der Klasse mit klinischer Präzision und enthält sich zugleich eines Urteils, und das Publikum wird zu Recht darüber streiten, ob diese Zurückhaltung Strenge oder Ausweichen ist.

Geschrieben, inszeniert und produziert von Franco, entstand Dreams bei AR Content, Eastern Film, Freckle Films und Teorema, mit Eréndira Núñez Larios und Alexander Rodnyansky unter den Produzenten und The Match Factory im internationalen Vertrieb. Zur Besetzung zählen außerdem Rupert Friend als Jennifers Bruder, Marshall Bell, Eligio Meléndez und Mercedes Hernández. Laufzeit: 98 Minuten.

Der Film kam im vergangenen Herbst in die mexikanischen Kinos und über Greenwich Entertainment in die US-Säle, ehe er Anfang des Monats beim Streamingdienst Starz startete. Die deutschen Rechte liegen bei Weltkino, ein deutscher Kinostart ist jedoch noch nicht bestätigt, während die internationale Auswertung weitergeht, in Spanien etwa am 19. Juni. Wie das Urteil von Markt zu Markt auch ausfällt: Dreams gehört zu den seltenen Prestigefilmen, die einen bewusst unbehaglich nach Hause schicken, und Franco war es noch nie wichtig, ob man es ihm dankt.

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