Filmkritiken

La Jefa – Die Chefin: Starke Hauptdarstellerinnen, aber der Thriller zieht die Schlinge zu locker

Fran Torres' Debüt von 2022 erzählt kühl von Macht, Abhängigkeit und einem verheimlichten Kind.
Martha O'Hara
Fügen Sie uns bei Google hinzu

La Jefa – Die Chefin erzählt von einer jungen Frau in der Modebranche, die glaubt, ihre vielversprechende Laufbahn sei mit der Schwangerschaft zu Ende, und von ihrer Chefin, die ihr einen Ausweg anbietet: Beatriz will das Kind adoptieren. Das klingt nach Hilfe. Fran Torres, der hier sein Langfilmdebüt gibt, macht daraus ein Kammerspiel über Abhängigkeit, in dem sich Großzügigkeit und Kontrolle kaum noch trennen lassen. Das Drama läuft seit dem 31. August 2022 bei Netflix, dauert 109 Minuten und setzt mehr in Gang, als es zu Ende bringt.

Am stärksten ist der Film, solange er bei Beatriz (Aitana Sánchez-Gijón) und Sofia (Cumelén Sanz) bleibt. Sofia ist eine Argentinierin in Madrid, die ihrem Freund Nacho die Schwangerschaft verschweigt und nicht weiß, wie es weitergehen soll. Die Frau, die sie bewundert, ist zugleich die, von der ihre Zukunft abhängt. Beatriz, die selbst nie ein Kind austragen konnte, bietet ihr viel Geld, wenn sie ihr das Kind überlässt, und zwar auf illegalem Weg. Wer so abhängig ist, sagt nicht leicht Nein. Genau daraus bezieht das Angebot seine Bedrohlichkeit: Die Chefin bietet Schutz an und verlangt dafür das Kind. Man denkt an Der Teufel trägt Prada mit einer Portion Thriller, nur sehr viel düsterer.

Sánchez-Gijón trägt diese erste Hälfte. Sie spielt Beatriz mit einer Freundlichkeit, die nie ganz entspannt wirkt. Eine Anweisung klingt bei ihr wie ein Gefallen, und oft merkt man erst hinterher, wie viel Druck in einem einzigen Satz lag. Sanz hat die undankbarere Aufgabe, denn Sofia muss ehrgeizig, verunsichert und zunehmend eingeengt zugleich sein. Das gelingt ihr meist überzeugend, auch wenn die Figur an manchen Stellen schneller umschwenkt, als das Drehbuch es begründet.

Die Enge wächst, sobald der Film die Stadt verlässt. Sofia zieht auf einen abgelegenen Landsitz, damit niemand ihre Schwangerschaft bemerkt. Zunächst genießt sie fast so etwas wie bezahlten Urlaub, dann findet sie versteckte Kameras. Beatriz schaltet die im Haus ab, lässt die draußen aber laufen, angeblich zu Sofias Schutz. Wenig später ist das Telefon verschwunden, und mit ihm der Kontakt zu Nacho. Als die Haushälterin Tati plötzlich nicht mehr da ist, heißt es, man habe sie entlassen, und Beatriz schenkt Sofia einen Hund, als ließe sich Unbehagen mit einem Haustier besänftigen. Das sind bekannte Bausteine des Genres, aber sie erfüllen ihren Zweck: Man spürt, wie der Spielraum kleiner wird. Die Ärztin Cristina (Vanesa Rasero) und der Anwalt Julio (Pedro Casablanc) sollen dafür sorgen, dass alles seine Ordnung hat. Cristinas Tagesplan zermürbt Sofia, doch als Figuren bleiben die beiden Helfer blass; sie sind da, damit der Plan aufgeht, und wirken sonst nicht wie Menschen mit eigenen Motiven.

Hier liegt das Problem. Torres will zu viel auf einmal: ein Drama über Karriere und Kinderwunsch, eine Geschichte über Ausbeutung im Arbeitsverhältnis und einen Thriller mit Überwachung. Die Tonlage wechselt, ohne dass man den Übergang spürt. Anfangs sieht man einem leisen Machtspiel zu, später greift der Film zu Wendungen, die man aus vielen Filmen dieser Art kennt, und sie wirken eher abgerufen als erarbeitet. Nacho (Álex Pastrana) liefert vor allem den äußeren Anlass für Konflikte. Belén (María Fernández Prat), die in Beatriz‘ Firma Sofias Bewerbung unter die Lupe nimmt, erhält ebenfalls kaum mehr als eine Nebenrolle im Räderwerk der Handlung.

Auch die Regie bleibt hinter den Möglichkeiten des Stoffs zurück. Die Handlung schreitet zügig, aber selten überraschend voran, und Beatriz‘ Beweggründe bekommen weniger Raum, als sie verdienten. Warum diese Frau so handelt, wie sie handelt, deutet der Film an, statt es auszuloten. Dabei läge gerade in Sofias Lage, als Einwanderin allein in einem fremden Haus, genug Stoff für Szenen, die dem Film mehr Gewicht gäben als die nächste Wendung.

Die Zahlen sind mager. Auf IMDb steht der Film bei 4,8 von 10, und die 20 Prozent auf Rotten Tomatoes beruhen auf einer einzigen Kritik, sagen also kaum etwas. Eine andere Besprechung räumt das gemächliche Tempo ein und findet den Film trotzdem fesselnd, vor allem wegen seiner dunklen Note. Ich sehe das zur Hälfte so: Der Film hält die Aufmerksamkeit, aber er belohnt sie nicht ganz.

Sehenswert ist Torres‘ Debüt wegen seiner beiden Hauptdarstellerinnen, auch wenn das Drehbuch seine stärkste Idee zu früh gegen bekannte Thriller-Muster eintauscht. Wer ein sauber erzähltes Psychoduell erwartet, wird zwischendurch ungeduldig. Beatriz bleibt trotzdem im Kopf, weniger wegen dessen, was der Film über sie sagt, als wegen dessen, was Sánchez-Gijón unausgesprochen lässt.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

Schlagwörter: , , , , ,

Fügen Sie uns bei Google hinzu

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.