Filmkritiken

Centauro ist ein schnörkelloser Rasant-Thriller, dem unterwegs die Figuren abhandenkommen

Daniel Calparsoros Netflix-Remake von Burn Out (2022) mit Àlex Monner.
Martha O'Hara
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Rafa lebt für den Moment, in dem das Tempo alles andere ausblendet. Daniel Calparsoros Centauro (2022) baut seine ganze Anlage auf dieser Sucht auf: Àlex Monner spielt einen Mann, den das reine, feurige Gefühl des Speedracings gepackt hat. Dann gerät die Mutter seines Kindes, Natalia, an Drogendealer, und Rafa gibt Gas, um sie herauszuholen. Der Film ist ein Remake von Yann Gozlans Burn Out (2017), er entstand für Netflix, dauert knapp anderthalb Stunden und trägt die Musik von Carlos Jean. Die Handlung passt in zwei Sätze, und der Film erzählt sie kaum ausführlicher.

Damit ist schon das Wichtigste gesagt, denn Centauro ist ein Genrefilm, der seine Mittel kennt. Calparsoro erzählt geradlinig und ohne den Ehrgeiz, die Gattung zu erneuern. Ein Mann, eine Frau in Gefahr, ein Milieu, in dem Gewalt zum Alltag gehört: Dieses Gerüst kennt man aus unzähligen Thrillern. Die Frage lautet also nicht, ob der Film Neues erfindet, sondern ob er das Bekannte mit genug Druck und Eigensinn erzählt. Beim Druck lautet die Antwort ja, beim Eigensinn nur zum Teil. Das Tempo hält. Die Pausen zwischen den Fahrten füllt der Film dagegen unscharf, als wüsste er mit den ruhigen Minuten nichts anzufangen.

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Die Prämisse hat durchaus Reiz. Ein Süchtiger der Geschwindigkeit wird von der Wirklichkeit eingeholt, und zwar in Gestalt der Frau, mit der ihn ein Kind verbindet. Das ist ein tragfähiger Konflikt: Wer sich im Rausch von Verantwortung freigefahren hat, muss sie plötzlich einlösen, weil ein anderer Mensch in Gefahr ist. Der Film deutet diese Spannung an, arbeitet sie aber kaum aus. Rafas Zerrissenheit zwischen seiner Leidenschaft und der Sorge um Natalia und das gemeinsame Kind setzt die Handlung eher voraus, als dass sie davon erzählt. Man sieht, dass er fahren will und dass er helfen muss. Dass beides an ihm zerrt, spürt man selten.

An dieser Stelle trägt Àlex Monner den Film. Er gibt Rafa eine nervöse Körperlichkeit, die zu einem Mann passt, der erst in Bewegung zur Ruhe kommt. Monner spielt ihn nicht als strahlenden Actionhelden, sondern als jemanden, der getrieben wirkt und dem die Entschlossenheit, die der Plot verlangt, mehr abverlangt, als er zugeben möchte. Große Schauspielkunst ist das nicht, und das schwache Drehbuch macht es auch nicht vergessen, aber der Film bekommt dadurch ein Zentrum. Ohne diesen Darsteller wäre die Hauptfigur kaum mehr als ein Funktionsträger der Rettungsmission.

Begoña Vargas hat es schwerer. Natalia ist im Kern der Anlass für Rafas Handeln, und der Film gönnt ihr wenig Raum jenseits dieser Rolle. Vargas macht daraus, was die Szenen hergeben. Doch eine Figur, die vor allem in Gefahr gerät und herausgeholt werden muss, bleibt dramaturgisch ein Ziel und kein Mensch mit eigenem Willen. Gerade weil die Beziehung der beiden den emotionalen Einsatz bildet, hätte man hier mehr Substanz erwartet. Der Film verlässt sich darauf, dass wir ihre Gefährdung ernst nehmen, ohne uns genug über sie zu erzählen. Ein Satz, ein Blick, eine Erinnerung an das gemeinsame Leben hätten genügt, um diese Lücke zu schließen, und selbst die gibt es kaum.

Carlos Bardem als Boro bringt etwas Schwere in die Besetzung. Er hat das Gesicht und die Stimme für einen Mann, der in einem solchen Milieu nicht erst laut werden muss, um bedrohlich zu wirken. Dass der Film ihm nicht mehr Zeit gibt, ist schade, denn in einem Thriller dieser Bauart entscheiden die Figuren auf der anderen Seite darüber, wie gefährlich die Lage wirkt. Bei den übrigen Rollen, besetzt unter anderem mit Abraham Pérez Fernández als Mateo, Édgar Vittorino als Carlos, Sebastian Ciontescu als Jairo, Anderson Brian González Montoya als Tico und Dollar Selmouni als Cortés, ist der Eindruck ähnlich. Sie füllen das Umfeld aus, in dem sich Rafa bewegt, aber kaum eine dieser Figuren bekommt Konturen, die über ihre Funktion hinausreichen.

Carlos Jean schrieb die Musik, und sie gibt dem Film, was das Drehbuch nur zum Teil liefert: Antrieb. Zum Album gehört unter anderem ein Stück namens „Centauro’s Theme 1“, und der elektronische Zugriff der Partitur passt zu einem Film, der Geschwindigkeit als Gefühl verkaufen will. Wo sie die Verfolgungen begleitet, steigert sie den Sog. Wo sie dagegen dramatische Momente tragen soll, die der Text nicht trägt, hört man ihr die Anstrengung an. Sie kann dem Film eine Identität behaupten, aber sie ersetzt nicht, was in den Figuren fehlt.

Der Titel ist übrigens klug gewählt. Ein Zentaur ist ein Mischwesen aus Mensch und Tier, und die Rezension bei Rock and Films hat dazu die schöne Zeile „Ruedas en vez de patas“ gefunden, Räder statt Beine. Das Bild passt zu Rafa, der mit seinem Fahrzeug verwächst und darin mehr zu Hause ist als im bürgerlichen Leben mit Kind und Verpflichtungen. Der Film legt dieses Motiv nahe, ohne es zu einem tragenden Gedanken auszubauen. Als Titel funktioniert das Bild, als Idee wird es nicht eingelöst. Dabei läge genau hier die Chance, aus einem Mann, der nur fährt, einen Mann zu machen, der nicht mehr absteigen kann.

Den Vergleich mit dem Original muss sich Centauro gefallen lassen, auch wenn ich Burn Out hier nicht Szene für Szene gegenüberstelle. Ein Remake verlagert eine bekannte Geschichte in eine andere Umgebung, und die Wahl Spaniens bringt eine andere Sprache, andere Gesichter und eine andere Straßenkultur mit. Ob dieser Wechsel dem Stoff neue Reibung verleiht, beantwortet der Film nur zögerlich. Man sieht ihm an, dass er einem Modell folgt, und diese Treue nimmt ihm die Möglichkeit, sich eine eigene Haltung zu seinem Thema zu erarbeiten. Von Drogenkriminalität und väterlicher Verantwortung ist die Rede, gesellschaftlich greifbar wird beides kaum.

Die Aufnahme beim Publikum spiegelt das wider. Auf IMDb steht der Film bei 5,4 von 10, ein Wert, der eher Duldung als Begeisterung ausdrückt, und unter den Nutzerstimmen findet sich der Satz, es sei ein unterhaltsamer Film, den man nebenbei laufen lassen könne. Das ist nicht freundlich gemeint, trifft aber etwas. Espinof nannte den Film im Juni 2022 eine rasante spanische Netflix-Produktion, und ein Urteil auf Rotten Tomatoes formuliert es so, dass Centauro wisse, was er sei, und das Beste daraus mache. Beide Lesarten laufen auf dasselbe hinaus: Der Film verspricht wenig und hält es verlässlich. Für einen Abend auf dem Sofa ist das keine geringe Leistung, für ein Kino der Erinnerung ist es zu wenig.

Und doch bleibt am Ende ein Rest an Unzufriedenheit, den man dem Film nicht ganz abgewöhnen kann. Wer eine Rettungsgeschichte erzählt, deren emotionaler Kern eine Familie ist, sollte diese Familie spürbar machen. Centauro tut das nur im Vorübergehen. Die Fahrten sind das, wofür man den Film einschaltet, die Figuren sind das, woran man sich danach nicht erinnert. Calparsoro ist ein Regisseur, der Bewegung kann und Bedeutung eher behauptet. Das reicht für knapp neunzig Minuten flotter Unterhaltung, und für mehr reicht es nicht.

Was bleibt, ist ein solider, schmaler Netflix-Thriller mit einem engagierten Hauptdarsteller, einer wirkungsvollen Musik und einer Geschichte, die man von der ersten Viertelstunde an durchschaut. Wer an einem Abend Tempo, Lärm und eine klare Linie sucht, bekommt sie. Wer darüber hinaus Figuren sucht, die mehr wollen als ihre Rolle im Plot, wird bei Centauro höflich abgewiesen. Der Film fährt in der Spur, die ihm sein Vorbild vorgibt, sauber und ohne Ausreißer, und genau darin liegen sein Verdienst und sein Mangel.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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