Musik

K-pop baute Jahrzehnte lang Mythologien für Idole. NewJeans brach die Formel

Noah Brandt

Jedes K-pop-Comeback beginnt mit einer Entscheidung, die nichts mit Musik zu tun hat. Bevor eine einzige Note aufgenommen wird, legt ein Kreativteam fest, welches Argument dieses Release machen soll: nicht welchen Sound es haben wird, sondern wer diese Menschen sein werden. Das Konzept bestimmt die Frisuren, das Choreografievokabular, die Musikvideo-Sets, die Albumgestaltung, die Persona.

Als EXO mit „MAMA“ debütierte, beinhaltete das Release eine Kosmologie: zwölf Mitglieder in zwei Subunits aufgeteilt, um einen Lebensbaum vor einer korrumpierenden Roten Kraft zu schützen, jeder mit einer eigenen Superkraft. SM Entertainment hatte ein Lore-System gebaut, das jegliches westliches Mainstreamin Transmedia-Storytelling um Jahre vorwegnahm.

VIXX verdiente sich den Titel „Konzept-Könige“ für theatralische Veröffentlichungen, die jeweils ein vollständig ausgearbeitetes fiktives Universum darstellten. NCT, ebenfalls von SM, trieb die Logik weiter: das Konzept wurde zur permanenten Architektur, einem rotierenden Rahmen. BTS startete ihr narratives Universum mit „I Need U.“ Ein Begleit-Webtoon sammelte 50 Millionen Aufrufe.

aespa erschien mit einer parallelen Digitaldimension namens Kwangya, einer KI-Villänin namens Black Mamba und einer fiktiven KI-Entität namens nævis. SMs erklärtes Ziel war eine „Virtuelle Nation,“ die alle Acts durch eine einheitliche Lore verbindet.

Dann debütierten NewJeans mit kaum promotionellem Vorlauf: keine Teaser, keine Konzeptfotos. Kreativdirektorin Min Hee-jin hatte achtzehn Jahre bei SM visuelle Identitäten aufgebaut. Sie sah all das und präsentierte, was HYBE-Manager angeblich „schlicht“ nannten.

Die Kritik identifizierte das Paradox schnell: eine kalkulierte Ablehnung des Konzepts ist selbst ein Konzept. Ein Seouler Gericht stellte fest, dass ILLIT technisch kein Plagiat vorlag. Das Urteil legte die strukturelle Lücke offen: Im K-pop haben Konzepte keinen Schutz des geistigen Eigentums.

Ob das alles künstlerische Identität ausmacht, oder ob die Konzeptära immer eine Maschine war, aus der Min Hee-jin ausgestiegen ist, ist eine Frage, die das Genre noch nicht gelöst hat.

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