Wissenschaft

Denisova-Menschen bekommen ein Gesicht, dank Fossilien aus den 1970er-Jahren in China

Nadia Okonkwo
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Schädelstücke, Zähne und Kiefer, die jahrzehntelang in einer chinesischen Sammlung lagen, stammen von Denisova-Menschen, den ausgestorbenen Vettern der Neandertaler, die die Wissenschaft zuerst nur als einzelnen Fingerknochen kannte. Proteine aus zwei der Knochen tragen eine molekulare Signatur, die unter den bislang untersuchten Menschen nur Denisova-Menschen besitzen. Damit werden die Fossilien von Xujiayao zu einer der größten Sammlungen von Denisova-Überresten überhaupt, und Forschende können Merkmal für Merkmal beschreiben, wie diese Menschen aussahen.

Die Antwort: ein langer, flacher Kopf mit sehr dickem Knochen, ein wuchtiger Überaugenwulst, der nach hinten ausläuft, eine fliehende Stirn, eckige Augenhöhlen, eine breite Nasenöffnung und flache Wangen, die nicht nach vorn ragen. „Endlich beginnen wir, dem Denisova-Menschen ein Gesicht zu geben“, sagte Sally Wasef gegenüber dem Nachrichtenteam von Nature; Wasef forscht zur Paläogenetik an der Queensland University of Technology in Brisbane und war an der Studie nicht beteiligt. Bis vor Kurzem stammte fast alles, was man über diese Gruppe wusste, aus der DNA, nicht aus der Anatomie.

Die Arbeit unter Leitung der Gruppe von Qiaomei Fu am Institute of Vertebrate Paleontology and Paleoanthropology in Peking ordnet zudem eine unübersichtliche Ecke des menschlichen Stammbaums neu. Mehrere ostasiatische Fossilien, die Fachleute unter verschiedenen Namen geführt hatten, darunter die kürzlich vorgeschlagene Art Homo juluensis, könnten allesamt Denisova-Menschen sein.

So ging das Team vor

In Xujiayao, einer Fundstelle im Nihewan-Becken im Norden Chinas, die 20 menschliche Fossilien geliefert hat, ist keine DNA erhalten geblieben. Proteine halten länger als DNA, also setzte das Team auf sie. Es untersuchte zwei Stücke per CT, ein Fragment des rechten Scheitelbeins von der Seite des Schädels und einen Teil eines Unterkiefers, und bohrte dann in einem Reinraum in jedes ein kleines Loch, um Knochenpulver zu gewinnen.

Ein Massenspektrometer, ein Gerät, das molekulare Bruchstücke so genau wiegt, dass sich ihre Bausteine ablesen lassen, identifizierte anschließend die Proteinfragmente. Zwei getrennte Labore, an der Capital Medical University und an der Fudan-Universität, analysierten die Proben, und die Ergebnisse wurden mit zwei verschiedenen Softwarepaketen überprüft. Proteine, die sehr lange im Boden liegen, verändern sich chemisch langsam, moderne Verunreinigungen von Haut oder Laborreagenzien dagegen nicht; das Team nutzte diese Abnutzung, um echtes altes Material von verirrten modernen Proteinen zu trennen. Nach dieser Filterung blieben 18 alte Proteine übrig.

Der entscheidende Hinweis liegt an einer einzigen Position in einem Kollagenprotein namens COL1A2. An dieser Stelle tragen alle bisher untersuchten Denisova-Menschen, von der Denisova-Höhle in Sibirien über das Hochland von Tibet und die Taiwanstraße bis zum Harbin-Schädel, eine Aminosäure namens Lysin, Neandertaler und moderne Menschen dagegen Arginin. Im Scheitelbein zeigten 57 verschiedene Proteinfragmente an dieser Stelle Lysin und nur eines Arginin. Der Unterkiefer ergab 61 zu eins. Ein Stammbaum auf Basis von acht Proteinen ordnete beide Knochen mit einer statistischen Sicherheit von über 99 Prozent den Denisova-Menschen zu.

Wie ein Denisova-Gesicht aussah

Nachdem Xujiayao bestätigt war, legte das Team die Knochen neben den Harbin-Schädel, einen nahezu vollständigen Schädel mit dem Spitznamen „Drachenmensch“, den frühere Protein- und DNA-Analysen bereits den Denisova-Menschen zugeordnet hatten. Zusammen liefern die beiden Fossilgruppen die erste gemeinsame Merkmalsliste der Denisova-Anatomie statt einer Beschreibung, die auf einem einzigen Exemplar beruht.

Manche Merkmale wirken altertümlich, wie bei Homo erectus: ein niedriger, breiter Hirnschädel und ein Schädeldach, das am Scheitel 7,7 Millimeter und am Scheitelbeinhöcker 12 Millimeter dick ist. Andere wirken überraschend modern, etwa ein stark gewölbtes Schläfenbein über dem Ohr. Einige gleichen späten Neandertalern, darunter die Anordnung der Bogengänge des Gleichgewichtsorgans im Innenohr und eine kleine Grube am Hinterkopf. Hinzu kommt eine Kombination, die das Team als typisch für Denisova-Menschen bezeichnet: ein niedriger Schädel mit fast parallelen Seitenwänden, ein massiver Überaugenwulst, flache Wangenknochen und ein nur leicht vorspringender Kiefer. Die Unterkiefer aus Xujiayao, Xiahe und Penghu teilen zudem eine kleine Vertiefung an der Innenseite des Knochens, die bei anderen Menschen selten ist.

Zum Vergleich: Neandertaler haben meist einen von hinten gesehen rundlichen Schädel und eine Wölbung am Hinterkopf, den sogenannten Hinterhauptsknoten (Chignon). Den Denisova-Schädeln fehlt beides, sie waren also nicht einfach Neandertaler, die weiter östlich lebten.

Weniger Äste am Stammbaum

Die provokanteste These reicht über Xujiayao hinaus. Einer der dortigen Schädel, Xujiayao 6, war zum Typusexemplar von Homo juluensis erklärt worden, einer Art, die sich teils über ein riesiges Hirnvolumen von etwa 1.700 Millilitern definierte. Das Autorenteam argumentiert, dass Größe allein keine Art begründen kann. Die Hirnvolumina seiner Gruppe reichen von etwa 1.120 bis 1.800 Millilitern, eine Spanne, die in die Bandbreite heutiger Menschen von rund 1.090 bis 1.880 Millilitern passt.

Nach einem anatomischen Vergleich über die ganze Region kommt das Team zu dem Schluss, dass berühmte Fossilien wie Dali, Jinniushan und Hualongdong, lange als archaische Menschen ohne geklärten Namen beschrieben, ebenfalls zur Denisova-Linie gehören. Trifft das zu, waren Denisova-Menschen keine seltene, nur aus Bruchstücken bekannte Gruppe, sondern die wichtigste archaische Menschenpopulation Ostasiens, präsent von vor mindestens 300.000 bis vor etwa 45.000 Jahren, vom kalten Norden Chinas bis in den subtropischen Süden. „Die Studie stellt einen großen Schritt nach vorn dar“, um zu verstehen, wie diese Menschen aussahen und wo sie lebten, sagte Fabrice Demeter gegenüber Nature; Demeter forscht an der Universität Kopenhagen zur Paläoanthropologie.

Was die Studie offenlässt

Der molekulare Nachweis betrifft zwei von 20 Knochen und stützt sich auf einen einzigen Aminosäureunterschied. Keine andere Variante trennt Individuen innerhalb der Denisova-Gruppe, daher können die Proteine nicht sagen, wie die Menschen von Xujiayao mit denen aus Sibirien, Tibet, Taiwan oder Harbin verwandt sind. Auch der Referenzdatensatz, der den Marker zu einem Merkmal macht, das „nur bei Denisova-Menschen“ vorkommt, ist klein: fünf Individuen, verglichen mit Neandertalern und modernen Menschen.

Die weitergehende Neuordnung ist schwächer belegt als das Ergebnis zu Xujiayao selbst. Für Dali, Jinniushan, Hualongdong und Xuchang liegen in dieser Studie keine Proteindaten vor; sie werden allein über die Anatomie mit den Denisova-Menschen verknüpft. Das Autorenteam räumt ein, dass das Denisova-Merkmalsbündel „nicht gleichzeitig an einzelnen Exemplaren auftritt, sondern sich in unterschiedlichen Formen oder Kombinationen an verschiedenen Exemplaren zeigt“, was die Definition flexibel und schwerer überprüfbar macht. Demeter weist außerdem darauf hin, dass eine Gruppe, die über ein so riesiges Gebiet und einen so langen Zeitraum verbreitet war, im Aussehen wahrscheinlich variierte.

Das Gesicht selbst ist zum Teil erschlossen. Die Gesichtsknochen, die das Bild vervollständigen, stammen aus Harbin und von anderen Schädeln, nicht aus Xujiayao. Hautfarbe, Haare und Weichgewebe lassen sich nicht am Knochen ablesen, daher bleibt jedes lebensechte Porträt eine künstlerische Interpretation.

Häufige Fragen zu den Denisova-Menschen

Wer waren die Denisova-Menschen?

Eine ausgestorbene Gruppe archaischer Menschen, eng mit den Neandertalern verwandt, die erstmals anhand der DNA eines Fingerknochens aus der Denisova-Höhle in Sibirien identifiziert wurde. Sie vermischten sich mit unserer Art, und Menschen in Ozeanien und Teilen Asiens tragen bis heute ihre DNA in sich.

Wie sahen Denisova-Menschen aus?

Nach den Fossilien aus Xujiayao und Harbin hatten sie lange, flache Schädel mit dickem Knochen, einen massiven Überaugenwulst, eine fliehende Stirn, eckige Augenhöhlen, eine breite Nasenöffnung und flache Wangen. Ihre Kiefer ragten nur leicht nach vorn. Haut-, Haar- und Augenfarbe sind unbekannt.

Wie bestimmt man mit Proteinen eine Menschenart?

Proteine bestehen aus Aminosäuren in einer von den Genen festgelegten Reihenfolge, daher kann eine Genveränderung eine dauerhafte Spur im Protein hinterlassen. Kollagen im Knochen kann weit länger überdauern als DNA. Eine bekannte, für Denisova-Menschen spezifische Veränderung im Protein COL1A2 dient als molekularer Fingerabdruck, selbst wenn keine DNA mehr vorhanden ist.

Ist Homo juluensis eine eigene Art?

Die Art wurde für die Fossilien mit großem Hirnvolumen aus Xujiayao und Xuchang vorgeschlagen. Die neue Studie argumentiert, dass der Größenunterschied normale Variation innerhalb einer einzigen Population ist und diese Fossilien Denisova-Menschen sind, auch wenn andere Forschende den eigenen Namen weiterhin verteidigen könnten.

Wie es weitergeht

Der Test, den die Studie nahelegt, ist direkt: Wenn Dali, Jinniushan oder Hualongdong Denisova-Menschen sind, müsste jedes dieser Fossilien, das noch Kollagen enthält, an derselben Stelle von COL1A2 Lysin zeigen. Proteine oder DNA weiterer Individuen aus Xujiayao, idealerweise aus verschiedenen Schichten der Fundstelle, würden zeigen, ob dort während der rund 60.000 Jahre, die die Ablagerungen umfassen, eine einzige Population lebte. Die Funde wurden zwischen 1976 und 1979 ausgegraben und auf etwa 199.000 bis 138.000 Jahre vor heute datiert, womit sie zu den frühesten molekular bestätigten Denisova-Menschen gehören. Die Studie erschien am 21. Oktober 2026 in Nature, einen Monat nach einer separaten Nature-Arbeit über Denisova-Überreste aus der Bianfu-Höhle in Yunnan.

Referenz: Xing et al., „The proteome of Middle Pleistocene Xujiayao and common Denisovan morphology,“ Nature, 2026. DOI: 10.1038/s41586-026-11132-z

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