Filmkritiken

Kal – Verlass mich nicht ist ein ehrliches Trennungsdrama, das seine beste Frage zu zaghaft beantwortet

Ozan Açıktans türkische Netflix-Romanze (2022) lebt von der zurückgenommenen Leistung Burak Deniz'.
Martha O'Hara
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Mit einem leeren Kühlschrank und einem Telefon voller unbeantworteter Anrufe sitzt Semih (Burak Deniz) auf seinem Wohnzimmerboden. Die plötzliche Trennung von seiner Freundin Defne hat ihn in ein emotionales Vakuum gestoßen, das Regisseur Ozan Açıktan in Kal – Verlass mich nicht mit ruhiger Hand auslotet. Der Film ist kein spektakulärer Beziehungsdrama-Krimi, sondern eine beharrliche Studie über männliche Verweigerungshaltung und die Angst vor der eigenen Verantwortung.

Açıktans Inszenierung setzt auf Alltagsrealismus statt auf dramatische Steigerungen. Die Kamera folgt Semih durch Istanbuler Bars, leere Büros und Wohnungen voller unausgesprochener Vorwürfe. Burak Deniz trägt diese Rolle mit einer Mischung aus resignierter Wut und verletzter Eitelkeit – er ist der klassische Mann, der die Trennung nicht versteht, weil sie ja eigentlich perfekt war. Seine Monologe vor dem Badezimmerspiegel oder die verzweifelten Anrufe bei Freunden (darunter Şükran Ovalı als Özge und Ersin Arıcı als Nazım) sind die einzigen Momente, in denen der Film emotionalen Druck aufbaut. Deniz spielt diese Szenen mit einer rohen Intensität, die den Film trägt – denn ansonsten bleibt Kal ein eher statisches Werk.

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Wo der Film glänzt, ist in seiner schonungslosen Darstellung männlicher Verdrängungstechniken. Semihs Reise führt ihn durch eine Reihe von Gesprächen mit Freunden und Bekannten, die alle auf seine eigene Ignoranz gegenüber Defnes Bedürfnissen verweisen. Besonders stark ist die Szene, in der er sich mit Ceyda (Ceyda Düvenci) trifft – einer Frau, die ihm klarmacht, dass sein Problem nicht Defne war, sondern seine Unfähigkeit, Verantwortung für das Scheitern ihrer Beziehung zu übernehmen. Diese Dialoge sind präzise geschrieben und zeigen, wie sehr Kal von seinen Schauspielern lebt.

Allerdings bleibt der Film in seiner Struktur oft passiv. Die Handlung dreht sich im Kreis: Semih läuft durch die Stadt, trifft Menschen, die ihm raten, mit Defne zu reden – nur um dann doch wieder in Selbstmitleid zu versinken. Açıktan inszeniert diese Wiederholungen als bewusste Stilmittel, aber ohne spürbaren narrativen Zweck. Der Film wirkt wie ein langes, trauriges Telefonat, bei dem man am Ende nicht viel mehr weiß als am Anfang.

Das größte Problem von Kal ist sein Genre-Fit. Als romantisches Drama fehlt ihm die emotionale Tiefe und die chemische Spannung zwischen den Hauptdarstellern – Burak Deniz und Dilan Çiçek Deniz wirken in ihren gemeinsamen Szenen wie Fremde, nicht wie ein Paar mit einer gemeinsamen Geschichte. Als psychologisches Drama wiederum bleibt er zu oberflächlich: Die Motive der Charaktere werden kaum ausgeleuchtet, stattdessen verlässt sich der Film auf klischeehafte Darstellungen von männlicher Unreife und weiblicher Unerreichbarkeit.

Trotz dieser Schwächen hat Kal Momente, die im Gedächtnis bleiben. Die Szene, in der Semih Defnes leere Wohnung durchsucht, ist eine stille, aber kraftvolle Darstellung seiner Verzweiflung. Und Deniz‘ Monologe – besonders einer in einem verlassenen Café – zeigen, wie viel Potenzial dieser Stoff gehabt hätte, wenn er mutiger inszeniert worden wäre.

Kal – Verlass mich nicht ist ein Film über die Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen – und das gilt auch für seine eigene Inszenierung. Ozan Açıktan hat eine Geschichte erzählt, die wichtig ist, aber er tut es mit zu viel Zurückhaltung und zu wenig Originalität. Seit seiner Veröffentlichung auf Netflix im Jahr 2022 hat der Film ein gespaltenes Publikum hinterlassen: Die einen schätzen Deniz‘ Präsenz, die anderen stoßen sich an einem Tempo, das Geduld fordert, ohne sie zu belohnen.

Interessanterweise hat Kal eine gewisse kulturelle Relevanz in der Türkei erlangt, da er Themen wie männliche Emotionalität und Beziehungskonflikte anspricht, die oft tabuisiert werden. Der Film hat auch Diskussionen über die Darstellung von Männern in romantischen Dramen angeregt, insbesondere darüber, wie sie mit Trennungsschmerz umgehen.

Die Produktion des Films war relativ unauffällig, aber er profitierte von der starken Präsenz von Burak Deniz, einem der bekanntesten Schauspieler der Türkei. Seine Fähigkeit, komplexe Emotionen ohne Theatralik zu vermitteln, hält den Film am Laufen, auch wenn das Drehbuch ihn im Stich lässt. Die anderen Darsteller, darunter Dilan Çiçek Deniz als Defne und Ceyda Düvenci als Ceyda, tragen ebenfalls zur Authentizität des Films bei.

Der Alltagsrealismus, den Açıktan konsequent durchhält, hebt Kal von glätteren romantischen Dramen ab. Dennoch bleibt die passive Struktur ein echter Hemmschuh: Der Film wirkt über weite Strecken langatmig und vorhersehbar. Die Kameraarbeit ist schlicht, aber effektiv; der Soundtrack fügt sich dem ruhigen Tempo an, ohne aufdringlich zu werden.

Kal – Verlass mich nicht erzählt von einem Mann, der lieber fragt, warum sie gegangen ist, als sich zu fragen, warum er sie nicht gehalten hat. Das ist ein ehrliches, selten offen gestelltes Thema – aber ein Film, der es wirklich ernst nähme, hätte mehr Mut zur Unbequemlichkeit gebraucht.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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