Filmkritiken

Taktiken der Liebe: Sympathische Netflix-Romanze, deren Drehbuch den Figuren zu wenig vertraut

Emre Kabakuşaks türkische Romcom von 2022 lebt vom Charme ihres Hauptpaars.
Martha O'Hara
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Kerem nimmt Aslı mit in den Heißluftballon und weiß nicht, dass sie Höhenangst hat. Sie gerät in Panik, er beruhigt sie, am Ende genießen beide die Aussicht. Diese Szene soll den Film emotional kippen lassen, und sie funktioniert nur halb: Der Stratege, der sonst alles berechnet, muss plötzlich improvisieren, doch Emre Kabakuşak zeigt uns bloß, was das Drehbuch vorher schon angekündigt hat. Taktiken der Liebe erklärt, wohin er will, bevor er dort ankommt.

Der Film, 2022 auf Netflix erschienen, stammt von Kabakuşak nach einem Drehbuch von Pelin Karamehmetoğlu. Aslı (Demet Özdemir) ist 28, leitende Designerin einer Modemarke und betreibt einen Blog namens Love Tactics, auf dem sie Beziehungsratschläge verteilt. Kerem (Şükrü Özyıldız) ist 30 und arbeitet in der Werbung. Beide glauben nicht recht an die Liebe, und beide haben einen Anlass, sich auf ein Spiel einzulassen: Eine Followerin fordert Aslı heraus, ihre eigenen Tipps anzuwenden, und Kerem bekommt ein Projekt, das sein Kollege Tuna übernommen hatte, nur zurück, wenn er jemanden dazu bringt, sich in ihn zu verlieben. Auf einer Party mit Freunden wählen sie sich gegenseitig als Zielperson, ohne es zu wissen.

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Die erste Hälfte ist die gelungenere. Die vorgetäuschten Zufallsbegegnungen laufen ins Leere, weil beide auf derselben Firmenfeier landen, jeder für sich früh verschwindet, sie sich ein Taxi teilen und in einem schicken Restaurant zu Abend essen. Die Strickjacke, die Aslı im Taxi vergisst und die Kerem als Vorwand behält, und die folgenden Tage, in denen jeder darauf wartet, dass der andere anruft, haben komische Spannung. Sobald die Handlung nach Kappadokien wechselt, verliert der Film an Tempo. Servet (Özgür Ozan), der neue Partner von Aslıs Firma, interessiert sich für sie, was Kerem stört. Aslı setzt Servet ein, um Kerem eifersüchtig zu machen, Kerem tut dasselbe mit einer anderen Tischnachbarin. Beim Abendessen trinkt Servet, mit tatkräftiger Hilfe der beiden, so viel, dass er umkippt. Özgür Ozan gibt dem aufdringlichen Verehrer Energie, aber die Szene dehnt einen einzigen Gag weit über seine Tragfähigkeit hinaus.

Am besten sind die ruhigeren Momente. Kerem führt Aslı an einen Ort in Kappadokien, den er früher oft besuchte, und erzählt ihr, dass sein Vater starb, als er ein Kind war. In einem Töpferkeller schenkt er ihr eine kleine Vase und hilft ihr, ihr eigenes Stück zu formen. Später kocht er bei sich zu Hause für sie und zeigt im Garten einen Film per Projektor; als sich die Figuren darin im Regen küssen, schaltet er die Sprinkleranlage ein. Dann kommt das Klavier: Kerem und seine Mutter spielten zusammen darauf, doch seit sie gegangen ist, kann er es weder wegwerfen, weil er sie sonst loszulassen fürchtet, noch jemanden daran lassen, weil er sonst ihr zu verzeihen fürchtet. Das ist der interessanteste Stoff des Drehbuchs, und der Film handelt ihn ab, ohne bei ihm zu verweilen, bevor er zu seiner Mechanik zurückkehrt.

Demet Özdemir und Şükrü Özyıldız haben Präsenz, und ihre Verführungsduelle geben dem Film seinen Antrieb. Ihre Figuren bleiben aber Umrisse: Die Bloggerin mit den Herzensratschlägen und der Werber, der seine Züge plant, werden zärtlich, ohne dass die Erzählung das vorbereitet hätte. Um sie herum haben Atakan Çelik (Tuna), Doğukan Polat (Emir), Hande Yılmaz (Ezgi) und Deniz Baydar (Cansu) wenig zu spielen. Tuna immerhin hat eine Funktion, denn er stellt die Bedingung der Wette. Wenn Aslı sagt, sie wolle den Blog nicht weiterführen, und Tuna in Kerem einen Verliebten sieht, hat das Publikum es seit dem Ballon längst erraten. Kabakuşaks Regie ist funktional und kommt über die Optik eines sorgfältigen Fernsehfilms nicht hinaus.

Bei Erscheinen fiel die Kritik gemischt aus. Eine US-Seite fand, der Film ziehe sich trotz 98 Minuten, eine andere nannte ihn eine vorhersehbare, aber sympathische Romantikkomödie. Beide haben recht. Am Anfang lächelt man, später schaut man auf die Uhr. Wer an einem Wochenabend eine leichte Liebeskomödie sucht, wird bedient, solange er keine Überraschungen erwartet. Die Szenen mit der Vase und dem Klavier hätten einen Film verdient, der ihnen mehr Raum gibt.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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