Musik

Spotify-Ranking: Taylor Swift und Bad Bunny prägen zwei Jahrzehnte

Alice Lange

Der schwedische Streamingdienst veröffentlicht erstmals seine historische Hitliste. Das Dokument zeigt kein eindeutiges Siegerbild, sondern ein Duopol — eine US-amerikanische Pop-Ikone und ein puerto-ricanischer Superstar, die zwei parallele Welten dominieren, ohne jemals miteinander zu verschmelzen.

Spotify hat erstmals die in seiner Plattformgeschichte meistgehörten Künstler, Alben und Songs veröffentlicht. Taylor Swift steht auf Platz eins, gefolgt von Bad Bunny, Drake, The Weeknd, Ariana Grande und Kendrick Lamar. Es handelt sich nicht um eine weitere Jahresbilanz, sondern um den Befund zweier gesamter Jahrzehnte — jener Epoche, in der die Musikindustrie weltweit vom Besitz auf das Abonnement umgestellt hat. Das Ranking dokumentiert ein Duopol: eine englischsprachige Pop-Dominanz und einen spanischsprachigen Reggaeton-Erfolg, die parallel existieren, ohne sich gegenseitig verdrängt zu haben.

Der meistgehörte Song der Plattformgeschichte ist „Blinding Lights“ von The Weeknd, vor „Shape of You“ von Ed Sheeran und „As It Was“ von Harry Styles. Das meistgehörte Album ist „Un Verano Sin Ti“ von Bad Bunny — die erste nicht-englischsprachige Veröffentlichung an der Spitze eines historischen Streaming-Rankings einer großen Plattform. Sein weiteres Album „YHLQMDLG“ findet sich unter den ersten fünfzehn. Taylor Swift platziert mit „Lover“ und „Midnights“ zwei Alben unter den Top 20, ein Katalog-Erfolg, den kein zeitgenössischer englischsprachiger Künstler erreicht.

Die eigentliche Geschichte liegt im Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Taylor Swift und Bad Bunny. Swift hat die jährliche Spotify-Hörerrangliste in mehreren der jüngsten Zyklen angeführt; Bad Bunny gelang dies in vier der vergangenen sechs Jahre, zuletzt mit der Ablösung der US-Sängerin nach einer zweijährigen Serie an der Spitze. Beide verkörpern die zwei stabilsten Geschäftsrealitäten des Dienstes: einen anglo-amerikanischen Pop, konzipiert für Playlist-Omnipräsenz, und einen global mobilen Reggaeton, der den Weltmarkt ohne den Umweg über das Englische erobert hat. Keiner hat den anderen verdrängt. Beide sind schlicht unumgänglich geworden — in zwei kulturellen Kreisläufen, die nebeneinander laufen.

Die Position von The Weeknd ist strukturell bemerkenswert. „Blinding Lights“ ist nun der meistgestreamte Song der Spotify-Geschichte; dazu platziert der kanadische Sänger zwei Alben unter den ersten fünf, „After Hours“ und „Starboy“. Kein anderer männlicher Solokünstler weist eine solche Katalogtiefe auf. Das verweist weniger auf eine Jahr-für-Jahr-Dominanz als auf eine über eine gesamte Streaming-Dekade akkumulierte Katalogschwerkraft, die die Plattform nun erstmals öffentlich sichtbar macht.

Die Zahlen rund um das Ranking erklären dessen Gewicht. Spotify verzeichnet nach eigenen Angaben rund 751 Millionen Nutzer und 290 Millionen zahlende Abonnenten weltweit, und das Streaming-Geschäft macht in den Vereinigten Staaten laut RIAA inzwischen etwa 82 Prozent der Einnahmen der Musikindustrie aus. Wenn Spotify ein historisches Ranking veröffentlicht, liefert der Dienst faktisch den ersten Entwurf des offiziellen Musikgedächtnisses der Streaming-Ära. Diese Monopolstellung begründet eine editoriale Verantwortung, die die Liste selbst nicht thematisiert.

Was das Ranking verschweigt

Das Ranking ist allerdings mit mehreren Einschränkungen zu lesen, die die Plattform selbst nicht benennt. Spotify hat einen erheblichen Teil der vergangenen zwei Jahre mit Verfahren gegen Streaming-Betrug verbracht: Ein US-amerikanischer Musiker hat sich kürzlich schuldig bekannt, mit tausenden Bots KI-generierte Tracks abgespielt und damit über zehn Millionen Dollar an Tantiemen unrechtmäßig vereinnahmt zu haben; die Analysefirma Beatdapp schätzt den weltweiten Schaden durch Streaming-Betrug auf rund zwei Milliarden Dollar pro Jahr. Ein auf kumulierten Abspielungen basierendes Ranking bevorzugt zudem umfangreiche Kataloge und Plattform-Langlebigkeit, was teilweise erklärt, warum Künstler mit ausgedehnter Diskografie neuere Durchbrüche überholen. Und der Befund ist ein Selbstporträt: Er spiegelt jene Märkte wider, in denen Spotify dominiert — Vereinigte Staaten, Lateinamerika, weite Teile Europas — und ignoriert jene, in denen die Plattform fehlt oder nur marginal präsent ist. Aus Festlandchina kommen keine Daten; in Japan und Südkorea bleibt der Marktanteil gegenüber den heimischen Plattformen klein.

Die vollständige Liste ist global über den Spotify-Newsroom und in der App selbst zugänglich, mit regionalen Teilauswertungen für einzelne Territorien. Hörer in Märkten, in denen Spotify nicht wettbewerbsfähig operiert, sehen ausschließlich die globale Fassung, ohne lokale Entsprechung ihrer eigenen Hörgewohnheiten.

Das Ranking wurde am 23. April veröffentlicht, dem 20. Jahrestag der Spotify-Gründung in Stockholm im Jahr 2006; das Schuldbekenntnis des Musikers Michael Smith im Streaming-Betrugsfall erfolgte im März dieses Jahres. Die nächste große Datenveröffentlichung folgt Ende des Jahres mit der jährlichen Wrapped-Kampagne, die den meistgehörten Künstler des Jahres 2026 bekannt geben wird. Bad Bunny setzt im Mai die nächste Etappe seiner Welttournee fort, während Taylor Swift ihren Neuauflagen-Zyklus im zweiten Halbjahr fortführt — ein Zeitraum, der die soeben eingefrorenen Positionen vermutlich neu ordnen wird. Was dieses Ranking über die Zahlen hinaus sichtbar macht, ist weniger eine Weltmusik-Synthese als das dauerhafte Nebeneinander zweier paralleler Imperien, die das Streaming-Zeitalter hervorgebracht hat.

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