Fernsehen

AlRawabi School for Girls: Rache legt systematisches Mobbing an Eliteschulen offen

Alice Lange
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Die erste Einstellung von AlRawabi School for Girls verweilt auf Mariams Gesicht. Sie sitzt allein im Schulbus, ihr Ausdruck verrät eine Mischung aus Angst und Resignation. Dieses eine Bild gibt den Ton für Tima Shomalis jordanisches Jugenddrama vor, das sich schonungslos mit der brutalen Realität von Mobbing an Elite-Bildungseinrichtungen auseinandersetzt. Die für Netflix produzierte Serie ist weit mehr als eine weitere Highschool-Geschichte: Sie ist eine eindringliche Anklage gegen systemische Missstände, die Übergriffe begünstigen und zum Schweigen bringen.

AlRawabi School for Girls erzählt von Mariam (Andria Tayeh), einer Außenseiterin an der renommierten AlRawabi School for Girls, die sich mit ihren Freundinnen Layan (Noor Taher), Noaf (Rakeen Saad), Dina (Yara Mustafa) und Rania (Joanna Arida) zusammentut, um sich an ihren Peinigerinnen zu rächen. Die Stärke der Serie liegt in ihrer ungeschönten Darstellung des gesellschaftlichen Drucks, der Mobbing ermöglicht – von patriarchalen Strukturen bis hin zu einem korrupten Schulsystem. Shomalis Regie ist bemerkenswert pointiert, besonders in der ersten Staffel. Der Aufbau der Geschichte, die zwischen zwei Gruppen von Highschool-Freundinnen wechselt, macht unterschiedliche, oft übersehene Facetten des Schullebens sichtbar.

Zu den herausragenden Momenten der Serie zählt Mariams Entschluss, ein anonymes Konto einzurichten und ihre Mobberin Ruqayya (Salsabiela A.) so in falscher Sicherheit zu wiegen. Dieser Handlungsstrang verleiht Mariams Figur zusätzliche Facetten und zeigt zugleich, welchem psychologischen Kleinkrieg Mobbingopfer oft ausgesetzt sind. Besonders bemerkenswert ist Andria Tayehs Darstellung der Mariam. Ihr Spiel bringt die Verletzlichkeit und Stärke einer Figur zum Ausdruck, die zugleich Opfer und Rächerin ist. Tayeh gelingt es, Mariams innere Zerrissenheit – ihre Angst, ihre Wut und ihr verzweifeltes Bedürfnis nach Gerechtigkeit – spürbar zu machen. Damit zählt sie zu den überzeugendsten Hauptfiguren jüngerer Jugenddramen.

Auch Noor Taher als Layan und Rakeen Saad als Noaf überzeugen mit herausragenden Leistungen. Taher verleiht Layan eine stille Intensität; ihre Loyalität gegenüber Mariam ist gleichermaßen berührend und tragisch. Saads Darstellung von Noaf, dem moralischen Kompass der Gruppe, gibt der Geschichte zusätzliche Tiefe und beleuchtet die Komplexität von Freundschaft und Verrat. Yara Mustafa als Dina und Joanna Arida als Rania ergänzen die Hauptbesetzung mit nuancierten Darstellungen, die die Vielschichtigkeit weiblicher Freundschaften unter Druck erkunden.

Die Serie überzeugt auch darin, Themen wie psychische Gesundheit, sexuelle Gewalt und die Tradition sogenannter Ehrenmorde auszuloten. Dabei handelt es sich nicht bloß um Handlungselemente, sondern um tief in die Erzählung eingebundene Aspekte, die ihr zusätzliches Gewicht verleihen. Dass die Serie schwierige Themen direkt angeht, hebt sie von anderen Jugenddramen ab, die solche schwerwiegenden Stoffe oft meiden.

In der Umsetzung gerät die zweite Staffel allerdings etwas ins Stolpern. Zwar führt sie neue Figuren wie Sarah (Tara Abboud) und Tasneem (Sarah Yousef) ein, doch der Übergang wirkt im Vergleich zur eng verwobenen Erzählung der ersten Staffel etwas abrupt. Die Hinwendung zu Cybermobbing und den Gefahren sozialer Medien ist zwar relevant, weitet den Fokus aber stellenweise zu stark und nimmt der Serie damit etwas von ihrer früheren Schärfe.

Auch die gleichbleibende Qualität der einzelnen Folgen aufrechtzuerhalten, stellt die Serie vor Herausforderungen. Am Ende jeder Episode erhalten die Zuschauerinnen und Zuschauer Hinweise auf Anlaufstellen und Hilfsangebote – ein lobenswerter Schritt. Die Einbindung wirkt jedoch bisweilen angefügt, statt sich organisch aus dem Erzählfluss zu ergeben. Der thematische Reichtum der Serie steht außer Frage, geht gelegentlich aber zulasten des erzählerischen Zusammenhalts.

Trotz dieser Schwächen bleibt AlRawabi School for Girls eine eindringliche Auseinandersetzung mit Mobbing und seinen gesellschaftlichen Wurzeln. Dass die Serie schwierige Themen direkt angeht, hebt sie von anderen Jugenddramen ab. Besonders für Zuschauerinnen und Zuschauer, die Mobbing selbst erlebt oder beobachtet haben, ist sie relevant: Sie hält ihnen ihre eigenen Erfahrungen vor Augen und vermittelt ihnen das Gefühl, mit ihren Erlebnissen ernst genommen zu werden.

Auch im Genrevergleich nimmt AlRawabi School for Girls als einzigartige Mischung aus Drama und Gesellschaftskritik eine besondere Stellung ein. Die Serie erzählt nicht nur von Rache, sondern auch von den systemischen Missständen, durch die solches Verhalten fortbestehen kann. Wer Geschichten schätzt, die gesellschaftliche Probleme eingehend beleuchten und kritisch hinterfragen, dürfte sich von der Serie angesprochen fühlen.

Im Vergleich zu anderen Jugenddramen wie „13 Reasons Why“ und „Elite“ behauptet sich AlRawabi School for Girls mühelos. Auch diese Serien greifen schwerwiegende Themen auf, setzen aber oft eher auf Schockwirkung als auf eine gründliche Auseinandersetzung. AlRawabi hingegen hält seine düsteren Themen mit Momenten der Leichtigkeit und einer sorgfältigen Figurenentwicklung im Gleichgewicht. Das macht die Serie zu einem vielseitigeren Seherlebnis.

Unterm Strich ist AlRawabi School for Girls eine Serie, die Aufmerksamkeit verdient. Ihre schonungslose Darstellung von Mobbing und gesellschaftlichem Druck macht sie zu einem Muss für alle, die sich für Gesellschaftskritik und Jugenddramen interessieren.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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