Dokumentarfilme

Life on Our Planet: Atemberaubende Bilder retten die holprige Umsetzung nicht

Alice Lange
Fügen Sie uns bei Google hinzu

Die Eröffnungsszene von Life on Our Planet zeigt eine Weile eine riesige, unberührte Landschaft. Die Kamera durchquert Äonen in einer einzigen, ungeschnittenen Einstellung. Eine ambitionierte Geste, die den Rahmen für den weiten Streifzug dieser Netflix-Dokuserie durch die Evolutionsgeschichte der Erde setzt. Doch so eindrucksvoll die ersten Bilder auch sind, lassen sie zugleich den zentralen Konflikt der Serie erahnen: die Kluft zwischen ihrem atemberaubenden Anspruch und der oft holprigen Umsetzung.

Life on Our Planet wurde von einem Team entwickelt, zu dem Patrick Makin, Barny Revill, Adam Chapman, Sophie Lanfear, Gisle Sverdrup und Nick Shoolingin-Jordan gehören. Die Serie ist eine Zusammenarbeit von Amblin Television und Silverback Films; als ausführender Produzent ist Steven Spielberg beteiligt. Sie will die Entwicklung komplexen Lebens auf der Erde über Milliarden von Jahren nachzeichnen und verbindet dafür CGI-Rekonstruktionen prähistorischer Lebewesen mit Realaufnahmen heutiger Tiere. Morgan Freeman führt mit seiner vertrauten Stimme durch diese epische Erzählung – doch genau hier zeigen sich die ersten Risse im Fundament.

YouTube Video

Die Bilder sind zweifellos die größte Stärke der Serie. Die fotorealistische CGI, die an Walking with… und Prehistoric Planet erinnert, ist häufig kaum von Realaufnahmen zu unterscheiden, wie Jack Seale von The Guardian anmerkt. Szenen aus den prähistorischen Wäldern des Karbons oder den eisigen Weiten des Pleistozäns sind mit großer Detailtreue gestaltet und eröffnen dem Publikum einen Blick in längst vergangene Welten. Auch der Soundtrack ergänzt die Bilder auf wunderbare Weise: Er schwillt an und klingt wieder ab, im Rhythmus des Auf und Ab der Evolutionsgeschichte.

Trotz aller Ambitionen kommt Life on Our Planet beim Erzählen ins Stolpern. Der Aufbau mit acht Folgen, die jeweils eine bestimmte geologische Periode in den Mittelpunkt stellen, ist schlüssig, doch die Umsetzung wirkt unausgewogen. Einige Episoden überzeugen besonders dann, wenn sie prähistorische und heutige Tiergruppen miteinander verknüpfen und so eine fesselnde Geschichte von Anpassung und Überleben erzählen. Andere scheitern hingegen an ihrer eigenen Größe und verlassen sich zu sehr darauf, dass Freemans Erzählstimme die Geschichte trägt.

Das Drehbuch wird zum Schwachpunkt, wenn es die Natur vermenschlichen will. Seales Kritik, die Erzählung behandle „Milliarden von Tieren … als wären sie eine Armee oder ein Sportteam, das gemeinsam Erfolge feiert“, trifft ins Schwarze. Der übersteigerte Ton untergräbt immer wieder den wissenschaftlichen Anspruch und reduziert komplexe Evolutionsprozesse auf simple Metaphern. Selbst Freeman, dessen Stimme zu den bekanntesten Hollywoods zählt, scheint mit dem Stoff nicht recht warm zu werden; sein Vortrag schlägt gelegentlich ins Melodramatische um.

Auch die Originalität der Serie gibt Anlass zur Diskussion. Die visuellen Effekte und die Kameraarbeit sind zweifellos beeindruckend, doch der erzählerische Rahmen wirkt vertraut und erinnert an frühere Naturdokumentationen wie Our Planet und Planet Earth. Der Versuch, prähistorische Rekonstruktionen mit heutigen Tiergruppen zu verbinden, ist innovativ, doch die Umsetzung wirkt oft zusammenhanglos – als könne sich die Serie nicht entscheiden, ob sie Geschichtsunterricht oder Naturfilm sein möchte.

Dennoch hat Life on Our Planet seine starken Momente. Besonders fesselnd sind die Folgen, die bestimmte Anpassungen in den Blick nehmen – etwa die Entwicklung des Fliegens oder die Besiedlung des Festlands. Sie vermitteln einen Eindruck von der erstaunlichen Vielfalt des Lebens auf der Erde. Zugleich kommt diesen Abschnitten der hybride Ansatz der Serie zugute: CGI und Realaufnahmen gehen nahtlos ineinander über und ergeben eine geschlossene Erzählung.

Auch bei der Regie ergibt sich ein gemischtes Bild. Die Macher haben klar vor Augen, welche Größe sie vermitteln wollen, doch das Erzähltempo wirkt häufig unausgewogen. Manche Folgen hetzen in wenigen Minuten durch Millionen von Jahren, während andere bei einer einzelnen Art oder Anpassung verweilen. Das sorgt für ein uneinheitliches Seherlebnis. Auch der Wechsel zwischen prähistorischen Rekonstruktionen und heutigen Tiergruppen gelingt nicht immer gleich gut: Mal wirkt er nahtlos, mal abrupt.

Die schauspielerischen Leistungen – sofern man davon sprechen kann – beschränken sich auf Freemans Erzählstimme. Sie ist ein wirkungsvolles Instrument, das sowohl Ehrfurcht als auch Tragik der Evolutionsgeschichte vermitteln kann. Doch das Drehbuch arbeitet ihm oft entgegen: Es zwingt ihn zu unbeholfenen Metaphern und übersteigerter Sprache, die eher zu einem Blockbuster als zu einer Naturdokumentation passen.

Die Themen der Serie sind zweifellos wichtig. Sie will zeigen, wie alles Leben auf der Erde miteinander verbunden ist, wie widerstandsfähig Arten angesichts von Widrigkeiten sein können und wie empfindlich das Gleichgewicht der Ökosysteme ist. Doch im Spektakel geraten diese Themen mitunter aus dem Blick und werden angesichts der atemberaubenden Bilder und des weit ausholenden Soundtracks zu bloßem Hintergrundrauschen.

Life on Our Planet dürfte Naturbegeisterte ebenso ansprechen wie ein Publikum, das einfach gelegentlich einschaltet. Wer sich besonders für Paläontologie oder Evolutionsbiologie interessiert, wird die detailreichen Rekonstruktionen und die Verbindung prähistorischer mit heutigen Tiergruppen zu schätzen wissen. Das unausgewogene Tempo und das mitunter unbeholfene Drehbuch könnten jedoch all jene frustrieren, die sich eine geschlossenere Erzählung wünschen.

Letztlich besteht Life on Our Planet aus beeindruckenden Einzelteilen, die sich nicht ganz zu einem stimmigen Ganzen fügen. Die Bilder sind atemberaubend, der Anspruch ist lobenswert – doch Erzählweise und Drehbuch lassen die Serie in entscheidenden Momenten im Stich.

Schlagwörter: , ,

Fügen Sie uns bei Google hinzu

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.