Fernsehen

Virgin River: Herzerwärmende Flucht mit Schwächen in der Umsetzung

Veronica Loop
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Die Kamera folgt einem Auto, das sich durch gewaltige Mammutbäume schlängelt. Das dichte Blätterdach des Waldes filtert das Sonnenlicht und lässt vor dem Wagen ein gesprenkeltes Muster auf der Straße entstehen. Diese Eröffnungsaufnahme von Virgin River ist mehr als ein hübscher visueller Akzent – sie ist ein Versprechen. Das Versprechen von Abgeschiedenheit, von einer Welt, die vom Chaos des modernen Lebens unberührt geblieben ist. Sue Tenneys Netflix-Serie, die auf Robyn Carrs Buchreihe basiert, löst dieses Versprechen in vielerlei Hinsicht ein, leistet sich dabei aber auch einige Fehltritte.

Im Kern ist Virgin River ein romantisches Drama über zweite Chancen. Die Krankenschwester mit erweiterten Befugnissen Melinda „Mel“ Monroe (Alexandra Breckenridge) kommt in die abgelegene kalifornische Kleinstadt Virgin River, nachdem sie eine Stellenanzeige für eine Hebamme gesehen hat. Vor Kurzem verwitwet und vom Verlust ihres Mannes gezeichnet, hofft sie, in dem kleinen Ort den dringend benötigten Neuanfang zu finden. Stattdessen erwartet sie eine Gemeinschaft, die ebenso herzlich wie verschlossen ist, und eine aufkeimende Romanze mit dem örtlichen Barkeeper Jack Sheridan (Martin Henderson), einem ehemaligen Marine, der mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen hat.

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Die größte Stärke der Serie ist ihre Atmosphäre. Gedreht wurde größtenteils in der kanadischen Provinz British Columbia; die Ausstattung fängt die raue Schönheit der Mammutbaumwälder und den beschaulichen Charme des Kleinstadtlebens ein. Die Kamera taucht die Landschaft in sanftes, goldenes Licht und schafft so eine Ruhe, der man sich nur schwer entziehen kann. Auch der von Lindsay Wolfington komponierte Soundtrack verstärkt diese Stimmung: Seine sanften Akustikmelodien fühlen sich an wie eine herzliche Umarmung.

Breckenridge trägt die Serie mit einer Darbietung, die ihr Halt gibt. Ihre Mel ist von stiller Stärke und Verletzlichkeit geprägt. Die Last ihrer Vergangenheit vermittelt sie mit einer Zurückhaltung, die ihre Figur nahbar macht, während sie sich zugleich durch die komplizierten Verhältnisse des Kleinstadtlebens bewegt. Auch Henderson überzeugt als Jack. Zwischen den beiden knistert es unterschwellig, und ihre Chemie wirkt verdient statt erzwungen. Die Nebenbesetzung, insbesondere Tim Matheson als Doc Mullins und Annette O’Toole als Hope McCrea, verleiht der eingeschworenen Gemeinschaft von Virgin River zusätzliche Tiefe und Kontur.

Beim Erzählen gerät Virgin River allerdings immer wieder ins Straucheln. Die Handlung mäandert, und manche Folge wirkt eher wie eine lose Episode als wie ein Teil eines stimmigen Ganzen. Das langsame Erzähltempo mag Zuschauerinnen und Zuschauer ansprechen, die eine Pause von temporeicheren Dramen suchen, kann aber auch den Eindruck von Stillstand erzeugen. Die Serie stützt sich stark auf vertraute Klischees und Handlungsmuster – von der Geschichte über eine Fremde, die sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden muss, bis hin zum klassischen Kleinstadtdrama. Diese Vorhersehbarkeit lässt die Serie mitunter formelhaft erscheinen; manche Entwicklungen sind leicht vorauszuahnen.

Auch mit ernsteren Themen geht Virgin River gelegentlich wenig überzeugend um. Die Serie greift Fragen wie posttraumatische Belastungsstörungen, Trauer und häusliche Gewalt auf, wischt sie aber oft zugunsten leichterer, romantischerer Erzählstränge beiseite. Jacks posttraumatische Belastungsstörung wird etwa zwar erwähnt, aber selten ausführlicher behandelt. So wird ein komplexes psychisches Leiden zum bloßen Handlungsmittel. Auch Mels Trauer um ihren verstorbenen Mann ist ein zentraler Teil ihrer Figur, doch der Serie gelingt es nur schwer, die emotionalen Nuancen eines derart tiefgreifenden Verlusts auszuloten.

Auch der Ton der Serie wirkt mitunter uneinheitlich. Im einen Moment erzählt sie eine herzerwärmende Geschichte über Liebe und Gemeinschaft, im nächsten widmet sie sich düsteren Themen wie Sucht und Missbrauch. Dieser abrupte Tonwechsel kann Virgin River stellenweise widersprüchlich wirken lassen – als wüsste die Serie selbst nicht, ob sie eine unbeschwerte Romanze oder ein Drama mit größerer emotionaler Fallhöhe sein will.

Trotz dieser Schwächen hat sich Virgin River eine eigene Nische geschaffen. Die Serie versteht ihr Publikum: Menschen, die beim Fernsehen Trost und Vertrautes suchen. Ihre behagliche Atmosphäre und die Figuren, mit denen man sich leicht identifizieren kann, machen sie zu einem festen Bestandteil für Fans romantischer Dramen. Zugleich verlangt die Serie ihrem Publikum nicht besonders viel ab – das kann gleichermaßen ihre Stärke wie ihre Schwäche sein.

Verglichen mit Prestige-Dramen wie Succession oder The Crown fehlen Virgin River die ausgefeilte Inszenierung und die Spannung auf höchstem Einsatz, die diese Serien auszeichnen. Stattdessen bietet sie ein langsameres, bedächtigeres Erzähltempo, das besser zu einem Publikum passt, das dem Stress des Alltags für eine Weile sanft entfliehen möchte. Die Serie wird weder die eigene Wahrnehmung herausfordern noch Grenzen verschieben – das hat sie allerdings auch gar nicht vor.

Letztlich bietet Virgin River Geborgenheit und Vertrautes, ist aber nicht frei von Schwächen. Zu ihren Stärken zählen die atmosphärische Ausstattung, die überzeugenden Hauptdarsteller und der einladende Soundtrack. Die mäandernde Handlung und der Rückgriff auf vertraute Klischees lassen die Serie jedoch mitunter formelhaft wirken. Wer eine behagliche Auszeit sucht, dürfte mit Virgin River genau richtigliegen.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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