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Cassandro: Bernals ungefilterte Wucht hebt das Wrestling-Biopic auf ein neues Niveau

Molly Se-kyung
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Die erste Einstellung von Cassandro verharrt auf Gael García Bernals durchdringendem Blick. Sein Gesicht ist halb hinter der funkelnden Maske seines Alter Egos verborgen. Das Bild bringt den zentralen Konflikt des Films auf den Punkt: das Spannungsverhältnis zwischen Identität und Inszenierung, zwischen der unverstellten Verletzlichkeit von Saúl Armendáriz und dem flamboyanten Spektakel Cassandros.

Roger Ross Williams’ Biopic erzählt die wahre Geschichte von Saúl (Bernal), einem schwulen Amateur-Wrestler aus El Paso, der international berühmt wird, nachdem er Cassandro erschaffen hat – den „Liberace des Lucha Libre“. Der Film zeichnet nicht nur seinen Aufstieg nach, sondern beleuchtet auch, welchen Preis Authentizität in einer Welt hat, die Anpassung verlangt. Bernals Darstellung ist das Rückgrat von Cassandro und eine Meisterleistung an Zurückhaltung und Intensität. Er fängt Saúls stille Verzweiflung ein und zeigt, wie sich dessen Körpersprache von Selbsthass zu Trotz wandelt, während er seine Identität annimmt. Die Szene, in der Saúl zum ersten Mal in die Rolle Cassandros schlüpft – mit Glitzer, Pailletten und allem, was dazugehört –, ist elektrisierend. Das liegt nicht nur an der optischen Verwandlung: Bernal vermittelt auch die Angst und Befreiung, die damit einhergehen, in eine neue Haut zu schlüpfen.

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Die Stärke des Films liegt in seiner Genauigkeit. Die Wrestling-Szenen wirken unmittelbar und körperlich, die Choreografie ist präzise genug, um die Härte des Sports glaubhaft zu vermitteln, ohne den erzählerischen Fluss auszubremsen. Marcelo Zarvos’ Musik verleiht entscheidenden Momenten pulsierende Energie, besonders in „First Fight“ und „Victory“, wenn sie anschwillt und Cassandros Erfolge musikalisch spiegelt. Auch die Nebendarsteller bringen Tiefe in Saúls Beziehungen, allen voran Roberta Colindrez als Sabrina und Raúl Castillo als Gerardo. Bad Bunnys kurzer Auftritt als Felipe hingegen wirkt wie eine verpasste Gelegenheit: Seine Figur bleibt unterentwickelt und dient eher als Handlungselement denn als eigenständige Präsenz.

Ins Straucheln gerät Cassandro beim Erzähltempo. Der Film hastet durch wichtige Momente in Saúls Leben, insbesondere durch seinen Kampf mit der Sucht und die seelischen Folgen seines Suizidversuchs. Diese Schlüsselszenen hätten mehr Feingefühl gebraucht; stattdessen werden sie nur gestreift, sodass das Publikum ihre Bedeutung selbst erschließen muss. Das Ende ist zwar befriedigend, wirkt aber abrupt. In einer Montage vergeht ein Jahr, und plötzlich ist Saúl erfolgreich und hat seine Dämonen überwunden. Das ist ein sauberer Schluss, doch die chaotische Wirklichkeit der Genesung wird damit nicht wirklich ausgelotet.

Kulturell überzeugt Cassandro auf ganzer Linie. Der Film ist eine Liebeserklärung an die mexikanische und Chicano-Kultur und richtet den Blick besonders auf das Spannungsfeld zwischen Homophobie und Akzeptanz in der Wrestling-Welt. Er blendet die Anfeindungen, denen Saúl ausgesetzt ist, nicht aus, feiert aber zugleich die Freude und das Gemeinschaftsgefühl, die im Lucha Libre entstehen. Die Details – von den farbenprächtigen Kostümen bis zur aufgeladenen Atmosphäre in den Wrestling-Ringen – sind sorgfältig gestaltet.

Die Auseinandersetzung des Films mit queerer Identität ist zugleich einfühlsam und mutig. Saúls Weg vom Selbsthass zum Stolz wird sensibel erzählt, auch wenn der Film gelegentlich auf bekannte Muster queeren Leidens zurückgreift, ohne sie wirklich aufzubrechen. Echte Wrestler wie El Hijo del Santo sorgen für Authentizität, doch ihre Rollen bleiben eher oberflächlich. Sie dienen mehr als Kulisse denn als Figuren mit eigenem Handlungsspielraum.

Vergleiche mit anderen Biopics über queere Ikonen – etwa Rocketman oder Bohemian Rhapsody – liegen nahe. Doch Cassandro findet seinen eigenen Platz, indem der Film Saúls Geschichte fest im spezifischen kulturellen Umfeld des Lucha Libre verankert. Die Bildsprache ist zurückhaltend und setzt auf natürliches Spiel und intime Nahaufnahmen statt auf großes Spektakel. So bleibt die Geschichte in der Wirklichkeit geerdet und Saúls Kampf unmittelbar und körperlich spürbar.

Roger Ross Williams’ Regie ist solide, aber wenig bemerkenswert. Die Wrestling-Szenen setzt er souverän in Szene, bei den dramatischen Momenten wirkt sein Zugriff jedoch recht konventionell. Die emotionalen Höhen und Tiefen des Films sind wirkungsvoll gestaltet, doch ihnen fehlt der filmische Schwung, der Cassandro von einem guten zu einem herausragenden Biopic hätte machen können.

Die Themen Identität und Akzeptanz sind zeitlos und verleihen Cassandro eine breite Anziehungskraft. Besonders berühren dürfte der Film ein Publikum, das sich für Geschichten über queere Widerstandskraft und kulturelle Authentizität interessiert. Das Erzähltempo und die überhastete Auflösung könnten allerdings bei manchen den Wunsch nach mehr Tiefe hinterlassen.

Letztlich ist Cassandro ein packendes, wenn auch nicht makelloses Biopic. Bernals Darstellung und der kulturelle Reichtum des Films heben ihn hervor, während die überhasteten erzählerischen Entscheidungen ihn zurückhalten.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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