Filmkritiken

Die Vorteile des Betrogenwerdens: Neonlicht und nackte Haut ersetzen hier jede Handlung

Diego Freitas' brasilianischer Erotikthriller von 2023 verliert seine Heldin aus dem Blick.
Martha O'Hara
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„Die Vorteile des Betrogenwerdens“ beginnt mit einem Traum. Babi (Giovanna Lancellotti) rast in neongrünes Licht getaucht auf dem Motorrad durch São Paulo, ein Mann folgt ihr in eine Halle, die Decider halb als Treffpunkt aus „Fast & Furious“, halb als Dampffabrik aus einem Achtzigerjahre-Actionfilm beschreibt. Die beiden fallen übereinander her, dann wacht Babi am Esstisch auf. Das Weinglas ist halb voll, der Laptop aufgeklappt, überall liegen Blumen- und Gebäckproben für die Hochzeit. Kurz darauf kommt Caio (Micael Borges) nach Hause, zieht ihr die Kleider aus und drückt sie aufs Sofa. Es geht schnell vorbei. Mehr muss der Film über diese langjährige Beziehung nicht erzählen: Der Traum hat mehr Leidenschaft als der Alltag, und Babi weiß das, noch bevor sie vom Betrug erfährt. Es ist die klarste Szene des Films, weil sie ohne jede Erklärung auskommt.

Regisseur Diego Freitas will einen Erotikthriller drehen und kennt seine Vorbilder. Heaven of Horror nennt „Basic Instinct“, „Fifty Shades of Grey“ und die polnische Netflix-Produktion „365 Days“ als Maßstab: viel nackte Haut, viele heiße Szenen. Decider ist weniger nachsichtig. Der Film diene vor allem dazu, absurd überstilisierte Sexszenen mit Leuten zu inszenieren, die erkennbar mehr trainieren als jeder, den man kennt. Freitas habe einen Fetisch für dramatisches Licht, aber deutlich weniger Kontrolle über Tonfall und erzählerische Kohärenz. Beides stimmt. Das Licht fällt auf, die Körper sind durchtrainiert, die Szenen sauber ausgeleuchtet, und Spannung entsteht daraus nicht. Heaven of Horror lobt immerhin Produktionsqualität und Drehorte als wunderschön und hält dem Film zugute, dass er nie mehr sein will, als er ist. Diese Ehrlichkeit ist ihm anzurechnen. Aus einer dünnen Geschichte macht sie aber noch keinen Film mit eigener Haltung.

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Ausgelöst wird die Handlung durch den Betrug. Laut Ready Steady Cut erfährt Babi am Abend ihrer Junggesellinnenfeier, dass Caio sie seit zwei Jahren hintergeht und sogar plant, eine andere Frau zu heiraten. Gleichzeitig steht er wegen Geldwäsche vor Gericht. Babi färbt sich die Haare dunkel, steigt wieder auf ihr geliebtes Motorrad und schließt sich einem Bikerclub an, wie Heaven of Horror schildert. Das wirkt drastisch, passt aber zu einer Frau, die zum ersten Mal nur tut, was sie selbst will, und nicht, was ihr zukünftiger Ehemann von ihr erwartet. Dann tritt Marco (Leandro Lima) auf, der „heiße Richter“, wie Heaven of Horror ihn nennt, und zugleich der Mann, der über Caio urteilen könnte. Nach fünf Jahren mit ihrem Ex will Babi keine Beziehung mehr, also vereinbaren die beiden, dass es rein körperlich bleibt. Ready Steady Cut hält fest, dass zwischen Babi und dem Richter mehr Chemie herrscht als zwischen ihr und Caio. Das lässt sich kaum bestreiten. Schon die Traumsequenz hat es vorweggenommen.

Nach dem Auftakt rutscht der Film in die Affäre ab, und die Geschichte bleibt liegen. Ready Steady Cut sieht darin ein weiteres „Fifty Shades of Grey“: Montagen von Babi und Marco beim Sex, ohne dass daraus eine Erzählung entsteht. Ihre Beziehung wächst zwar, aber Marco bleibt ein geheimnisvoller Mann, der sie nicht in sein Leben lässt. Die Sexszenen kommen zu oft und sind aus männlicher Perspektive gefilmt. Dieselbe Kritik nennt die Nacktheit überflüssig und die Szenen nach Schema abgespult, und wenn sie vor allem Babis Lust dienen sollen, funktioniert das überhaupt nicht. Freitas‘ Regie sei unübersichtlich, weil er mit seinen Figuren nichts anzufangen wisse. Das ist hart formuliert, aber die Montagen geben dem Urteil recht: Wer eine Frau zeigt, die nach einem Verrat ihr Leben zurückerobert, und sie dann fast nur noch im Bett filmt, hat das Thema aus den Augen verloren.

Der Thriller kommt spät. Decider zufolge hat die Anhörung wegen einer kriminellen Organisation, die sich als Baufirma tarnt, bis zu den letzten zwanzig Minuten keinerlei dramatisches Gewicht. Die juristischen Details bleiben vage und unwichtig. Danach liefert der Film Kriminelle, Stalker und Freunde, die sich als Schurken entpuppen, wie Heaven of Horror aufzählt, und nichts davon überrascht. Wer sieht, dass alle Männer dunkel, groß und grüblerisch sind, weiß, dass dem sanften besten Freund mit Brille und Clark-Kent-Look nicht zu trauen ist. Decider beschreibt Thiago (Bruno Montaleone) als Typ in Polohemd und Schildpattbrille, der in einer Welt aus Neon, Motorrädern und Leder fehl am Platz wirkt, und Camilla de Lucas‘ Patty als „immer so geil wie hundert Ziegen“. Mehr Profil geben die Beschreibungen den beiden nicht, und im Film bleiben sie dementsprechend Typen: die Dauerlüsterne und der Brave.

Lancellotti spielt Babi, und der Film macht aus ihrem Aufbruch eine Folge von Entscheidungen ohne inneren Konflikt: neue Haarfarbe, Motorrad, Bikerclub, Richter. Was in ihr vorgeht, erfährt man kaum. Dabei wäre gerade das der Stoff für eine Hauptdarstellerin, denn die Frau, die nach fünf Jahren aus einer Beziehung aussteigt und dabei merkt, wie wenig sie sich selbst gehört hat, ist eine dankbare Figur. Lima bekommt als Marco die Rolle des Verschlossenen, und das Drehbuch lässt die Figur so undurchsichtig wie die Beziehung, die sie führt. Die beiden haben Chemie, aber sie haben wenig zu spielen.

Die Vorlage ist Sue Heckers Roman „O Lado Bom de Ser Traída“, Freitas hat zuvor „My Dead Ones“ gedreht. Ready Steady Cut nennt den Film einen „lustlosen Thriller mit vorhersehbarem Ende“, und das ist die treffendste Kurzformel. Am Ende bleiben ein paar Bilder: Babi auf dem Motorrad im grünen Licht, der Richter, die Sexszenen. Vom Betrug, der die Handlung in Gang setzt, ist da kaum noch die Rede. Ready Steady Cut sagt es so, dass der Film sich von der eigentlichen Geschichte entfernt, und genau das ist sein Fehler.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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