Filmkritiken

Mein Sohn, der Soldat: das Kriegsdrama, das dem französischen Kino seinen blinden Fleck vorhält

Liv Altman

Im deutschen Gedächtnis des Ersten Weltkriegs steht Frankreich auf der anderen Seite der Schützengräben. Doch Mein Sohn, der Soldat (Tirailleurs im französischen Original) interessiert sich nicht für die Trennlinie zwischen Feind und Verbündetem — der Film fragt, wer innerhalb der französischen Armee überhaupt als Mensch zählt. Die Antwort, die das Kino seit über hundert Jahren vermieden hat, wird hier endlich sichtbar gemacht.

Der Senegalese Bakary Diallo (Omar Sy) verpflichtet sich freiwillig beim französischen Heer — nicht aus Überzeugung, sondern weil sein 17-jähriger Sohn Thierno (Alassane Diong) zwangsrekrutiert wurde und jemand ihm zur Seite stehen muss. Regisseur Mathieu Vadepied, der hier sein erstes Spielfilm-Langformat vorlegt, entscheidet sich für eine intime, fast kammermusikalische Erzählweise: keine Schlachtfelder als Spektakel, kein heroisches Pathos, sondern zwei Männer, die versuchen, im Krieg füreinander sichtbar zu bleiben.

Omar Sy zeigt sich hier von einer Seite, die sein internationales Publikum wenig kennt. Bakary ist schweigsam und geduldig; seine Kraft liegt in der Körperhaltung, im Blick, in der Art, wie er Thiernos Bewegungen aus dem Augenwinkel beobachtet. Es ist eine handwerklich anspruchsvolle Leistung — ganze Szenen ohne Dialog, getragen allein durch Präsenz. Alassane Diong, in seiner ersten großen Rolle, geht dieses Wagnis mit: Thiernos Verwandlung vom ängstlichen Dorfkind zum Frontsoldaten schreibt sich ins Körpergedächtnis, nicht in den Text.

Kameramann Julien Roux setzt die senegalesische Eröffnungssequenz in warmes, erdiges Licht — eine Welt, die existiert, bevor der Film sie zerreißt. Die Schützengräben werden nicht zur Bildkomposition stilisiert; sie sind düster, funktional, erschöpfend. Der visuelle Kontrast formuliert das politische Argument des Films, bevor die Figuren es in Worte fassen: Diese Männer wurden aus einem Leben herausgerissen und in einen Krieg geworfen, der nicht ihres war.

Das Mittelstück des Films kann zäh wirken, wenn man das dramatische Crescendo des Kriegsgenres erwartet. Vadepied interessiert sich für Abnutzung, nicht für Eskalation. Das ist eine mutige Entscheidung, die nicht jeden Zuschauer belohnt — aber jene, die sich einlassen, erleben etwas, das das konventionelle Kriegsdrama selten zeigt: wie lange Wochen in den Schützengräben eine Beziehung langsam austreiben, ohne dass ein einzelner Moment dafür verantwortlich gemacht werden kann.

Mein Sohn, der Soldat ist das erste bedeutende französische Erzählkino, das einem der 600.000 afrikanischen Kolonialsoldaten des Ersten Weltkriegs einen Mittelpunkt gibt. Zusammen mit Rachid Boucharebs Indigènes (2006) bildet es ein unvollendetes Diptychon der Erinnerungsarbeit — Filme, die das tun, was das offizielle Gedächtnis Frankreichs bis heute vermeidet.

Regie

Mathieu Vadepied
Photo via The Movie Database (TMDB)

Mathieu Vadepied

Fotos: The Movie Database (TMDB)

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

Schlagwörter: , , , ,

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.