Filmkritiken

Hard Feelings hat eine clevere Idee und verheizt sie in derben Dauergags

Granz Henmans deutsche Teenie-Sexkomödie von 2023 über zwei Freunde und ihre vorlauten Geschlechtsteile.
Martha O'Hara
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Charly wacht auf, und sein Penis redet mit ihm. Mit dieser Szene löst Granz Henmans Hard Feelings seine Prämisse ein: Zwei Teenager, deren Geschlechtsteile plötzlich das Kommando übernehmen wollen. Tobias Schäfer und Cosima Henman spielen Charly und Paula, beste Freunde seit dem Kindergarten, die fürchten, dass Sex ihre Freundschaft ruinieren könnte. Ihre Körper sehen das anders. Sie drängen, quengeln und kommentieren, und weil der Film sie als Stimmen auf die Tonspur legt, hören auch wir jedes Wort. Decider, das den Film zum Netflix-Start besprochen hat, nennt das die „Kommentarspur der Verdammten“. Das ist gemein formuliert, trifft aber ziemlich genau, wie sich der Film über weite Strecken anfühlt.

Der Auftakt ist grell. Decider beschreibt die ersten Bilder als Fleischbeschau: Nahaufnahmen von Bauchmuskeln, Hintern und Dekolletés, dazu Schwimmunterricht, mittendrin Charly, dem die Scham ins Gesicht geschrieben steht. Seine Mitschüler skandieren im Chor „Charly no dick“. Der Spottruf stammt aus der Kindheit, als Mobber ihm die Badehose bis zu den Knöcheln zogen; seither gilt er als Paria. Inzwischen sitzt er in der Abschlussklasse, ein Außenseiter ganz unten in der Hackordnung, noch unberührt wie seine einzige Freundin Paula. Als Ausgangslage taugt das: Ein Junge, den alle auf ein Körperteil reduzieren, bekommt ausgerechnet dieses Körperteil als Stimme im Kopf. Der Film erkennt die Pointe, spielt sie aber als Gag aus und nicht als Gedanken über Scham.

Den Anstoß liefert laut Decider ein Blitz, der in das Dach einschlägt, auf dem die beiden gerade plaudern. Am nächsten Morgen meldet sich in Charlys Ohr eine Stimme (laut Decider gesprochen von Tom Beck), die wie ein triebgesteuerter Verbindungsstudent drauflosplappert. Charly antwortet laut, wie zu niemandem, dann platzen die Eltern herein; Decider fasst das als Peinlichkeit mit Onanie-Witz zusammen, und mehr steckt auch nicht darin. Die Stimme macht ihm ein Angebot: Sie hält den Mund, sobald er mit Paula geschlafen hat. Bis dahin gibt sie keine Ruhe. Geht eine attraktive Frau an ihm vorbei, johlt sie, so Decider, wie ein Affe im Bananenfeld. Den Höhepunkt dieser Logik bildet das Schulkonzert. Charly hat ein Solo, tritt ans Mikrofon, und sein Unterleib plustert sich vor der gesamten Schülerschaft auf. Er flieht von der Bühne, brüllt seinen Penis an, und es folgt der alte Gag vom Mikrofon, das noch eingeschaltet war. Man kennt den Witz, bevor er erzählt ist. Dass der Clip danach im Netz kursiert, ohne dass es Folgen hätte, zeigt zudem, wie wenig sich dieser Film um die Welt jenseits seiner Pointen schert.

Zugutehalten muss man ihm den ungenierten Ton. Hard Feelings tut nicht so, als wäre Pubertät ein würdevoller Vorgang. Erektionen zeichnen sich laut Common Sense Media unter Hosen und Bettdecken ab, Eltern platzen in peinliche Momente, Witze über Selbstbefriedigung folgen dicht aufeinander. Wer auf dieser Frequenz lacht, wird bedient. Klug ist auch die Entscheidung, die Geschlechtsteile bei reinen Stimmen zu belassen; Decider hält ausdrücklich fest, dass keine Puppen im Spiel sind. Damit bleibt der Film bei den Gesichtern seiner Darsteller, die auf etwas reagieren, das nur sie hören, und genau dort ist er am nächsten an einer Idee, die über den Gag hinausreicht.

Doch die Stimme nutzt sich ab. Was in der ersten Szene überrumpelt, ist nach einigen weiteren ein Tick, und der Film hat kaum eine Idee, wie er ihn variieren soll. Die Kommentare der Geschlechtsteile sind vor allem aufdringlich, nicht pointiert; sie wiederholen dasselbe Begehren in anderer Lautstärke. Damit fehlt, was eine Komödie dieser Art tragen muss: Figuren, deren Wünsche einander widersprechen. Hier will am Ende alles dasselbe, nämlich Sex. Die Spannung zwischen Freundschaft und Begehren, die Charly und Paula tragen sollte, bleibt Behauptung, weil nie eine Szene entsteht, in der die Körper und die Köpfe wirklich gegeneinander arbeiten.

Heikel wird es dort, wo der Film ernst werden will. Common Sense Media nennt als positive Botschaft das Eintreten gegen Mobbing und gegen die Scham der Pubertät, hält aber fest, dass sie vom Sexgehalt übertönt wird. Das stimmt. Paula wird laut dieser Besprechung verbal und über ihr Smartphone gemobbt, nachdem ein beliebter Junge, mit dem sie fast geschlafen hätte, das Gerücht streut, sie gehe mit jedem ins Bett. Charly wiederum wird wegen eines angeblich kleinen Penis verspottet. Der Film zeigt beides, macht daraus aber wenig mehr als Stationen auf dem Weg zum Abschlussball. Dort lassen, so Common Sense Media, alle Jugendlichen die Hosen herunter, um etwas zu beweisen. Gedacht ist das als Befreiung, doch es sieht aus wie ein weiterer Gag, nur diesmal mit der ganzen Schule als Statisten. Dasselbe gilt für die Partyszene, in der nach einem vorzeitigen Samenerguss der Familienhund die Spuren aufleckt: Common Sense Media führt sie auf, und sie ist reine Provokation, die mit den aufrichtigen Momenten des Films kaum zusammengeht.

Tobias Schäfer spielt Charly als Jungen, der zwischen Freundschaft und Trieb zerrieben wird; seine Verzweiflung ist nachvollziehbar, auch wenn ihm das Drehbuch kaum mehr anbietet als Demütigungen. Cosima Henman, die denselben Nachnamen trägt wie der Regisseur, hat als Paula die undankbarere Aufgabe: Die Figur bleibt auf die beste Freundin festgelegt und wird von den Ereignissen mehr herumgeschoben, als dass sie handelt. Axel Stein als Rudolf, Diana Amft als Paulas Mutter, Jasmin Shakeri als Direktorin Voigt, Vivien König als Francoise, Samirah Breuer als Marlene und Nhung Hong als Sarah bekommen wenig Raum. Sie wirken eher wie Stichwortgeber, die der Handlung zuarbeiten, als wie Menschen mit eigenem Leben.

Eine Komödie über die Peinlichkeiten des Erwachsenwerdens lebt davon, dass man ihre Unbeholfenen mag, auch wenn sie sich danebenbenehmen. Henmans Film bringt dafür eine eigene Idee mit, die sprechenden Geschlechtsteile, und verlässt sich fast vollständig auf sie. Zuneigung zu Charly und Paula entsteht dabei kaum. Der Film ist freundlich zu den beiden, solange es um Mobbing geht, und führt sie und ihre Mitschüler im nächsten Moment mit heruntergelassenen Hosen vor.

Decider beginnt seine Kritik mit dem spöttischen Staunen, dass es einen Film mit dieser Prämisse nicht schon längst gibt. Nach Hard Feelings ist die Antwort ernüchternd einfach: Die Idee trägt für eine Szene, vielleicht für zwei, und danach bekommt man dieselbe Pointe in größerer Lautstärke. Dabei hätte die Vorstellung, dass zwei Freunde nicht miteinander schlafen wollen, während ihr Körper anderer Meinung ist, durchaus Reibung hergegeben. Der Film setzt stattdessen auf den Dauerzwischenruf und lässt die Freundschaft, die ihn hätte tragen sollen, links liegen.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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