Kino

‚L’estranea‘: Paolo Strippolis Familientragödie im Wettbewerb von Venedig — Buddenbrooks trifft Faust

Martha Lucas

Wenn ein italienischer Regisseur seinen Film als „Buddenbrooks trifft Faust“ ankündigt, horcht das deutsche Publikum auf: Thomas Mann und Goethe als Koordinaten eines Horrorregisseurs. Genau so hat Paolo Strippoli L’estranea beschrieben, den er nun im Wettbewerb der 83. Filmfestspiele von Venedig uraufgeführt hat — eine „erbarmungslose, viszerale Pop-Tragödie“ über den Niedergang einer Unternehmerfamilie aus Bari.

Die literarische Ansage ist kein Zufall, sondern das Programm. Erzählt wird der Verfall einer großbürgerlichen Dynastie — das Mann’sche Motiv —, angetrieben von einem Pakt, der an Faust erinnert: Eine Frau taucht unangekündigt bei ihrer Tochter auf, um ihr die Wahrheit über die Familie zu gestehen. Diese Wahrheit wurzelt in einem Handel, den sie vor Jahren mit einer Fremden geschlossen hat — und der Handel fordert nun seinen Preis.

Bemerkenswert ist, wer diese Tragödie inszeniert. Strippoli, dreiunddreißig, kommt aus dem Genrekino: Er koregieführte A Classic Horror Story, einen Netflix-Titel von 2021, und drehte danach Piove. Dass ein Regisseur des Schreckens im Rennen um den Goldenen Löwen steht, in einem Wettbewerb, der eher dem kontemplativen Autorenkino zuneigt, ist die eigentliche Nachricht seiner Auswahl — und einer von fünf italienischen Beiträgen in diesem Jahrgang.

Getragen wird der Film von Jasmine Trinca und Valeria Bruni Tedeschi, ergänzt durch Romana Maggiora Vergano und Adriano Giannini. Zwei hoch angesehene Schauspielerinnen stützen einen deutlich jüngeren Regisseur — ein klares Signal für den Ernst des Vorhabens. L’estranea dauert 115 Minuten und ist eine Koproduktion Italiens, Frankreichs und Belgiens.

Ob die literarische Fallhöhe trägt, kann eine erste Vorführung nicht klären. Das Register der „Pop-Tragödie“ kann sich zur Beklemmung verdichten oder ins Camp kippen, und knapp zwei Stunden über den Zerfall einer Familie verlangen vom Publikum, im Unbehagen zu bleiben. Der Anspruch aber ist unübersehbar: großes Erbe, großer Bogen, großes Risiko.

L’estranea konkurriert um den Goldenen Löwen, den die Jury unter Maggie Gyllenhaal am 12. September vergibt, und startet am 8. Oktober in den italienischen Kinos.

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