Filmkritiken

Nosferatu, der Stummfilm, der das Kino das Fürchten lehrte

Molly Se-kyung

Mehr als ein Jahrhundert, nachdem er sein erstes Publikum verstört hat, wirkt Nosferatu noch immer. Nimmt man die Kratzer, die fehlenden Bilder und die orchestralen Flickstellen eines Films weg, der beinahe aus der Geschichte getilgt worden wäre, dann tut F. W. Murnaus Vampir weiter genau das, was der Horror leisten soll und so selten schafft: Er macht die alltägliche Welt unsicher. Eine Tür, eine leere Treppe, das Deck eines reglosen Schiffs – die Kamera findet das Grauen, das schon darin wohnte.

Graf Orlok ist der Grund für sein Fortbestehen. Max Schreck spielt ihn nicht als Aristokraten mit samtener Stimme, sondern als etwas, das dem Ungeziefer näher ist: kahler Schädel, Rattenzähne, Finger, die in Krallen auslaufen, in der steifen Geduld eines Wesens, das alle Zeit der Welt hat. Er ist das erste große Monster, das das Kino erschaffen hat, und fast alles, was das Medium seither mit Vampiren angestellt hat, ist auf die eine oder andere Weise eine Auseinandersetzung mit ihm.

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Ein unautorisierter Dracula

Den Film gibt es, weil jemand die Regeln gebrochen hat. Der Produzent Albin Grau und sein kurzlebiges Studio Prana-Film wollten Bram Stokers Dracula verfilmen, ohne je die Rechte zu erwerben. Die Lösung des Drehbuchautors Henrik Galeen war dreist und oberflächlich: die Figuren umbenennen, die Handlung in eine deutsche Hafenstadt verlegen, aus Graf Dracula den Grafen Orlok machen und darauf vertrauen, dass niemand die Ähnlichkeit bemerkt. Thomas Hutter reist nach Osten, um einen Immobilienverkauf abzuschließen, und sein Kunde entpuppt sich als Leichnam, der sich weigert, in seinem Sarg zu bleiben.

Nosferatu
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Murnau und die Architektur des Grauens

Was Nosferatu über seine Schauerroman-Wurzeln hinaushebt, ist Murnaus Blick. Man ordnet ihn gewöhnlich dem deutschen Expressionismus zu, doch er bricht mit den gemalten, studiogebundenen Albträumen von Das Cabinet des Dr. Caligari: Murnau holte seine Kamera ins Freie, in echte Karpatentäler und Ostseegassen, sodass das Grauen sich ins wirkliche Tageslicht zu schleichen scheint statt in eine Kulisse. Die berühmtesten Bilder sind täuschend einfach – Orlok, der sich starr aus dem Sarg erhebt, als zöge man ihn an Fäden; die Kutschfahrt im flackernden Negativ; und der Schatten der Vampirhand, der eine Treppe hinaufkriecht und sich über das Herz einer schlafenden Frau legt.

Murnau definierte auch neu, wozu ein Vampir gut ist. Orlok verführt nicht – er steckt an. Er reist mit Ratten und bringt die Pest, und der Film schneidet seine Ankunft gegen Särge, die durch leere Straßen getragen werden, bis das Monster nicht mehr von der Seuche zu unterscheiden ist, die es bringt. Ein Jahrhundert bevor Seuchen-Thriller ein Genre wurden, begriff Murnau, dass das Erschreckendste an einem Raubtier seine Ansteckung ist.

Nosferatu
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Ein Film, den die Gerichte auslöschen wollten

Die Tarnung hielt nicht. Florence Stoker, die Witwe des Autors, erkannte den Roman ihres Mannes sofort und klagte wegen Urheberrechtsverletzung. Sie gewann, und ein deutsches Gericht ordnete an, alle Kopien von Nosferatu zu vernichten; Prana-Film, bereits bankrott, drehte nie wieder. Dass der Film überhaupt überlebt, ist ein Zufall des Vertriebs: Kopien hatten sich ins Ausland verstreut, außer Reichweite des Urteils, und wurden über die folgenden Jahrzehnte still wieder zusammengesetzt. Der Vampir, der aus den Akten getilgt werden sollte, überlebte fast jeden, der ihn töten wollte.

Der Schatten, den er warf

Sein Einfluss lässt sich kaum ermessen. Werner Herzog drehte seine ehrfürchtige, schwermütige Neuverfilmung mit Klaus Kinski; Schatten des Vampirs machte die Dreharbeiten selbst zur Fiktion, mit Willem Dafoe als Schreck, der ein echter Vampir ist; und Robert Eggers kehrte mit einer prunkvollen, düster getränkten Neuerzählung für eine neue Generation zum Stoff zurück. Doch das tiefere Erbe ist eine visuelle Grammatik. Jeder langgezogene Schatten, jede Silhouette, die eine Wand emporklettert, jedes Monster, das als Krankheit statt als Romanze gerahmt wird, geht auf diesen einen Stummfilm zurück.

Nosferatu
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Das Urteil

Was an Nosferatu gealtert ist – das großflächige Spiel der Stummfilmzeit, die Schlichtheit einer Handlung, die unverändert von Stoker übernommen wurde –, zählt weit weniger als das, was nicht gealtert ist. Murnaus Kompositionen machen noch echt Angst, Schrecks Orlok bleibt die Vorlage, an der jeder Leinwandvampir gemessen wird, und die Verschmelzung von Folklore und Ansteckung wirkt unheimlich gegenwärtig. Dies ist kein Museumsstück, das man höflich bewundert: Es ist ein Horrorfilm, der immer noch zubeißt, und Pflichtprogramm für alle, die verstehen wollen, woher die Angst des Genres wirklich stammt.

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