Filmkritiken

Nirgendwo presst viel Spannung aus einem Stahlcontainer, doch das Drehbuch hinkt Anna Castillo hinterher

Albert Pintós Survival-Thriller von 2023 über eine Mutter, die mit ihrem Baby auf dem Meer treibt.
Martha O'Hara
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Eine schwangere Frau, ein Frachtcontainer, kein Land in Sicht: Mehr Ausgangslage braucht Albert Pintós Überlebensthriller Nirgendwo (im Original Nowhere) nicht. Mia (Anna Castillo) flieht aus einem Land im Krieg und versteckt sich dafür in einem Seecontainer an Bord eines Frachtschiffs. Nico (Tamar Novas) hat die Flucht mit ihr geplant. Zu Hause hat nach einer Versorgungskrise eine totalitäre Regierung die Macht übernommen und lässt Zivilisten töten, um die knappen Ressourcen zu kontrollieren. Das Paar fürchtet um das eigene Leben und um das des ungeborenen Kindes. Als Ziel haben die beiden Irland im Kopf, eines der wenigen Länder Europas, das die Krise noch im Griff haben soll.

Der Plan scheitert früh. Schleuser trennen die beiden, Nico muss in einen anderen Container. An einem Militärkontrollpunkt werden alle Menschen in Mias Container getötet, nur sie nicht, denn sie hat sich oben auf einem Kistenstapel versteckt. Dann kommen das Schiff und ein Sturm, der die Container ins Meer reißt. Mias Container läuft langsam voll Wasser. Seine Ladung klingt nach Konsumramsch: Tupperware, verpackte Kopfhörer, Flachbildfernseher, Wodka, Kapuzenpullover. Dazu kommen ein Bohrer, Klebeband und ein Taschenmesser, die sie schon vorher retten konnte.

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In diesen Szenen ist der Film am besten. Die Spannung entsteht aus Handgriffen, nicht aus Effekten, und was eben noch wertloser Plunder war, wird zum Material des Überlebens. Mia bohrt mit Bohrer und Messer ein Loch ins Containerdach, um nach oben zu klettern. Als sie sich beim Versuch, ein Flugzeug auf sich aufmerksam zu machen, das Bein aufreißt, näht sie die Wunde mit Teilen aus den Fernsehern und desinfiziert sie mit Wodka. Später fängt sie Fische mit einem selbstgebauten Netz. Pintó inszeniert das ohne Triumphgeste. Mia greift sich, was in Reichweite liegt, und hofft, dass es genügt. Applaus gibt es dafür keinen; jeder Kniff ist nur der nächste Punkt auf einer langen Liste. Besonders beklemmend ist der Moment, in dem Mia durch ein Einschussloch einen anderen Container voller Menschen sieht, der nur wenige Meter entfernt untergeht. Ihr eigenes Überleben hängt an einem Zufall, und der Film lässt das unkommentiert stehen.

Castillo spielt über weite Strecken ohne Gegenüber, und sie braucht keines. Ihre Mia ist erschöpft, geschwächt und von Halluzinationen geplagt, in denen ihre verlorene Tochter Uma auftaucht. Das Militär hat das Kind einst mitgenommen, es gilt als tot, und Mia gibt sich die Schuld. Diese Schuld trägt Castillo in jeder Szene mit, auch wenn der Film sie kaum ausspricht. Die Geburt von Noa in einer Sturmnacht ist ein Wendepunkt, und noch härter trifft die Szene, in der Mia ihre Plazenta isst, um durchzuhalten. Sie ist brutal, aber folgerichtig, und sie zeigt, wie weit die Figur gehen muss. Enge und Erschöpfung vermittelt Castillo über Blick und Körper statt über große Gesten. Der Blechkasten bleibt dadurch ein Ort, an dem eine Frau um ihr Leben kämpft, und wird nicht zur Bühne für eine Darstellerin, die zeigen will, was sie kann.

Schwächer ist die Verbindung zu Nico. Nach der Trennung erleben wir ihn nur noch am Telefon. Er meldet sich mehrfach bei Mia, zuerst nach zwei Tagen, um ihr zu sagen, dass er sie retten will, später nach rund zwanzig Tagen mit schlechten Nachrichten über seinen Zustand. Der Film will in diesen Anrufen offenbar sein Herz zeigen, doch die Gespräche wirken wie ein Mechanismus, der Mia Hoffnung gibt und sie ihr wieder nimmt. Novas hat wenig Raum, eine Figur zu formen, die nur noch eine Stimme ist. Selbst die Nachricht von Noas Geburt, die der emotionale Höhepunkt dieser Beziehung sein müsste, bleibt dadurch merkwürdig blass.

Auch die politische Seite bleibt skizzenhaft. Wer das Regime ist, wie es an die Macht kam und warum es Kinder, Alte und Schwangere ins Visier nimmt, erfahren wir nur in Umrissen. Das Drehbuch von Ernest Riera, Miguel Ruz, Indiana Lista, Seanne Winslow und Teresa Rosendoy nutzt die Dystopie als Antrieb für Mias Flucht und nicht als Thema. Das ist vertretbar, denn der Film will bei ihr bleiben. Trotzdem hätte ein wenig mehr Kontur der Bedrohung gutgetan, vor der sie flieht, schon damit Mias Schuldgefühle gegenüber Uma mehr Boden unter den Füßen haben. Vom Land, das sie verlässt, erfahren wir so wenig, dass die Gefahr eher behauptet als gezeigt wirkt.

Wie der Film seine Heldin entlässt, soll hier offenbleiben. Am stärksten ist Nirgendwo dort, wo das Wasser im Container steigt und aus Elektroschrott und Schnaps medizinisches Gerät wird. Die Telefonate mit Nico und ein Regime, das bloßer Umriss bleibt, ziehen den Film nach unten. Dafür bekommt man einen körperlich sehr direkten Thriller, der seine Hauptfigur wichtiger nimmt als sein Szenario und sich fast ganz auf Castillo verlassen kann.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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