Filmkritiken

The 355 – Absolute Geheimsache: ein Starensemble, das seine Mission nie findet

Liv Altman

Selten hat ein Actionfilm so viel Talent in ein einziges Bild gedrängt. The 355 – Absolute Geheimsache wirft Jessica Chastain, Lupita Nyong’o, Penélope Cruz, Diane Kruger und Fan Bingbing in denselben Spionagethriller — fünf Schauspielerinnen mit Oscars, Nominierungen und echtem Starformat — und verlangt dann erstaunlich wenig von ihnen. Heraus kommt jener seltene Blockbuster, der weniger inszeniert als zusammengesetzt wirkt, entstanden an einem Marketing-Whiteboard und nicht am Drehbuch.

Inszeniert von Simon Kinberg nach einem Drehbuch, das er mit Theresa Rebeck schrieb, folgt der Film einer CIA-Agentin (Chastain), die sich widerwillig mit einer deutschen Agentin (Kruger), einer früheren MI6-Cyberspezialistin (Nyong’o), einer kolumbianischen Psychologin (Cruz) und einer verschlossenen chinesischen Agentin (Fan Bingbing) zusammentut, um einen Datenträger zu bergen, der jedes System der Welt knacken kann. Sie nennen sich „355“, nach dem Decknamen der ersten Spionin der Amerikanischen Revolution. Die Handlung hüpft von Paris über Marrakesch nach Shanghai und hakt jedes Klischee des Spionagekinos ab, ohne je herauszufinden, warum uns das berühren sollte.

YouTube Video

Alles Konzept, keine Umsetzung

Kinberg, ein produktiver Produzent in erst seiner zweiten Regiearbeit, baut die Setpieces solide und ohne Handschrift. Die Höhepunkte kommen pünktlich — eine Verfolgung über einen Markt, eine Flucht über die Dächer, eine Infiltration im Abendkleid in einem Auktionshaus —, doch sie sind gefilmt und geschnitten wie jeder andere mittelbudgetierte Thriller der Streaming-Ära: viel Bewegung, keine Spannung. Das Drehbuch hält ständig inne, um den eigenen Titel zu erklären und Allianzen umzustellen, die nie verdient wirken. Für einen Film über die scharfsinnigsten Agentinnen der Welt weigert er sich auffallend, sie clever sein zu lassen.

The 355 (2022)
The 355 (2022)

Fünf Stars auf der Suche nach einem Film

Sehenswert bleibt das Ganze allein durch das Ensemble, das weit unter seinem Niveau spielt und das Material trotzdem aus purer Professionalität hebt. Chastain, zugleich Produzentin und Ideengeberin, bringt eine stählerne Überzeugung mit, die das Drehbuch nie belohnt; Nyong’o findet Witz in einer kaum gezeichneten Hackerin; Kruger und Cruz entwickeln eine kurze, willkommene Chemie als ungleiches Paar. Fan Bingbing erscheint spät und bleibt ungenutzt. Man verbringt den Film damit, sich den schärferen Film vorzustellen, den diese fünf mit einem Regisseur hätten machen können, der etwas zu sagen hatte.

The 355 – Absolute Geheimsache wollte ein Franchise begründen — eine weibliche Antwort auf den Männerclub des Spionagekinos — und wurde stattdessen zur Warnung vor Konzept über Umsetzung. Das Publikum blieb zu Hause, die Kritik zuckte mit den Schultern, und eine wirklich gute Idee verpuffte in einem generischen Produkt. Der Film ist nicht ärgerlich schlecht; für diese Besetzung ist er etwas Schlimmeres: vergesslich. Das Talent auf der Leinwand hätte den Spionagethriller verdient, der dieser nie sein will.

Besetzung & Stab

Regie: Simon Kinberg. Drehbuch: Simon Kinberg, Theresa Rebeck. Besetzung: Jessica Chastain, Lupita Nyong’o, Penélope Cruz, Diane Kruger, Fan Bingbing, Sebastian Stan, Édgar Ramírez. USA, 2022. 122 Minuten.

Regie

Simon Kinberg

Simon Kinberg

Besetzung

Schlagwörter: , , , , ,

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.