Musik

So Help Me God: Kelsey Lus zweites Album bricht mit allem Erwarteten

Alice Lange

Kelsey Lu kehrt mit So Help Me God zu einem unerwarteten Schritt zurück: Baroque Chamber Pop, ko-produziert mit Jack Antonoff, auf dem Indie-Label Dirty Hit. Zehn Stücke, beginnend mit dem acht Minuten langen „Reaper“, dokumentieren eine künstlerische Neupositionierung nach einer langen Schaffenspause.

Nach Blood hatte Lu sich als Session-Musikerin für Solange, Florence + The Machine und Blood Orange etabliert, als Cello-Avantgarde-Pop-Künstlerin, die ihren Platz am Rand des vom Mainstream-Pop unerschlossenen Territoriums gefunden hatte. Die Zusammenarbeit mit Antonoff überrascht: Sein Name steht für maximale Pop-Präzision, und genau diese Spannung scheint So Help Me God zum Kern zu machen.

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Die Albumarchitektur ist gezielt kinematografisch: Schichten aus Saxofonen, Klavier und Streichern umrahmen ein dezentes elektronisches Herzschlagmuster. „Running to Pain“, der Hauptsingle, untersucht suchtartige Beziehungszyklen; „Better Than That“ mit Sampha dokumentiert den Entschluss loszulassen. Die Abfolge der Tracks ist bewusst gesetzt und belohnt geduldiges Zuhören.

Der Albumtitel verdient eine eigene Einordnung. Lu wuchs in einem streng gläubigen Zeugen-Jehovas-Haushalt auf, verließ diese Welt und hat seitdem eine Kunstpraxis aufgebaut, die genau diese Brüche befragt. „So Help Me God“ stammt aus dem weltlichen Eid, eine Formel, die eine Versprechen an Konsequenzen bindet. Lu verwendet sie als Titel für ein Album über den Wiederaufbau nach einem persönlichen Zusammenbruch ohne klares Ende. Die Spannung zwischen religiösem Echo und säkularer Verwendung ist strukturgebend.

Skepsis ist hier angebracht, nicht gegenüber der Qualität, sondern der Reichweite. Das Album ist nicht auf Spotify verfügbar. Ohne europäische oder lateinamerikanische Tourtermine hängt die internationale Entdeckung fast ausschließlich von Dirty Hits eigenem Ökosystem ab. Last.fm verzeichnet bescheidene Hörerzahlen für eine Künstlerin mit dieser kritischen Anerkennung. Lus Arbeit lebt seit jeher an der Schnittstelle von Kunstpraxis und Popmusik; So Help Me God verlängert diese Position, ohne sie aufzugeben.

Die Kritik hat mit nahezu einhelligem Enthusiasmus geantwortet: The Skinny vergibt 5/5 und nennt es „eine beeindruckende Feier der Komplexität der Existenz.“ „Cutting Off the Head of a Ghost“ schließt das Album mit einer Entschlossenheit, die nahelegt, dass Lu aufgehört hat, mit dem Material zu verhandeln.

So Help Me God ist ab sofort bei Dirty Hit erhältlich. Die Nordamerika-Tournee läuft durch den Sommer, und die ersten Konzertberichte werden zeigen, ob Lu einen Weg gefunden hat, dieses ungewöhnlich intime Album live zu skalieren.

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