Musik

Muse wetten mit The Wow! Signal auf Sci-Fi-Rock ohne Nostalgiefalle

Alice Lange

Muse veröffentlichen selten halbherzige Alben — auch wenn einige ihrer Platten die eigene Ambition nicht ganz einlösen konnten. The Wow! Signal, das zehnte Studiowerk der Briten, gehört nicht dazu: zehn Tracks, 45 Minuten, eine Band, die nach dem düsteren Gestus von The Will of the People diesmal konsequent in den Weltraum zeigt.

Der Albumtitel bezieht sich auf das stärkste SETI-Signal, das jemals aus dem All empfangen wurde — ein kurzes, unerklärtes Rauschen, das Astronomen bis heute beschäftigt. Diese Unbestimmtheit überträgt sich auf die Musik: Muse bauen keine schlichte Rückkehr zu den Nullerjahren, sondern eine aktualisierte Version jenes Klanguniversums, das sie einst zu einer der wenigen Rockbands machte, die Fußballstadien aus eigener Kraft füllen konnten.

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Der erste Eindruck kommt von Nightshift Superstar, der ersten Single des Albums. Chris Wolstenholmes Bassriff trägt den Song: ein physischer Groove, der gleichzeitig an Justice und Daft Punk erinnert und unverkennbar nach Muse klingt. Bellamys Falsetto sitzt darüber mit einer Beiläufigkeit, die für seine Stimme auf dem Höhepunkt typisch ist. Wer an Supermassive Black Hole denkt, liegt im Grundsatz richtig — aber Nightshift Superstar ist direkter, rauer, weniger selbstverliebt.

Trotzdem ist The Wow! Signal kein makelloses Album. Tracks wie The Sickness In You & I und Unravelling liefern verlässlichen Muse-Sound, ohne die Überraschung, die die stärksten Momente des Albums ausmacht. Das Duett mit Ellie Goulding — Hush — steht zwischen Pop-Kalkül und echtem Experiment, ohne sich vollständig für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Wer von der Band eine konsequente Neuerfindung erwartet hatte, wird an diesen Stellen enttäuscht sein.

Die eigentliche Qualität des Albums entfaltet sich im kosmischen Mittelstück: Hexagons, Cryogen und Space Debris schichten Atmosphäre und Komplexität übereinander, als hätten Muse nie aufgehört, ihren eigenen Kanon ernstzunehmen. Das sind keine Selbstzitate, sondern Fortentwicklungen — erkennbar, aber nicht erschöpft.

Mit The Wow! Signal belegen Muse, dass die große Geste im Rock noch funktioniert, wenn sie handwerklich unterfüttert ist. Für eine Band auf ihrem zehnten Album ist das keine Selbstverständlichkeit — und für die Rockszene ein deutlicheres Signal als der Albumtitel vermuten lässt.

The Wow! Signal erschien Ende Juni über Warner Records und das bandeigene Label Helium-3. Tourneepläne hat die Band bisher nicht angekündigt.

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