Fußball

Europas Tabellenführer nach Struktur statt Punkten: Barcelona vorn, Manchester City ganz hinten

Kenji Nakamura
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Nach der ersten dreiwöchigen Länderspielpause, die der europäische Fußballkalender jemals im Herbst vorgesehen hat, kehrt der Vereinsfußball an diesem Wochenende zurück. Die fünf großen Ligen starten mit fünf unterschiedlichen Tabellenführern. Auf dem Papier ähneln sie sich: ungeschlagen oder zumindest nahe dran, mit einigen Punkten Vorsprung. Doch dahinter verbergen sich fünf sehr unterschiedliche Strukturen – manche tragen ihre Führung, andere werden von ihr getragen.

Entscheidend sind hier also nicht die Punkte. Es geht darum, wie viel die Mannschaft mit ihrer Spielanlage tatsächlich für ihre Tabellenführung geleistet hat. Vier Fragen geben den Ausschlag: Wie groß ist der Abstand zu den Verfolgern? Wie viele Tore beträgt die Tordifferenz? Verteilen sich die Treffer auf viele Schultern? Und wie stark hängt der Erfolg von den letzten zehn Minuten, einem einzelnen Torjäger oder dem Torhüter ab? Eine Führung, die auf Durchschlagskraft beruht, übersteht auch eine schlechte Woche; eine Führung mit hauchdünnem Vorsprung braucht weitere knappe Entscheidungen zu ihren Gunsten. In dieser Rangliste steht Barcelona ganz oben und Manchester City ganz unten – obwohl die Engländer als einziges Team ihrer Liga noch eine makellose Bilanz haben.

1. Barcelona (Hansi Flick) – eine Führung, die auf Durchschlagskraft beruht

Sieben Ligaspiele, sieben Siege, 31 erzielte und sieben kassierte Tore, fünf Punkte Vorsprung auf Atlético Madrid. Der Klub hat damit den besten Saisonstart seiner Geschichte hingelegt: Noch nie zuvor gewann Barcelona die ersten sieben Ligaspiele. Und es war keine Serie knapper Rettungen: Dreimal erzielte das Team fünf Tore, gegen Racing Santander sogar sieben.

Entscheidend ist, aus welchen Mannschaftsteilen die Treffer kommen. Raphinha, der nach dem Abschied von Robert Lewandowski ins Sturmzentrum gerückt ist, hat zwölf Ligatore erzielt, darunter einen Dreierpack gegen Racing und einen weiteren beim FC Sevilla. Lamine Yamal kommt von rechts auf sieben Treffer, Fermín López hat drei aus dem Mittelfeld beigesteuert, außerdem haben Pedri, João Cancelo, Gabriel Jesus und Karim Adeyemi getroffen. Barcelona lässt sich nicht stoppen, indem man nur einen Spieler aus dem Spiel nimmt.

Die Schwäche ist ebenfalls erkennbar – und sie ist altbekannt. Gegen Rayo Vallecano, Levante und Racing kassierte Barcelona jeweils zwei Gegentore. Der Preis für die hoch stehende Abwehrkette: Wird das Pressing überspielt, bleibt dahinter viel Raum. Genau dieses Problem sollte Rodri beheben, der als defensiver Mittelfeldspieler vor der Abwehr absichern soll, bevor der Ball in diesen Raum gelangt. Weil Frenkie de Jong verletzt ist, hat Flick ihn neben Pedri aufgestellt und Pedri damit weiter nach vorn rücken lassen. Auch wenn sich diese Grundordnung noch finden muss: Eine Tordifferenz von +24 nach sieben Spieltagen macht Barcelonas Führung zur verdientesten in Europa.

2. Borussia Dortmund (Niko Kovač) – eine Führung, die auf Defensive beruht

Dortmund setzt auf das genaue Gegenteil und überzeugt beinahe ebenso sehr. Vier Spiele, vier Siege, neun erzielte und zwei kassierte Tore sowie drei Spiele ohne Gegentor für Gregor Kobel. Zum ersten Mal seit zehn Jahren ist der BVB mit vier Siegen gestartet. Damit stand der Klub erstmals seit Mai 2023 wieder an der Spitze der Bundesliga.

Diese Führung ist ebenso sehr mit dem Spiel ohne Ball verdient wie mit dem eigenen Ballbesitz. Beide Gegentore kassierte Dortmund in einer Partie, dem 3:2-Sieg bei Hoffenheim, in der die Mannschaft einen Zwei-Tore-Rückstand aufholte; die drei anderen Spiele kontrollierte sie bis zum Schluss. Auch die Tore verteilen sich auf sechs verschiedene Spieler: Serhou Guirassy, Fábio Silva und Felix Nmecha trafen je zweimal, dazu kommen Giannis Konstantelias, Maximilian Beier und ein Eigentor. Das 1:0 in Stuttgart, das Beier nach einem flachen Zuspiel von Jobe Bellingham erzielte, war hart erarbeitet und kein dominanter Auftritt – genau die Art von Spiel, die eine starke Defensivordnung gewinnen soll.

Was Dortmund auf Rang zwei hält, ist der geringe Abstand: Der BVB liegt nur zwei Punkte vor Bayern München, dessen Tordifferenz nach vier Spielen bei +12 liegt, gegenüber +7 für Dortmund. Kovačs Spielanlage hat die Führung verdient; hinter den Dortmundern lauert jedoch der stärkste Verfolger dieser fünf Ligen.

3. Roma (Gian Piero Gasperini) – eine Führung, die auf einem Torjäger beruht

Roma führt die Serie A an, allerdings nur knapp: Mit Inter und Lazio liegt der Klub bei 13 Punkten gleichauf und steht dank der Tordifferenz auf Platz eins. Die defensive Basis ist solide, mit nur drei Gegentoren in fünf Spielen. Die beiden 4:0-Siege gegen Fiorentina und bei Lecce waren zudem eindrucksvolle Beispiele für Gasperinis aggressives, mannorientiertes Pressing.

Die starke Konzentration auf einen Spieler ist allerdings ein Risiko. Donyell Malen hat sechs der 14 Ligatore von Roma erzielt, darunter einen Dreierpack gegen Fiorentina und einen Doppelpack bei Lecce. Gasperini sagte, es würde ihn nicht überraschen, wenn Malen Gonzalo Higuaíns Saisonrekord von 36 Toren gefährdet. Das ist ein Kompliment – und zugleich ein Hinweis auf die Abhängigkeit von ihm. An anderer Stelle waren die Abstände hauchdünn: Beim 2:1 gegen Atalanta traf Mario Hermoso in der 90. Minute, Matías Soulé legte in der dritten Minute der Nachspielzeit nach. Das 2:2 gegen Inter, bei dem Manu Koné beide Treffer für Roma erzielte, kostete den Klub die alleinige Tabellenführung. Eine Mannschaft, die so gut verteidigt, wird in der Spitzengruppe bleiben; eine Führung, die von der Tordifferenz und der Trefferquote eines einzigen Stürmers abhängt, ist nicht von allein abgesichert.

4. Monaco (Filipe Luís) – eine Führung, die auf knappen Entscheidungen beruht

Monaco hat nach fünf Spielen 13 Punkte und führt die Ligue 1 mit zwei Punkten Vorsprung auf Lyon und Paris FC an. Filipe Luís ist der erste Trainer in der Vereinsgeschichte, der die ersten fünf Saisonspiele gewinnen konnte. Das 2:1 bei Paris Saint-Germain, bei dem Monaco nach einem Rückstand durch Treffer von Flávio Nazinho und Stanis Idumbo noch gewann, war das Ausrufezeichen des französischen Herbstes.

Doch der Spielverlauf zeigt, worauf diese Führung beruht. Monaco kam in Paris nur selten gefährlich vor das Tor, und Lukáš Hradecký musste in der Schlussphase mehrfach retten, unter anderem in der Nachspielzeit gegen Ousmane Dembélé. Filipe Luís hob selbst die Defensivarbeit hervor. In der Liga hat Monaco in fünf Spielen acht Tore erzielt; Paris Brunner war viermal erfolgreich, ein weiterer Treffer war ein Eigentor. Kein Ligasieg fiel höher als mit zwei Toren Unterschied. Monaco ist also gut organisiert, doch die Führung beruht auf knappen Entscheidungen – und auf solche lässt sich nicht verlässlich immer wieder bauen.

5. Manchester City (Enzo Maresca) – eine Führung, die sich die Spielanlage noch nicht verdient hat

Nach Punkten hat City hinter Barcelona die makelloseste Bilanz der fünf Teams: fünf Spiele, fünf Siege und drei Punkte Vorsprung auf Arsenal. Mit Blick auf die Spielanlage ist die Führung jedoch am wenigsten abgesichert. Drei der fünf Siege fielen mit nur einem Tor Unterschied aus. Zum Auftakt drehte City den Rückstand gegen Bournemouth durch einen Kopfball von Marc Guéhi in der 84. Minute und den Siegtreffer von Joško Gvardiol in der Nachspielzeit. Coventry und Manchester United wurden jeweils mit 1:0 bezwungen. Und das 5:3 gegen Sunderland, bei dem Brian Brobbey einen Dreierpack erzielte und Sunderland neun Schüsse aufs Tor brachte, war ein Spiel, das Maresca lieber mit 1:0 gewonnen hätte. Er räumte ein, mindestens zwei der Gegentore seien „zu einfach“ gewesen.

Die Ursache ist im Kader zu erkennen. City verkaufte Rodri an Barcelona – jenen Spieler, der früher die Abwehr absicherte – und baute das Mittelfeld mit Elliot Anderson, Ayyoub Bouaddi und Enzo Fernández unter einem neuen Trainer neu auf, der seine erste Saison bestreitet. Maresca hat davon gesprochen, „einen neuen Rodri“ finden zu wollen. Bis ihm das gelingt, hängt Citys Kontrolle stärker von der Offensivqualität ab – Erling Haaland, Antoine Semenyo und Rayan Cherki haben getroffen – als von einer gefestigten Spielanlage.

Hinzu kommt ein Grund, weshalb die Führung selbst nur vorläufig ist. Eine unabhängige Kommission hat City schwerwiegender Verstöße gegen die Finanzregeln der Premier League über neun Spielzeiten für schuldig befunden. Der Klub hat Berufung eingelegt, eine Sanktion steht noch aus. Das ist keine taktische Bewertung, schärft aber den Blick auf die sportliche Lage: Eine Führung, die auf späten Toren, einem neu zusammengestellten Mittelfeld und einer Tabelle beruht, die sich noch ändern könnte, ist die am wenigsten verdiente unter den fünf europäischen Spitzenreitern.

Das Muster hinter der Tabelle

Stellt man die fünf Mannschaften nebeneinander, wird die Trennlinie deutlich. Barcelona und Dortmund führen, weil ihre Spielanlagen regelmäßig Ergebnisse hervorbringen: Barcelona durch Durchschlagskraft und eine breite Verteilung der Tore, Dortmund durch seine Defensive. Roma, Monaco und Manchester City führen, weil knappe Entscheidungen zu ihren Gunsten ausgefallen sind: ein Torjäger in Form, ein Torhüter auf dem Höhepunkt oder ein Siegtreffer in der Nachspielzeit. Am Wochenende steht zuerst die zweite Gruppe auf dem Prüfstand. City muss an die Anfield Road. Die Frage ist nicht, ob die makellose Bilanz hält, sondern ob die Spielanlage dahinter inzwischen zu den Punkten aufgeschlossen hat.

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