Fußball

Deutschland schlägt die Elfenbeinküste bei der WM 2026 – und zeigt zugleich, woran das System der DFB-Elf noch hakt

Die Mannschaft gewinnt in Toronto und führt Gruppe E an, doch erst der reaktive Dreierwechsel von Nagelsmann löste den kompakten Block der Ivorer – nicht der bevorzugte Aufbau.
Kenji Nakamura

Ein 2:1 deckt mehr zu, als es offenlegt. Deutschland steht nach zwei Spieltagen bei der Weltmeisterschaft 2026 mit sechs Punkten an der Spitze der Gruppe E, ist im Achtelfinale – der neuen Runde der letzten 32 – und gehört zum Kreis der Turnierfavoriten. Gegen die Elfenbeinküste in Toronto aber gewann die DFB-Elf nicht über ihre Struktur, sondern gegen sie. Wer den Abend tatsächlich entschied, war nicht die Startelf, sondern die Bank.

Beginnen wir mit dem Bild, das Nagelsmann auf den Platz schickte: Neuer im Tor; davor Kimmich, Tah, Schlotterbeck und Brown; Pavlović und Nmecha als Doppelsechs; Sané, Musiala und Wirtz hinter Havertz. Auf dem Papier ein Aufgebot voller Kombinationsspieler, ein Mittelfeld, das den Ball halten und durch die Zwischenräume stechen soll. In der Praxis war es genau die Konstellation, die ein disziplinierter Gegner sich wünscht – und die Elfenbeinküste war diszipliniert.

Der Kern des Problems ist eine Frage der Besetzung des Zentrums. Havertz interpretierte die Neun als falsche, abkippende Spitze: Er ließ sich fallen, suchte den Ball am Fuß, band sich ins Aufbauspiel ein. Das hat seinen Reiz, doch es kostete Deutschland den einen Spieler, der die ivorischen Innenverteidiger hätte festnageln müssen. Niemand band die letzte Linie. Die Verteidiger der Elfenbeinküste konnten herausrücken, ohne befürchten zu müssen, dass in ihrem Rücken Raum entsteht – weil dort niemand stand, der ihn zu nutzen drohte.

Im Halbraum verschärfte sich die Lage. Musiala und Wirtz sind beide brillant, beide aber zog es in dieselben zentralen Zonen, in dieselben engen Korridore zwischen Sechser und Innenverteidiger. Statt das Spiel zu staffeln und den Block in die Breite zu ziehen, drängten sie in denselben Raum, den die Elfenbeinküste ohnehin am dichtesten besetzt hatte. Wo zwei Kreative dasselbe Feld beanspruchen, halbiert sich nicht der Aufwand des Gegners – er addiert sich der eigene. Und am rechten Flügel blieb Sané isoliert: einzeln gegen einen vorbereiteten Verteidiger, ohne den schnellen dritten Mann, der das Eins-gegen-eins in eine Überzahl verwandelt hätte.

So entstand das wiederkehrende Muster der ersten Stunde: Ballbesitz ohne Durchdringung. Deutschland zirkulierte, ohne den Block der Ivorer wirklich zu öffnen. Das ist die gefährlichste Form von Dominanz, weil sie sich nach Kontrolle anfühlt, während sie keine Tore erzwingt. Und sie verleitet zur Übersteuerung. Zwei deutsche Treffer wurden vom VAR wegen Fouls im Aufbau zurückgenommen – kein Zufall, sondern ein Symptom. Wer einen kompakten Block nicht sauber aufzieht, sucht die Lösung im Körperlichen, im Drängen, im Forcieren. Die annullierten Tore waren der Preis dafür, dass die Struktur die Lücke nicht von selbst lieferte.

Die Elfenbeinküste tat in dieser Phase genau das, was der Plan vorsah – und mehr. In der 30. Minute brachte sie das Modell zur vollen Geltung. Nach Druck von Amad Diallo und Yan Diomandé sprang der Ball lose im deutschen Aufbau, Franck Kessié war zur Stelle und traf zur Führung. Es war kein Glückstor im engeren Sinn, sondern die logische Belohnung für ein Pressing, das den deutschen Aufbau zum Stocken brachte. Die Ivorer hatten die Blaupause: tief verschieben, das Zentrum verdichten, auf den losen Ball lauern. Ihnen fehlte am Ende nur die Konsequenz im Abschluss.

Genau hier liegt der zweite Teil der Wahrheit dieses Abends. Deutschland änderte nicht etwa die Idee – Deutschland änderte das Personal. In der 60. Minute zog Nagelsmann einen Dreifachwechsel: Deniz Undav, Nadiem Amiri und Jamie Leweling kamen. Und mit ihnen kam die Struktur, die zuvor gefehlt hatte. Das ist die entscheidende Beobachtung des Spiels.

Undav ist keine abkippende, sondern eine echte Neun. Er pinnte die letzte Linie, hielt die Innenverteidiger der Elfenbeinküste fest, gab dem deutschen Angriff einen Fixpunkt, an dem sich alles andere ausrichten konnte. Leweling stellte die Breite wieder her: Plötzlich musste der ivorische Block horizontal arbeiten, nicht mehr nur vertikal komprimieren. Und Amiri brachte den Lauf aus der Tiefe – den verzögerten dritten Mann, der in die Zonen stieß, die nun endlich entstanden, weil die letzte Linie gebunden war. Drei Wechsel, drei strukturelle Korrekturen: ein Anker vorn, Breite außen, Tiefe aus dem zweiten Glied.

Man kann den Mechanismus präzise nachzeichnen. Solange Havertz abkippte, hatte der ivorische Innenverteidiger keine Aufgabe – er durfte nach vorn verteidigen, weil hinter ihm kein Gegenspieler lauerte. Sobald Undav auf der letzten Linie blieb, kehrte sich die Pflicht um: Der Verteidiger musste tief stehen, sich an seinem Gegenspieler orientieren, durfte nicht mehr ungestraft herausrücken. Damit öffnete sich erstmals der Raum vor der Abwehr, in den Amiri stoßen konnte – und der Korridor zwischen den herausgezogenen Außen, in dem Leweling den Ball forderte. Es ist eine Kettenreaktion: Wer die letzte Linie bindet, befreit den Halbraum; wer den Halbraum belebt, zieht den Block auseinander. Genau diese Kette fehlte der Startelf vollständig.

Das Ergebnis folgte fast unmittelbar der Logik. In der 68. Minute glich Undav per Volleyabnahme nach einer Flanke von Amiri aus – exakt die Kombination, die der vorherige Aufbau nicht hergegeben hatte: Breite, Hereingabe, ein Stürmer in Strafraumposition. Und tief in der Nachspielzeit, in der 90.+4 Minute, stocherte Undav nach einem Zuspiel von Nmecha den Siegtreffer über die Linie. Die Elfenbeinküste hatte zuvor noch ihre Chance: Adingra vergab spät, Torhüter Fofana hielt, was zu halten war. Doch das Pendel war längst gekippt – nicht durch eine Idee, sondern durch eine Reaktion.

Und hier muss man polemisch werden, weil die Tabelle es sonst verschleiert. Das Favoritensiegel der DFB-Elf wird derzeit von der Tiefe des Kaders und von der Abschlussqualität getragen – nicht von einem System, das gegen einen disziplinierten Block funktioniert. Der bevorzugte Aufbau, jener mit Havertz als falscher Neun und der Doppelung im Halbraum, hat die Elfenbeinküste über sechzig Minuten nicht geknackt. Was ihn knackte, war die Bank: ein klassischer Mittelstürmer, ein echter Flügel, ein Box-to-Box-Läufer. Das ist eine Ressource, kein Plan. Im Achtelfinale, gegen einen Gegner, der ebenso tief und ebenso geordnet steht, lässt sich nicht jedes Mal auf den 60-Minuten-Wechsel hoffen.

Man unterschätze dabei die Elfenbeinküste nicht. Sie hat an diesem Abend die Anleitung geliefert, wie man Deutschland in der jetzigen Form ausbremst: das Zentrum verdichten, herausrücken, weil niemand die Tiefe bedroht, auf den zweiten Ball gehen. Dass sie verlor, lag nicht an einem falschen Konzept, sondern an einem fehlenden Tor. Die Diskrepanz zwischen ihrer strukturellen Klarheit und ihrer Effizienz im letzten Drittel ist die einzige, die sie vom Punktgewinn trennte.

Bleibt der Kontext, der das Bild rundet. Deutschland eröffnete das Turnier mit einem 7:1 gegen Curaçao – ein Ergebnis, das Torgefahr und Kaderbreite belegt, aber wenig über das Verhalten gegen einen verdichteten Block aussagt. Genau diese Prüfung lieferte erst die Elfenbeinküste. Die sechs Punkte stehen, der Gruppensieg ist in Reichweite, der Weg in die Runde der letzten 32 ist frei. Das ist der Ertrag, und er zählt.

Doch die Aufgabe für Nagelsmann ist nun klar umrissen. Es geht nicht darum, Spieler auszutauschen – das funktioniert, wie die Schlussphase zeigte. Es geht darum, die Erkenntnis der zweiten Hälfte in eine Startstruktur zu übersetzen: einen Spieler, der die letzte Linie bindet; eine Staffelung, die Musiala und Wirtz nicht in denselben Raum zwingt; verlässliche Breite, die den Block horizontal dehnt. Wer das Turnier gewinnen will, darf den Hebel nicht in der 60. Minute suchen müssen. Die Favoritenrolle ist verdient. Das System, das sie einlöst, muss vor den K.o.-Spielen noch entstehen.

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