Wissenschaft

Casey Harrell mit ALS kommunizierte 3.800 Stunden per Hirnimplantat

Nadia Okonkwo

Casey Harrell, 47 Jahre alt, verlor durch ALS die verständliche Sprache und die Kontrolle über Arme und Beine. Was die Nervenkrankheit nicht erreichen konnte, war das motorische Kortexsignal: jenes Muster neuronaler Aktivität, das sein Gehirn noch immer erzeugt, wenn er versucht zu sprechen. Ein System aus vier Mikroelektrodenarrays, chirurgisch im linken Gyrus praecentralis platziert und mit 256 kortikalen Elektroden ausgestattet, liest diese Signale und wandelt sie in Text und Cursorsteuerung um. Harrell kommunizierte mehr als 183.000 Sätze und nahezu zwei Millionen Wörter mit Geschwindigkeiten von bis zu 56 Wörtern pro Minute.

Die Bedeutung des Ergebnisses liegt darin, wo es erzielt wurde. Frühere Gehirn-Computer-Schnittstellen hatten in kontrollierten Forschungsumgebungen beeindruckende Genauigkeiten erreicht, erforderten jedoch bei jeder Sitzung einen Forscher zur Kalibrierung und Signalprüfung. Harrell nutzte das System allein zu Hause, nahezu täglich, ohne diese Unterstützung. Das Gerät lief 3.800 Stunden. Diese Zahl ist kein Laborwert, sondern das Ergebnis von fast zwei Jahren täglicher unabhängiger Nutzung.

Funktionsprinzip des Systems

Das BrainGate2-Gerät decodiert zwei gleichzeitige Informationsströme. Der erste ist das beabsichtigte Sprachsignal: Wenn Harrell versucht, ein Wort auszusprechen, erzeugen Neuronen in seinem linken Gyrus praecentralis ein erkennbares Muster, das das System in Text übersetzt. Der zweite ist ein Cursorsignal: Durch dekodierte Armbewegungsabsichten erhält er die Kontrolle über eine Standard-Computeroberfläche.

Die Decodierungsalgorithmen werden in Erstkalibrierungen trainiert und benötigen danach weder tägliche Einstellung noch Forscherbegleitung. In Labortests mit einem 125.000-Wörter-Vokabular erreichte die Wortgenauigkeit 99 Prozent. Im Alltag zu Hause bewertete Harrell 92 Prozent seiner Sätze als korrekt oder überwiegend korrekt.

Was die Zahlen bedeuten

Der bisherige Maßstab für solche Systeme lag bei 97 Prozent Wortgenauigkeit in kontrollierten Umgebungen — mit Forscherbegleitung. Dieses Ergebnis verbessert beide Messwerte gleichzeitig: höhere Genauigkeit und kein Forscher erforderlich.

Mit 56 Wörtern pro Minute kommuniziert Harrell etwa doppelt so schnell wie mit den schnellsten Augenverfolgungssystemen. ALS schreitet fort; dabei kann selbst die verbleibende Augenbewegung unzuverlässig werden. Ein kortikales BCI umgeht diese Schwachstelle, indem es das Signal liest, bevor es einen Muskel erreicht.

„BCIs waren bislang Proof-of-Concept-Geräte in Forschungslaboren“, sagte David Brandman, UC-Davis-Neurochirurg und Co-Hauptuntersuchungsleiter. „Diese Arbeit zeigt, dass wir eine Schwelle überschritten haben könnten und einem Menschen mit Lähmung ermöglichen, in seinen eigenen Worten zu sprechen.“

Was noch offen bleibt

Die BrainGate2-Studie ist ein Forschungsprojekt mit wenigen Teilnehmern. Harrells Ergebnisse spiegeln die Erfahrung einer einzigen Person mit einer Implantatkonfiguration über einen bestimmten Zeitraum wider. Ungeklärt bleibt, wie sich die neuronale Signalqualität mit dem Krankheitsfortschritt veränderte — ein entscheidender Faktor für die Einschätzung, wie lange ein Patient mit stabiler Leistung rechnen kann.

Die Hardware erfordert eine offene Neurochirurgie. Vollständig drahtlose, vollständig implantierte Versionen dieser Geräteklasse haben noch keine klinischen Studien erreicht. Zugang, Kosten und Nachsorge bedeuten, dass selbst ein kommerziell zugelassenes Gerät zunächst nur einem Bruchteil der ALS-Betroffenen zugutekäme.

Häufige Fragen zu Hirnimplantaten bei ALS

Warum raubt ALS die Sprache?

ALS zerstört die Motoneuronen, die Signale vom Gehirn zu den Muskeln übertragen. Wenn die Muskeln, die Gesicht, Zunge und Rachen kontrollieren, schwächer werden, wird die Sprache unverständlich. Die Neuronen im motorischen Kortex, die die Sprechabsicht codieren, bleiben bis zu späten Krankheitsstadien erhalten — genau dort kann ein kortikales BCI das Signal abfangen, bevor es den geschädigten Weg erreicht.

Wann könnte ein solches Gerät außerhalb einer klinischen Studie verfügbar sein?

BrainGate2 ist ein investigatives Gerät; es gibt noch kein zugelassenes Handelsprodukt. Die Publikation in Nature Medicine ist ein bedeutender klinischer Meilenstein, aber nicht der Beginn eines kommerziellen Zeitplans.

BrainGate2 nimmt weiterhin Teilnehmer auf. Die nächste Phase soll die Ergebnisse auf eine größere Kohorte ausdehnen und prüfen, ob die 56-Wörter-pro-Minute-Marke weiter verbessert werden kann.

Referenz: Card et al., „Independent and accurate at-home use of a speech BCI by a participant with ALS“, Nature Medicine, 2026. DOI: 10.1038/s41591-026-04414-6

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