Fernsehen

Painkiller: Schonungslose Anklage gegen Big Pharma und die Opioidkrise

Elisabeth Plank
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Die erste Szene von „Painkiller“ spielt vor Gericht. Dort erhebt Edie Flowers, gespielt von Uzo Aduba, schwere Vorwürfe: „Sie [die Mutter der Frau] kann sich nicht ansehen und sagen: ‚Ich habe einen Fehler gemacht.‘“ Dieser Moment gibt den Ton für die Netflix-Miniserie vor: Sie setzt sich dramatisch mit der Opioidkrise in den USA auseinander und scheut sich nicht, Schuldige zu benennen. Die von Micah Fitzerman-Blue und Noah Harpster entwickelte und von Peter Berg inszenierte Serie basiert auf einem Artikel von Patrick Radden Keefe im New Yorker sowie auf einem Buch von Barry Meier. Sie zeichnet ein fiktionalisiertes, zugleich fundiertes Bild von Purdue Pharmas Rolle in der Epidemie.

Die Serie verknüpft mehrere Handlungsstränge und erzählt aus der Perspektive von Betroffenen, Verantwortlichen und Ermittlern. Im Zentrum stehen Edie Flowers (Aduba), eine hartnäckige Ermittlerin, die entschlossen ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; Richard Sackler (Matthew Broderick), der distanzierte und habgierige Chef von Purdue Pharma; und Glen Kryger (Taylor Kitsch), ein Mechaniker, dessen Leben aus den Fugen gerät, als er von OxyContin abhängig wird. Die Serie startete im August 2023 auf Netflix und erregte mit ihrem mutigen Umgang mit einem komplexen und erschütternden Thema viel Aufmerksamkeit bei der Kritik.

Ihre größte Stärke spielt „Painkiller“ dort aus, wo die Serie den menschlichen Folgen der Opioidkrise ein Gesicht gibt. Statt auf Sensationslust zu setzen, richtet sie den Blick auf die realen Auswirkungen der unethischen Marketingmethoden von Purdue Pharma. Adubas Darstellung von Edie Flowers ist herausragend: Sie verleiht der Figur eine stille Intensität und moralische Klarheit. Besonders eindringlich sind ihre Szenen vor Gericht, in denen sie die Argumente der Verteidigung mit juristischem Können und emotionaler Wucht Schritt für Schritt auseinandernimmt.

Auch Brodericks Darstellung von Richard Sackler gehört zu den Höhepunkten. Mit beunruhigender Präzision zeigt er die Gleichgültigkeit und Gier der Figur und macht Sackler zu einem faszinierenden, zugleich zutiefst verstörenden Gegenspieler. Bemerkenswert ist auch Kitschs Leistung als Glen Kryger: Er verkörpert die menschlichen Folgen der Abhängigkeit mit Dringlichkeit und Verletzlichkeit.

Die Serie profitiert von ihrem starken Ensemble, zu dem neben den Hauptdarstellern auch Dina Shihabi als Britt Hufford, West Duchovny als Shannon Schaeffer und Jack Mulhern als Tyler Kryger gehören. Alle bringen Tiefe und Nuancen in ihre Rollen ein und sorgen dafür, dass die Geschichte stets in menschlichen Gefühlen verankert bleibt.

Ganz ohne Schwächen ist „Painkiller“ allerdings nicht. Die Serie versucht, Drama und Satire miteinander zu verbinden, doch die Wechsel im Ton wirken häufig abrupt. Die satirischen Spitzen sollen die Absurdität des Vorgehens von Purdue Pharma herausstellen, erscheinen aber oft mit dem Holzhammer und schmälern die emotionale Wucht der Geschichte. Auch das Erzähltempo ist unausgewogen: Manche Folgen ziehen sich in expositionlastigen Szenen, während andere entscheidende Momente allzu hastig abhandeln.

Peter Bergs Regie ist insgesamt überzeugend. Ihr klarer visueller Stil verstärkt die dramatische Spannung der Serie. Mitunter wirkt die Inszenierung jedoch übermäßig stilisiert und lenkt so von den Darstellungen und der Geschichte ab. Die Kameraarbeit erzeugt wirkungsvoll ein Gefühl von Unbehagen und drohendem Unheil, schlägt gelegentlich aber auch in Melodramatik um.

„Painkiller“ dürfte vor allem Zuschauerinnen und Zuschauer ansprechen, die sich für True-Crime-Dramen und wirtschaftliches Fehlverhalten interessieren. Leichte Kost ist die Serie nicht, konfrontiert sie ihr Publikum doch mit den verheerenden Folgen von Gier und Fahrlässigkeit. Doch gerade weil sie den Geschichten der Menschen Raum gibt, die von der Opioidkrise betroffen sind, ist sie ein wichtiges und notwendiges Fernsehwerk.

Die Serie lädt auch zum Vergleich mit anderen jüngeren Werken über ähnliche Themen ein, etwa „Dopesick“ und „The Crime of the Century“. Beide beschäftigen sich ebenfalls mit der Opioid-Epidemie, doch „Painkiller“ setzt einen eigenen Schwerpunkt auf die juristischen und ermittlerischen Aspekte der Krise. So bietet die Serie eine besondere Perspektive, die andere Beiträge des Genres ergänzt, statt mit ihnen zu konkurrieren.

Auch in Sachen Originalität fällt „Painkiller“ auf, weil die Serie sich einem komplexen und umstrittenen Thema stellt. Sie scheut weder davor zurück, mit dem Finger auf Verantwortliche zu zeigen, noch davor, Schuld zuzuweisen. So entsteht eine mutige, schonungslose Auseinandersetzung mit einer der drängendsten Gesundheitskrisen unserer Zeit. Auch die Verbindung der Genres funktioniert: Elemente aus Drama, Krimi und Justizthriller fügen sich zu einer packenden Erzählung zusammen.

Letztlich ist „Painkiller“ eine Serie, die Aufmerksamkeit verlangt. Mit wirkungsvollen dramatischen Momenten erweist sie den Opfern der Opioidkrise die gebührende Achtung. Ihre angestaubten satirischen Einfälle untergraben jedoch die Wirkung und lassen das aufrüttelnde Enthüllungsstück tonal unausgegoren wirken.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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