Dokumentarfilme

Risqué Business: Schonungsloser Blick auf Europas Sexkultur

Veronica Loop
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Die Eröffnungsszene von Risqué Business: The Netherlands and Germany verweilt auf dem Gesicht von Shin Dong-yup (Shin Dong-yup), der vor einem Schaufenster im Amsterdamer Rotlichtviertel steht. Sein Ausdruck schwankt zwischen Faszination und Unbehagen. Diese Realityserie beobachtet nicht nur, sie macht mit – und verwischt dabei die Grenze zwischen Dokumentation und Reisebericht mit Selbsterfahrung. Mit den Moderatoren Shin Dong-yup und Sung Si-kyung an der Spitze taucht die Sendung kopfüber in die Sexkulturen zweier der fortschrittlichsten Länder Europas ein und verbindet praktische Erfahrungen mit offenen Gesprächen.

Was Risqué Business sofort auszeichnet, ist der furchtlose Umgang mit seinem Thema. Anders als viele Realityshows, die heikle Themen nur vorsichtig streifen, begegnet diese Serie ihnen mit ungeschönter Offenheit. Shin Dong-yup und Sung Si-kyung sprechen nicht bloß mit Fachleuten oder beobachten das Geschehen aus der Distanz: Sie besuchen Bordelle, nehmen an Workshops zu tantrischem Sex teil und diskutieren mit Einheimischen offen über ihre Einstellung zu Intimität, Einvernehmlichkeit und Kommerz. Die Kamera ist nah dran und oft handgeführt. So sind die Zuschauer unmittelbar an der Seite der Moderatoren, während diese sich auf unbekanntes – und mitunter verstörendes – Terrain begeben.

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Das Zusammenspiel von Shin Dong-yup und Sung Si-kyung zählt zu den größten Stärken der Serie. Shin Dong-yups komödiantisches Timing und seine stoisch-trockenen Reaktionen auf die ausgefalleneren Seiten der niederländischen und deutschen Sexkultur sorgen für die nötige Leichtigkeit. Seine Verblüffung bei einem Workshop zu tantrischem Sex ist zum Beispiel gleichermaßen urkomisch wie nachvollziehbar und macht ihn zu einem zugänglichen Begleiter durch diese Tabuthemen. Sung Si-kyung wiederum verleiht den Gesprächen mit seiner nachdenklichen Art eine ernsthafte Grundierung. Mit gezielten Fragen bringt er tiefere kulturelle Unterschiede ans Licht – etwa die Abgrenzung zwischen Sexarbeit und Ausbeutung oder den Umgang des deutschen Rechts mit Prostitution im Vergleich zu Südkorea.

Am überzeugendsten ist die Serie, wenn sie Humor und ernsthafte Neugier miteinander verbindet. In einer besonders gelungenen Folge besuchen Shin Dong-yup und Sung Si-kyung ein Fetischfestival; ihre Reaktionen reichen von Belustigung bis zu völliger Ratlosigkeit. Das Segment hätte leicht in billige Effekthascherei abgleiten können, doch die aufrichtige Neugier der Moderatoren hält es auf dem Boden. Sie lachen nicht einfach über das Spektakel, sondern kommen mit den Teilnehmern ins Gespräch und fragen nach ihren Beweggründen und Überzeugungen. Dadurch wirkt die Serie eher wie eine anthropologische Studie als wie ein billiger Reality-TV-Gag.

Allerdings leistet sich Risqué Business auch Schwächen. Gelegentlich gerät das Erzähltempo ins Stocken, besonders in späteren Folgen, in denen manche Interviews sich wiederholen oder ins Leere laufen. Die Neugier der Moderatoren ist zwar spürbar, doch verliert die Serie bisweilen den Fokus. Dann fragt man sich, ob man tatsächlich etwas Neues erfährt oder sich lediglich vom Bizarren unterhalten lässt. Auch die häufige Berufung auf den Schockeffekt ist zweischneidig: Sie hält das Publikum bei der Stange, birgt aber zugleich die Gefahr, komplexe kulturelle Praktiken auf bloße Kuriositäten zu reduzieren.

Inhaltlich widmet sich Risqué Business gewichtigen Fragen: der Legalisierung von Sexarbeit, der Ethik der Branche und gesellschaftlichen Einstellungen zu Sexualität. Die Serie scheut auch kontroverse Themen nicht, etwa die Debatte darüber, ob Prostitution entkriminalisiert oder strenger reguliert werden sollte. Diese Gespräche erhalten Raum, sodass differenzierte Sichtweisen zur Geltung kommen können. Der koreanisch geprägte Blickwinkel der Sendung schränkt ihren Horizont jedoch mitunter ein. Shin Dong-yup und Sung Si-kyung bringen zwar ihre eigenen kulturellen Vorannahmen ein, doch würde die Serie von vielfältigeren Perspektiven profitieren – insbesondere von denen lokaler Fachleute und der Sexarbeiter selbst.

Was die Genrezugehörigkeit angeht, nimmt Risqué Business eine besondere Position zwischen Reality-TV und Dokumentarfilm ein. Die Serie hat Gemeinsamkeiten mit Formaten wie Anthony Bourdain: Parts Unknown, das Reisebericht und Kulturkommentar verbindet, geht mit seinem Thema aber deutlich expliziter um. Ansprechen dürfte sie Zuschauer, die gern über Inhalte nachdenken, die ihr Weltbild herausfordern, ebenso wie alle, die sich für die Sexkulturen der Niederlande und Deutschlands interessieren. Der offene Umgang mit dem Thema könnte allerdings ein eher konservatives Publikum oder Menschen abschrecken, denen Gespräche über Sexualität unangenehm sind.

Die Auftritte von Shin Dong-yup und Sung Si-kyung gehören zu den Höhepunkten der Serie. Beide Moderatoren bringen ihre ganz eigene Persönlichkeit ein und schaffen so eine Dynamik, die zugleich unterhaltsam und informativ wirkt. Shin Dong-yups komödiantisches Timing ist tadellos, während Sung Si-kyungs durchdachte Fragen den Gesprächen zusätzliche Tiefe verleihen. Die Chemie zwischen ihnen ist deutlich spürbar und macht das Duo zu einer fesselnden Begleitung auf seiner Erkundung unbekannten Terrains.

Auch in puncto Originalität hebt sich Risqué Business aus dem dicht besetzten Reality-TV-Angebot ab. Es gibt zwar zahlreiche Sendungen, die andere Kulturen oder Reiseziele erkunden, doch nur wenige nehmen sich der Sexkultur mit solcher Offenheit und Ehrlichkeit an. Dass die Serie Tabuthemen nicht aus dem Weg geht, unterscheidet sie von konventionelleren Formaten und macht sie zu einer erfrischenden Abwechslung.

Letztlich ist Risqué Business: The Netherlands and Germany eine mutige und zum Nachdenken anregende Erkundung der Haltung zweier Länder zu Intimität. Zwar stolpert die Serie gelegentlich über ihr Erzähltempo und ihre Neigung zum Schockeffekt, doch ihre Stärken – allen voran das Zusammenspiel von Shin Dong-yup und Sung Si-kyung – sorgen dafür, dass sie durchgehend fesselt.

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