Kino

Goldener Ehrenlöwe für Ellen Burstyn: Mit 93 spielt die Method-Ikone in Venedig Marilyn Monroe

Martha O'Hara

Sechs Oscar-Nominierungen, ein Sieg, ein Tony, zwei Emmys und rund einhundertfünfzig Filme in mehr als fünf Jahrzehnten: Die Bilanz, für die Venedig Ellen Burstyn mit dem Goldenen Ehrenlöwen auszeichnet, gehört zu den vollständigsten des amerikanischen Kinos. Die 83. Filmfestspiele überreichten der Dreiundneunzigjährigen die höchste Ehrung außerhalb des Wettbewerbs — und banden sie an eine neue Rolle: In Maggie Gyllenhaals siebzehnminütigem Kurzfilm Flesh Impact spielt Burstyn Marilyn Monroe, imaginiert mit hundert Jahren, allein auf einer leeren Bühne bei einem Vorsprechen.

Festivaldirektor Alberto Barbera würdigte sie als „eine Schauspielerin von seltener Intensität und Wahrheit“, die „seit über fünfzig Jahren eine Präsenz im amerikanischen Kino“ sei. Die Werkliste bestätigt das Urteil: der Durchbruch in Die letzte Vorstellung, die Mutter in Der Exorzist, der Oscar als beste Hauptdarstellerin für Alice lebt hier nicht mehr 1975, die Tortur von Requiem for a Dream, schließlich Interstellar, ungebrochen.

Burstyn selbst führte ihr Werk auf eine Wurzel zurück: „Ich hätte diese Karriere ohne meine Ausbildung nicht gehabt.“ Gemeint ist die Method von Lee Strasberg und das Actors Studio, das sie später leitete. Entsprechend nüchtern fällt ihr Blick auf Monroe aus: „Sie hat das ganze Konzept von Marilyn Monroe erschaffen und es gespielt“ — eine Konstruktion, kein Mythos. Einmal habe sie Monroe in einem Nachtclub gesehen und gespürt, dass diese sie erkenne: „Ich fühlte mich geehrt und glücklich.“

Die institutionelle Geste hat noch eine zweite Ebene: Gyllenhaal, die den Kurzfilm inszeniert, ist zugleich Präsidentin der diesjährigen Wettbewerbsjury. Vom Podium aus dankte Burstyn überdies „der gesegneten Gloria Steinem“ für den Bewusstseinswandel, der die Filmsets verändert habe — ein Hinweis darauf, wie anders die Branche ihre Frauen heute behandelt als zu ihren Anfängen.

Der Goldene Ehrenlöwe ist Venedigs höchste Auszeichnung jenseits der Wettbewerbspreise. Den Goldenen Löwen für den besten Film vergibt die Jury unter Gyllenhaal am 12. September.

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