Filmkritiken

Lou ist ein schlichter Sturm-Thriller, den nur Allison Janney trägt

Anna Foerster inszeniert 2022 eine nächtliche Verfolgungsjagd mit schwachem Drehbuch.
Martha O'Hara
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Orcas Island, 1986, ein Sturm zieht auf. Hannah spielt vor ihrem Haus mit der kleinen Vee Verstecken, kurz darauf ist das Mädchen verschwunden, verschleppt von einem Anhalter, der zuvor Hannahs Freund Chris getötet hat. Hannah läuft zu ihrer Nachbarin und Vermieterin Lou, einer Einzelgängerin mit Hund, und platzt mitten in deren Suizidversuch. Mit dieser Wendung schlägt Lou einen Ton an, der den ganzen Film prägt: hart, direkt, ohne Umschweife. Was folgt, ist ein Thriller zwischen Action und Familiendrama, der selten Atem holt und dabei ein paar Löcher aufreißt, die er nie ganz stopft.

Anna Foerster hält die Spannung über weite Strecken oben, am deutlichsten dort, wo Allison Janneys Lou zeigt, wer sie früher war: eine ehemalige CIA-Agentin, sechsundzwanzig Jahre im Außendienst. Dass sie unterwegs Philips Freunde Tony und Gerry tötet, geschieht ohne Aufhebens, und Janney spielt es mit einer Ruhe, die mehr verrät als jede Erklärung. Jurnee Smollett-Bell hat als Hannah weniger Spielraum für Nuancen. Ihre Verzweiflung wirkt trotzdem echt, gerade weil sie sich ausgerechnet einer Frau anvertrauen muss, die sie bis dahin nur als Vermieterin kannte und deren Vergangenheit sie nicht einmal ahnt.

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Der Film stolpert dort, wo er auf vertraute Muster setzt. Dass der Entführer Philip heißt, Vees Vater ist und ein früherer Green Beret, den Hannah für tot hielt, erfahren wir früh. Dass er zugleich Lous Sohn ist, überrascht dagegen kaum, weil das Drehbuch den Twist von Anfang an vorbereitet und dann mit großer Geste ausspielt. Lou hat ihn einst angezeigt, um Hannah und Vee zu schützen, und sie hat ihn als Kind zurückgelassen, weil ein Undercover-Einsatz im Iran es verlangte. Eine Mutter, die ihr Kind verlässt, und ein Sohn, der ihr das später heimzahlt: Konfliktstoff gäbe das reichlich. Im Film bleibt es eine Information, die in einem Dialog nachgereicht wird, wenn die Handlung ohnehin schon auf den Showdown zurast und für Gewicht keine Zeit mehr bleibt.

Auch der Sturm bleibt zu oft bloße Kulisse. Nacht, Regen, Verfolgung: Das sieht ordentlich aus, doch der Film macht wenig daraus, dass er auf einer abgeschiedenen Insel spielt, auf der niemand schnell Hilfe holen kann. Sheriff Rankin, den Matt Craven spielt, wird am Ende von einem Anruf der US Marshals ausgebremst, weil der Fall plötzlich Bundessache ist. Das ist folgerichtig, nimmt der Insel aber den letzten Rest an Eigenleben. Dabei steckt in der Konstellation, zwei Frauen allein gegen einen Mann, der ihnen alles nehmen will, durchaus Potenzial für Isolation und Klaustrophobie.

Die Kritik fiel nach dem Netflix-Start im September 2022 gemischt aus. Gelobt wurde Janney, bemängelt das Drehbuch. Die Besprechung auf Roger Eberts Website hält fest, dass die Verbindung zwischen den Figuren nur trägt, wenn Buch und Regie sie kräftig genug stützen. An Lou lässt sich das gut nachprüfen. Decider nannte den Film einen soliden Spannungsthriller, den starke Darbietungen und die Regie tragen. Beide Urteile lassen sich vereinbaren, denn Lou funktioniert in den Szenen, in denen die Figuren handeln, und verliert dort, wo sie erklären müssen.

Das Finale wirft dann alles auf einmal auf die Leinwand: ein Leuchtturm voller Sprengstoff, den Lou aus der Ferne zündet, um einen anfliegenden CIA-Hubschrauber auf sich aufmerksam zu machen, ein Kampf am Strand, eine Umarmung, bevor ein Agent schießt und Mutter und Sohn im Wasser verschwinden. Die körperliche Auseinandersetzung ist ordentlich gebaut. Die Umarmung hätte den emotionalen Kern des Films bilden können, wirkt aber überhastet, weil zwischen Lou und Philip nie genug Zeit für mehr als Anklagen und Rechtfertigungen bleibt. Die Schlussszene auf der Fähre, mit dem Kupferarmband und der Narbe am Arm einer Frau, die Hannah und Vee durchs Fernglas beobachtet, öffnet immerhin eine Tür, statt sie zuzuschlagen. Sie ist die schönste Idee des Films, und sie kommt in den letzten Sekunden.

Unterm Strich bleibt ein Thriller, der Janneys Präsenz braucht und sie bekommt. Sie verleiht Lou eine Autorität, die das Drehbuch nicht selbst herstellt, und sie macht aus der Figur mehr als eine Frau mit Geheimnis. Smollett-Bell hält dagegen, Foerster inszeniert die Action sauber. Wer einen straffen Abend mit einer starken Hauptdarstellerin sucht, wird nicht enttäuscht; lange nachhallen wird davon allerdings wenig.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

  • Ridley Asha Bateman — Vee

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