Kino

Tinto Brass‘ ‚Col cuore in gola‘ von 1967: Venedig hebt einen Pop-Thriller ins Klassiker-Archiv

Jun Satō

Ein Festival entscheidet nicht nur, welche neuen Filme zählen, sondern auch, welche alten es rettet. Die 83. Mostra von Venedig beginnt am Abend des 1. September, noch vor ihrem offiziellen Eröffnungsfilm, mit einer solchen Entscheidung: In der Sala Darsena läuft die restaurierte 4K-Fassung von Col cuore in gola, dem Thriller, den Tinto Brass 1967 drehte und montierte, als Weltpremiere. Zugleich erhält Brass den Pietro-Bianchi-Preis. Aus einem Skandalregisseur wird, im Akt der Restaurierung, ein Klassiker.

Restaurierung ist nie neutral. Ein alter Film mit zersplitterten Rechten und ohne offensichtlichen Marktwert verschwindet, wenn niemand für Scan, Reinigung und Farbkorrektur bezahlt. Hier hat das die Arbeit des Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom übernommen, finanziert von Netflix, auf Grundlage der Materialien des Rechteinhabers Compass Film. Dass ein Streamingdienst die Rettung eines randständigen Titels bezahlt, ist zum Normalfall geworden: Die Plattformen kaufen mit Restaurierungen das Prestige, das ihr Katalog allein nicht erzeugt.

Und was wird da kanonisiert? Col cuore in gola ist kein bequemer Fall. Nach dem Roman Il sepolcro di carta von Sergio Donati erzählt der Film von Erpressung und Mord im London der Pop-Ära, mit Jean-Louis Trintignant und Ewa Aulin — doch die Handlung ist Vorwand. Brass montiert das Ganze als bewegten Comic: geteilte Bilder, Überblendungen, Panels; als grafischen Berater holte er Guido Crepax, den Schöpfer der Valentina-Comics. Es ist der experimentelle Brass, ein Jahrzehnt vor Salon Kitty, Caligula und den erotischen Komödien, die sein Bild bis heute prägen.

Der Pietro-Bianchi-Preis, vergeben von Italiens Filmjournalisten im Einvernehmen mit der Biennale, macht die Aufwertung amtlich. Er ehrt einen Künstler, den die italienische Filmkultur lange auf Distanz hielt, und er tut es in dessen Heimatregion Venetien. Restaurierung und Auszeichnung sind ein und dieselbe Geste: Die Institution holt einen Autor zurück, den sie einst lieber als Skandal verbuchte.

1967 lief Col cuore in gola in Venedig außer Konkurrenz; nun kehrt der Film, fast sechzig Jahre später, in der Reihe Venezia Classici zurück, die bis zum 12. September läuft. Der offizielle Eröffnungsfilm, Danny Boyles Ink, startet den Wettbewerb am 2. September. Das erste Bild der Mostra aber gehört an diesem Abend dem Archiv.

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