Kino

Festivalgeschichte am Lido: Lee Chang-dong vor dem Goldenen Löwen, Herzog als deutsches Gegenargument

Jun Satō

Der Wettbewerb von Venezia 83 lässt sich nüchtern als Frage der Festivalgeschichte lesen: Welche Handschrift setzt sich durch, wenn eine Jury zwischen bewährten Meistern entscheidet? Die Mostra, das älteste Filmfestival der Welt, hat ihre Goldenen Löwen selten an das Laute vergeben und oft an das Strenge — an eine Handschrift, die sich Zeit lässt. Noch hat kein Wettbewerbsfilm eine Vorführung erlebt, während wir dies schreiben; was folgt, ist eine Prognose aus Methode, Prämisse und Besetzung, keine Kritik.

Die Prognose lautet Possible Love von Lee Chang-dong, sein erster Film seit Burning aus dem Jahr 2018. Das Argument ist analytisch: Lee gilt als der strengste moralische Realist des gegenwärtigen Kinos, ein Regisseur, der gewöhnliche Leben so lange beobachtet, bis sich unter ihnen ein ethischer Riss auftut — und der dem Zuschauer zutraut, das Beben zu spüren, ehe es benannt wird. Diese innere Verwüstung, in langen, unbeschleunigten Einstellungen entwickelt, ist genau jene Art von Ernst, die eine Festivaljury als großes Kino registriert, und sie fügt sich in eine Reihe von Venedig-Entscheidungen, die das Unaufdringliche dem Effekt vorgezogen haben. Er führt Jeon Do-yeon, in Cannes für Secret Sunshine als beste Darstellerin ausgezeichnet, mit Sul Kyung-gu zusammen und stellt ihnen Zo In-sung und Cho Yeo-jeong zur Seite: ein Ensemble, das auf emotionale Ausgrabung angelegt ist, auf das zurückgenommene Spiel, das eine aufmerksame Jury zu lesen weiß. Hinzu kommt der erzählerische Druck eines gebrochenen Schweigens — die Rückkehr eines Autors dieses Ranges ist selbst eine Erzählung, die eine Jury wahrnimmt, und die Festivalgeschichte kennt den Sog solcher Wiederkehr. Die Jury unter Maggie Gyllenhaal umfasst Johnnie To, eine asiatische Autorenperspektive im Raum, neben einer Präsidentin, die ihr eigenes Regiewerk auf Innerlichkeit gebaut hat. Nichts garantiert das Meisterwerk. Es beschreibt aber den Film mit dem höchsten Plafond im Feld, von einem Regisseur, der nie etwas Nachlässiges veröffentlicht hat.

Der erste Außenseiter ist Bucking Fastard von Werner Herzog, mit Rooney und Kate Mara als Schwestern. Hier liegt das eigentliche Gegenargument dieser Prognose, und es ist ein deutsches: Herzog, der 2024 den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt, hat den Wettbewerbspreis nie gewonnen — und diese Lücke ist selbst ein dramaturgischer Hebel für eine Jury, die offene Rechnung, die ein Festival mitunter zu begleichen wählt. Als deutscher Meister, dessen Kino sich zwischen dem Erhabenen und dem Entrückten bewegt und dem der internationale Kanon längst gehört, bleibt Herzog im besten Sinne unberechenbar; ein am rauen Band zweier Schwestern gebauter Film kann am Lido zünden oder umkippen, und Jurys haben seinen kontrollierten Wahnsinn zuvor belohnt. Wer die Festivalgeschichte ernst nimmt, muss diesen Namen gegen Lee stellen.

Der zweite Außenseiter kommt aus dem entgegengesetzten Temperament. The Echo Chamber von Andrea Pallaoro, mit Alicia Vikander und Susan Sarandon, setzt formale Kontrolle gegen Herzogs Legende. Pallaoro führte Charlotte Rampling 2017 mit Hannah zur Coppa Volpi — ein Präzedenzfall, den ein Festival, das sein eigenes Gedächtnis pflegt, nicht vergisst; sein Kino ist ein Präzisionsinstrument für Schauspielerinnen, bis auf den Millimeter komponiert. Prämiert die Jury Strenge statt Rhetorik, ist dies der Name.

Was die Prognose übersieht, ist das Offensichtliche: Niemand hat diese Filme gesehen. Eine auf Methode und Besetzung gebaute Vorhersage lässt sich von einem einzigen fehljustierten Film widerlegen, und Lees Geduld, die zur Tiefe wird, kann an einem schwachen Abend als Trägheit erscheinen. Das Feld ist reich an bewährten Preisträgern, von Koreeda über McDonagh und Moretti bis Zeller. Jede Vorhersage setzt hier auf den Bestand einer Reputation, nicht auf eine bereits erfolgte Vorführung.

Das Urteil fällt am 12. September 2026 am Lido von Venedig, wenn die Jury unter Maggie Gyllenhaal den Goldenen Löwen vergibt. MCM begleitet die Zeremonie live und prüft jede Prognose an den tatsächlichen Filmen.

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