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Women on the Edge: Feministische Rachekomödie mit ungeschliffenen Darstellungen und bissigem Witz

Veronica Loop
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Die Eröffnungsszene von „Women on the Edge“ ist eine Lehrstunde in Sachen Subversion. Ángela, gespielt von Carla Peterson, und Vera, gespielt von Julieta Díaz, stürmen im identischen gelben Trainingsanzug mit einer langen Liste von Beschwerden über Dr. Edgardo Sanchez Leven (Salvador del Solar) in einen Operationssaal. Dieser Moment gibt den Ton für Azul Lombardías Komödie vor: unverblümt mutig, schwärzer als schwarz und erfrischend feministisch.

Der Film erzählt von Ángela und Vera, die sich nach getrennten Begegnungen mit demselben Chirurgen in einer Gruppe zur Wutbewältigung kennenlernen. Verbunden durch ihr gemeinsames Trauma und den beiderseitigen Wunsch nach Rache, machen sie es sich zur Aufgabe, die fragwürdigen Praktiken von Dr. Leven aufzudecken. Die Ausgangsidee ist simpel, doch Lombardía verleiht ihr mit pointierten Dialogen und ihrem Gespür für die Vielschichtigkeit weiblicher Wut besondere Schärfe.

Peterson und Díaz bilden das Herzstück des Films und liefern gleichermaßen urkomische wie herzzerreißende Darstellungen. Besonders Peterson glänzt als Ángela, deren raue Schale eine tief sitzende Verletzlichkeit verbirgt. Die Szene, in der sie ihrer entfremdeten Familie gegenübertritt, zählt zu den Höhepunkten: Sie zeigt Petersons Wandlungsfähigkeit ebenso wie Lombardías Talent, Humor mit echter emotionaler Wucht zu verbinden. Es ist eine Komödie von Azul Lombardía aus dem Jahr 2023.

Díaz wiederum verleiht Vera eine stille Intensität. Die Figur zeichnet sich durch ihre Widerstandskraft angesichts aller Widrigkeiten aus. Die Chemie zwischen den beiden ist spürbar; aus vorsichtigen Bündnissen wächst eine tiefe Verbundenheit. Wie sie bei einer Flasche Wein Geschichten aus ihrer Vergangenheit austauschen, ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Lombardía mit Humor die Feinheiten weiblicher Freundschaft erkundet.

Auch die Nebenbesetzung überzeugt. Esteban Lamothe und Martín Garabal sorgen als Fercho und Fede für dringend benötigte komische Entlastung. Die beiden tollpatschigen Freunde geraten in Ángela und Veras Komplott. Ihre Slapstick-Einlagen bilden einen Kontrapunkt zu den düsteren Themen des Films und lockern die Stimmung auf, ohne der Ernsthaftigkeit der Haupthandlung etwas von ihrem Gewicht zu nehmen.

Salvador del Solar gibt sich als Dr. Leven herrlich schmierig und verkörpert mit seinem aalglatten Charme und seiner fragwürdigen Moral den perfekten Bösewicht. Seine Darstellung erinnert daran, dass die besten komischen Schurken jene sind, die sich selbst vollkommen ernst nehmen – selbst wenn um sie herum alles im Chaos versinkt.

Schwächen zeigt „Women on the Edge“ beim Erzähltempo. Im zweiten Akt fällt es dem Film schwer, den Schwung der Eröffnungsszenen aufrechtzuerhalten. Ein Handlungsstrang um Natalia (Celina Font), eine Journalistin, die gegen Dr. Leven ermittelt, bleibt unausgereift und bringt den Erzählfluss ins Stocken. Font spielt überzeugend, doch Natalias Funktion innerhalb der Geschichte wird nie ganz klar. So wirkt sie letztlich wie ein nachträglicher Einfall.

Auch einige Gags zünden nicht und setzen zu sehr auf Slapstick statt auf die geistreichen Dialoge, die den ersten Akt so mitreißend machen. Wenn Fercho und Fede etwa versuchen, in Dr. Levens Büro einzubrechen, zieht sich die Szene über Gebühr und sorgt nicht für annähernd so viele Lacher wie die früheren Sequenzen.

Die Kameraarbeit fällt durch kräftige Farben und dynamische Bewegungen auf. Lombardía nutzt verschiedene visuelle Mittel, um die Gefühlslage der Figuren hervorzuheben: Nahaufnahmen fangen ihre Mimik ein, weite Einstellungen vermitteln die Dimension ihres Vorhabens. Der Soundtrack mit einer Mischung aus beschwingten Popsongs und eigens komponierter Musik passt hervorragend zum Ton des Films.

„Women on the Edge“ scheut sich nicht vor ernsten Themen, verliert dabei aber nie seine komödiantischen Wurzeln aus dem Blick. Der Film ist zugleich eine Feier weiblicher Freundschaft und Selbstermächtigung, eine scharfe Kritik an patriarchalen Institutionen und eine rabenschwarze Rachefantasie. Seine Auseinandersetzung mit Trauma, Widerstandskraft und der Macht gemeinsamen Handelns wirkt aktuell und nachdrücklich. Wer sich für feministisches Kino interessiert, sollte ihn unbedingt sehen.

Der Film zeichnet sich außerdem durch sein Engagement für Repräsentation aus. Mit einer überwiegend weiblichen Besetzung und der Auseinandersetzung mit Themen wie Behandlungsfehlern und Diskriminierung am Arbeitsplatz eröffnet „Women on the Edge“ dem Komödiengenre eine neue Perspektive. Der Film begreift Lachen als Mittel des Widerstands und nutzt Humor, um gesellschaftliche Normen infrage zu stellen und Veränderungen einzufordern.

Auch als Regisseurin beweist Lombardía ein sicheres Gespür für Komödie und Drama. Sie hat einen ausgeprägten Blick für visuelles Erzählen und setzt die Kamera gezielt ein, um die emotionalen Wendepunkte der Handlung zu unterstreichen. Besonders beeindruckend ist, wie souverän sie die Tonlagen ausbalanciert und mühelos von Szenen zum lauthals Lachen zu Momenten tiefer Trauer und Wut wechselt.

Die Themen des Films sind aktuell und relevant; sie knüpfen an heutige Debatten über Geschlecht, Macht und Gerechtigkeit an. Der Film versteht die Vielschichtigkeit weiblicher Wut und zeigt sie nicht als Makel, den es zu überwinden gilt, sondern als kraftvollen Motor für Veränderung. Zu sehen, wie Ángela und Vera sich von Opfern zu Gestalterinnen ihres eigenen Schicksals entwickeln, wirkt inspirierend und bestärkend.

„Women on the Edge“ dürfte vor allem Fans schwarzer Komödien mit feministischer Note ansprechen. Wer Filme wie „Bridesmaids“, „The Heat“ oder „Ocean’s 8“ mag, wird hier viel finden, was ihm gefällt – ebenso alle, die sich für das Zusammenspiel von Geschlecht und Komik interessieren. Weil der Film ernste Themen in einen komödiantischen Rahmen einbettet, ist er zugänglich und mitreißend, auch für ein Publikum, das sich sonst vielleicht nicht gezielt feministisches Kino aussucht.

Letztlich entzieht sich „Women on the Edge“ einer einfachen Einordnung. Der Film ist schwarze Komödie, Rachefantasie, Kritik an patriarchalen Institutionen und zugleich eine Feier weiblicher Freundschaft.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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