Fußball

Australien – Türkei: Wie Australien mit 28 Prozent Ballbesitz 2:0 gewann

Kenji Nakamura

Die Türkei wartete vierundzwanzig Jahre auf die Rückkehr zu einer Weltmeisterschaft, und über weite Strecken hatte sie in Vancouver, wofür sie gekommen war: den Ball, das Tempo, das Recht zu diktieren. Hakan Çalhanoğlu hatte es vorab angekündigt — seine Auswahl sei „talentierter“ und werde dominieren. Sie dominierte. Sie verlor auch 2:0, und der Abstand zwischen diesen beiden Sätzen erzählt das ganze Spiel. Australien überstand den türkischen Ballbesitz nicht zufällig. Es lud ihn ein.

Tony Popovic stellte ein 5-4-1 auf, das weniger Formation als Wette war: den Ball überlassen, die Räume verengen und darauf vertrauen, dass eine auf Kombination gebaute Mannschaft am Ende niemanden mehr zum Anspielen hat. Mohamed Touré presste allein vorn, die beiden Ketten dahinter blieben eng und tief, die Fünferkette löste ihre Form nie auf. Am Ende hatte Australien 28 Prozent Ballbesitz und dreißig gegnerische Abschlüsse zugelassen — doch die entscheidende Zahl, die zugelassenen erwarteten Tore, lag kaum über eins. Die Türkei besaß das ganze Feld außer den Zonen, in denen Spiele entschieden werden.

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Der Mechanismus verstärkte sich selbst, und das machte ihn zur Falle. Çalhanoğlu und Arda Güler sind Taktgeber: Sie bauen auf, sondieren, warten auf die Lücke. Doch gegen einen derart passiven Block öffnet sich die Lücke nie, und je länger die Türkei den Ball hielt, desto mehr fürchtete sie, ihn zu verlieren — denn hinter jedem Ballverlust lauerte das Tempo von Irankunda und Touré im Konter. Also zögerte sie. Der Distanzschuss statt des entscheidenden Passes; das Querspiel statt des Balls, der die Linien bricht. Ihre Vorsicht bewahrte die Struktur und trocknete den Angriff zugleich aus.

Das erste Tor war die These im Kleinen. In der 27. Minute schaffte ein einziger vertikaler Zug, was eine halbe Stunde geduldigen Aufbaus nicht geschafft hatte: Paul Okon-Engstler dosierte den Ball in die Gasse, Nestory Irankunda zog nach innen und schob flach ins kurze Eck. Mit achtzehn wurde er zum jüngsten australischen WM-Torschützen — und das Tor zählte, weil es nach vorn ging. Die türkische Antwort kam sofort und war aufschlussreich: Çalhanoğlu traf kurz darauf den Pfosten, das einzige Mal an diesem Abend, dass die Türkei mit der Direktheit angriff, die der Anlass verlangte.

Nach der Pause drückte die Türkei stärker, und Vincenzo Montella suchte Kreativität, indem er Kenan Yıldız brachte — einen zweiten Mann, der neben Güler Linien überspielt. Der Druck war echt; der Durchbruch nicht. Patrick Beach — der 22-Jährige, den Popovic dem weit erfahreneren Mathew Ryan vorzog, eine zum Anpfiff mutige, zum Abpfiff geniale Entscheidung — zeigte die Parade des Abends, einen Reflex aus kürzester Distanz gegen Kerem Aktürkoğlu, und hielt erneut bei einem Freistoß Gülers.

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Dann, in der 75. Minute, schnappte die Falle zu. Mit nach vorn gekippter Türkei und endlich entblößtem Zentrum fand Connor Metcalfe den Raum, auf dessen Bespielung der ganze australische Plan gewartet hatte. Die Verteidiger ließen ihn laufen; er trug den Ball ohne Hast vor und zirkelte ihn am Torwart vorbei ins flache Eck — sein erstes WM-Tor. Kein Raubzug. Der logische zweite Akt eines Spiels, in dem die Mannschaft ohne Ball stets die einzigen Räume fand, die zu besetzen sich lohnte.

Das 2:0 schmeichelt also niemandem. Es ist das saubere Ergebnis eines strukturellen Missverhältnisses: eine Ballbesitzmannschaft, deren beste Spieler aufs Aufbauen programmiert sind, trifft auf einen Gegner, der sie nur zu gern ewig aufbauen lässt. Çalhanoğlu hatte recht mit dem Talent und unrecht damit, was es ihm einbringen würde.

Das hinterlässt Montella die schwierigere Frage. Die Gruppe D wartet nicht: Die USA eröffneten bereits mit einem 4:1 gegen Paraguay, und die Türkei braucht nun Ergebnisse gegen Gegner, die dieses Spiel gesehen und genau gelernt haben, wie man sie bespielt. Kann eine Elf, die den Ball beherrschen soll, lernen, dem wehzutun, der ihn ihr freiwillig überlässt? Australien, auf der Jagd nach dem ersten Achtelfinale seit 2006, hat gerade bewiesen, dass das Gegenteil ein WM-Spiel gewinnt. Ob es eine Gruppe gewinnt, ist die Frage, die Vancouver über beiden offenlässt.

Fußball-WM 2026 · BC Place Vancouver
Nestory IRANKUNDA 27'
Connor METCALFE 75'
Australia · 5-4-14-2-3-1 · Türkiye
18Patrick BEACH
3CIRCATI
4Jacob ITALIANO
5Jordan BOS
19Harry SOUTTAR ★
21Cameron BURGESS
8Connor METCALFE
13Aiden ONEILL
24Paul OKON-ENGSTLER
9Mohamed TOURE
17Nestory IRANKUNDA
23Ugurcan CAKIR
2Zeki CELIK
3Merih DEMIRAL
14Abdulkerim BARDAKCI
20Ferdi KADIOGLU
6KÖKCÜ
10CALHANOGLU ★
16Ismail YUKSEK
7AKTÜRKOĞLU
8ARDA GÜLER
21Baris Alper YILMAZ

Spielverlauf

Kenan YILDIZ ↔ Baris Alper YILMAZ 🔁
⚽ Nestory IRANKUNDA
27'
🔁 Nishan VELUPILLAY ↔ Nestory IRANKUNDA
61'
62'
Yunus AKGUN ↔ Orkun KOKCU 🔁
🔁 Tete YENGI ↔ Mohamed TOURE
74'
🔁 Jason GERIA ↔ Jacob ITALIANO
74'
⚽ Connor METCALFE
75'
80'
Salih OZCAN ↔ Ismail YUKSEK 🔁
80'
Mert MULDUR ↔ Zeki CELIK 🔁
🔁 Jackson IRVINE ↔ Paul OKON-ENGSTLER
83'
🔁 Aziz BEHICH ↔ Jordan BOS
83'
85'
Deniz GUL ↔ Kerem AKTURKOGLU 🔁
86'
YUNUS 🟨

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